Bisherige Bilanz: Skiunfälle schwerer und komplexer in der Versorgung

Ein Skifahrer stürzt im Schnee.
20.000 Menschen verletzen sich jährlich. Heuer sorgen härtere und schmälere Pisten durch fehlenden Schnee für Unfälle.

Ein schwerer Skiunfall ereignete sich am vergangenen Wochenende im Skigebiet Schmittenhöhe in Zell am See: Ein 49-jähriger starb nach dem Zusammenstoß mit einem 14-jährigen Skifahrer aus Irland. Der Jugendliche beging zunächst Fahrerflucht, stellte sich jedoch einen Tag später bei der Polizei. Insgesamt verunglücken jedes Jahr im Schnitt laut Österreichischem Kuratorium für alpine Sicherheit (ÖKAS) 29 Menschen tödlich auf Österreichs Pisten, etwa die Hälfte aufgrund von Herz-Kreislauf-Störungen. 

„Tödliche Unfälle passieren meist bei Kollisionen mit anderen Skifahrern oder mit Objekten, etwa Bäumen. 90 Prozent aller Unfälle auf den Pisten passieren durch Stürze ohne Fremdverschulden“, sagt Tomas Woldrich, Leiter der Abteilung Breitensport im Österreichischen Skiverband (ÖSV) und Vorstandsmitglied im ÖKAS. Insgesamt sind rund neun Millionen Menschen in der Wintersaison auf Österreichs Pisten unterwegs mit rund 50 Millionen Skitagen jährlich. 

20.000 Verletzte jährlich

Unfälle, vor allem mit leichteren Verletzungsmustern, die nicht via Notruf gemeldet werden, werden von der Alpinpolizei nicht erfasst. Laut Erhebungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) verletzen sich jährlich rund 20.000 Menschen beim Skifahren so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. 

Allein rund 5.600 Wintersportler werden durchschnittlich nach Ski- und Snowboardunfällen in der Unfallambulanz des Kardinal Schwarzenberg Klinikums in Schwarzach in Salzburg in der Wintersaison erstversorgt. An Spitzentagen sind das bis zu 170 Frischverletzte, sagt Manfred Mittermair, Leiter Abteilung für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie. „Gerade an den Wochenenden passieren sehr viele Unfälle. Häufig kommt es zu Brüchen von Unter- oder Oberschenkel, im Hüft- und Beckenbereich, zu Knieverletzungen und Schädel-Hirn-Traumen. Die Verletzungen sind über die Jahre schwerer geworden und komplexer in der Versorgung“, so Mittermair. 

Bei rund 10 bis 15 Prozent der verletzten Ski- und Snowboardfahrer ist eine Operation erforderlich. Rund ein Prozent benötigt eine intensivmedizinische Versorgung. In der laufenden Wintersaison war bisher der 29.12.2025 mit 19 Landungen an einem Tag jener mit den meisten Hubschrauber-Einsätzen am Klinikum in Schwarzach. 17 dieser 19 Landungen waren für die Unfallchirurgie, zwei für die Zentrale Notaufnahme, das heißt internistische Notfälle. 

Mangelnde Technik und hohe Geschwindigkeiten

„Viele Unfälle passieren, weil Skifahrer nur über eine mangelnde Technik verfügen. Sie können nicht abrupt stehen bleiben, wodurch es bei teils hohen Geschwindigkeiten zu Kollisionen und Stürzen kommt. Viele fahren über ihre Verhältnisse“, meint Mittermair aus eigenen Beobachtungen auf der Piste. Bis zu 50 km/h und mehr können Hobbyskifahrer erreichen und bei Kollisionen ähnlich schwere Verletzungen wie bei Verkehrsunfällen. Untersuchungen des KFV gemeinsam mit der Technischen Universität Graz haben etwa gezeigt: Fährt ein Kind mit 30 km/h gegen ein festes, ungesichertes Hindernis, liegt das Risiko einer lebensbedrohlichen Verletzung trotz Helm bei mehr als 90 Prozent. 

Zudem seien die Pisten in der heurigen Saison härter und oft schmäler – aufgrund des vielerorts fehlenden Naturschnees gäbe es kaum Ausweichmöglichkeiten. Alkohol sei bei Verletzten weniger ein Thema, berichtet Mittermair. „Es kommt schon vor, aber starke Alkoholisierungen bei Skifahrern und Snowboardern haben abgenommen – sie sind eher beim Après-Ski im Tal zu finden als auf der Piste.“ 

Mehr Menschen auf den Pisten

Den Eindruck vieler, dass Skifahrer und Snowboarder rücksichtsloser fahren, kann Experte Woldrich nicht bestätigen. Studien würden zeigen, dass die objektive Sicherheit zugenommen habe, aber das subjektive Sicherheitsempfinden abgenommen. „Das liegt in erster Linie an den Beförderungskapazitäten, die in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Je mehr Menschen auf der Piste sind, desto eher gewinnt man den Eindruck, dass die eigene Freiheit und Sicherheit eingeschränkt sind. Gleichzeitig zeigen Studien sowohl vom Österreichischen Skiverband als auch unabhängige Untersuchungen: Je mehr Menschen auf den Pisten sind, umso weniger passiert im Verhältnis“, erklärt Woldrich. Eine gewisse Ängstlichkeit hindere daran, bei hohem Ansturm auf den Pisten über die eigenen Verhältnisse zu fahren. 

Aufwärmen kommt zu kurz

Viele Unfälle könnten verhindert werden, wenn Skifahrer und Snowboarder das Skigeschehen besser beobachten würden und sich selbst besser einschätzen könnten, betont der Experte. „Die beste Prävention ist, auf sich selbst und auf sein Umfeld zu achten, die FIS-Regeln einzuhalten und angepasst an die Wetter- und Pistenbedingungen zu fahren. Eine gute Skitechnik verhindert Stürze bis zu einem gewissen Grad, aber noch mehr hilft sie dabei, mehr auf andere achten zu können“, so Woldrich. 

Um Verletzungen zu vermeiden, sei zudem eine gewisse Grundkondition hilfreich sowie sich vor dem Start aufzuwärmen und regelmäßig Pausen zu machen. Woldrich: „Das Aufwärmen kommt definitiv zu kurz. Während in organisierten Gruppen wie Skikursen und vor jedem Rennen aufgewärmt wird, sehe ich das bei privaten Skifahrern ganz selten. Strukturiertes Aufwärmen kann jedoch das Verletzungsrisiko um die Hälfte senken.“ 

Protektoren nicht pauschal empfohlen

Positiv sei, dass Helme im Ski- und Snowboardsport mittlerweile Standard sind. Einen generellen Bedarf an Protektoren, etwa für den Rücken, die immer mehr angeboten werden, sehen beide Experten nicht. „Protektoren können abseits der Piste oder in speziellen Fun Parks durchaus Sinn machen, auf der Piste bringen sie aber keinen erheblichen Sicherheitsgewinn und wären für die typischen Verletzungsmuster nicht unbedingt hilfreich. Sie vermitteln eher ein falsches Gefühl der Sicherheit, das verleiten kann, über die Grenzen zu gehen“, sagt Woldrich.

Eine Zunahme an Unfällen stellt Unfallchirurg Mittermair beim Rodeln fest. „Relativ schwere Rodelunfälle sind wieder häufiger. Viele können mit dem Gerät nicht umgehen, oft ist auch Alkohol im Spiel, da Rodeln zu leicht genommen wird. Dabei erreicht man hohe Geschwindigkeiten und aufgrund des fehlenden Schnees besteht kein Schutz beim Sturz.“ Unfälle beim Eislaufen hätten hingegen nicht zugenommen, auch trotz mehr zugefrorenen Seen in der heurigen Saison. 

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