Psychotherapie: Welchen Einfluss der weibliche Zyklus hat
Die unterschiedlichen Phasen des weiblichen Menstruationszyklus' wirken sich auf das Alltagsleben vieler Frauen aus.
Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme oder depressive Verstimmungen – viele Frauen erleben psychische Beschwerden, die sich in einem gewissen Rhythmus zeigen. Dass sie mit dem Menstruationszyklus zusammenhängen könnten, sehen sie oft aber nicht, selbst wenn sie aufgrund der Symptome eine Psychotherapie beginnen. Und auch dort wird der Zyklus und seine Wirkung auf die Psyche häufig erst spät oder gar nicht thematisiert. Dabei rückt die noch wenig bekannte Zyklustherapie zunehmend in den Fokus.
Das ist kein eigenes Therapieverfahren, sagt Alina Mann, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. „Zyklustherapie beschreibt vielmehr eine psychologische Haltung, die den weiblichen Zyklus systematisch mitdenkt.“ Im Zentrum steht die enge Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche und die Frage, wie hormonelle Veränderungen das seelische Erleben beeinflussen können. „Wenn Frauen unter starkem oder lang anhaltendem Stress stehen, zeigt sich das oft auch im Zyklus“, erklärt Mann. Häufig kommt es zu unregelmäßigen Blutungen, starken prämenstruellen Beschwerden oder zum Ausbleiben der Periode.
Die Rolle der Hormone
Besonders deutlich werde dieser Zusammenhang bei Frauen mit traumatischen Erfahrungen. Frühere Belastungen, etwa in der Kindheit, hinterlassen Spuren im Nervensystem. „Hormonelle Schwankungen im Zyklus können diese inneren Zustände verstärken, weil der weibliche Körper in bestimmten Phasen empfindlicher auf Stress reagiert“, so Mann.
Das Wissen über den weiblichen Zyklus sei unter Frauen aber erstaunlich lückenhaft. Viele sehen ihn als etwas „Mühsames“ oder denken, er dauere immer 28 Tage. Tatsächlich ist dies nur bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Frauen der Fall, die durchschnittliche Dauer kann von 24 bis 38 Tagen variieren.
„Viele Frauen wissen nicht Bescheid, dass es vier unterschiedliche Zyklusphasen gibt, in denen man etwa unterschiedlich belastbar, leistungsfähig oder müde ist“, sagt Mann. In ihrer Praxis erarbeitet sie mit ihren Klientinnen, wie sie die einzelnen Phasen erleben, welche Symptome wiederkehren und welche Bedürfnisse sich daraus ableiten lassen. „Allein diese bewusste Wahrnehmung kann viel Klarheit schaffen“, meint Mann.
Die vier Menstruationsphasen im weiblichen Zyklus.
Medizinische Diagnosen werden greifbar
Einzelne medizinische Diagnosen lassen sich im Rahmen einer Psychotherapie begreifbar machen. Darunter fällt etwa das PMS (Prämenstruelle Syndrom), das körperliche und psychische Beschwerden umfasst, die einige Tage vor der Menstruation auftreten, wie Reizbarkeit. Aber auch die schwere Form des PMS, die PMDS (Prämenstruelle dysphorische Störung), bei der es zu starken psychischen Symptomen wie ausgeprägter Depression, Angst, starker Reizbarkeit oder Wut kommt, kann zu deutlichen Beeinträchtigungen führen.
PMDS wird seit 2022 offiziell im ICD-11, dem internationalen WHO-Klassifikationssystem, geführt. „Das ist diagnostisch sehr wichtig“, betont Mann. „Denn es macht einen Unterschied, ob jemand an einer klassischen Depression leidet oder ob die Symptome klar an den Zyklus gebunden sind.“ Entsprechend müsse therapeutisch genau hingeschaut werden. Auch Endometriose, die Menopause oder ein unerfüllter Kinderwunsch können Themen sein, wo der Zyklus in der Therapie mitgedacht werden sollte. In der psychotherapeutischen Praxis werde der Zyklus jedoch bei fast allen Patientinnen irgendwann einmal Thema. „Ich spreche im Laufe der Therapie mit etwa 95 bis 98 Prozent meiner Klientinnen darüber“, sagt Mann.
Alina Mann ist Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision und spezialisiert auf Zyklustherapie.
Körper unter Druck
Besonders häufig tauche das Thema bei Frauen mit hohem Stressniveau, traumatischen Erfahrungen oder Essstörungen auf. Periodenverlust, unregelmäßige Zyklen oder starke prämenstruelle Symptome seien häufige Begleiterscheinungen. „Dann wird der Zyklus zu einem wichtigen Hinweis darauf, wie sehr der Körper unter Druck steht.“
Zentrales Hilfsmittel ist dabei das Zyklustracking: Über mehrere Monate werden Stimmung, Symptome und Belastungen dokumentiert, etwa via App. „Das schafft Orientierung – und häufig auch mehr Selbstmitgefühl“, sagt Mann.
Zyklustherapie ersetze aber keine medizinische Behandlung. Häufig brauche es eine ärztliche Abklärung, etwa bei Periodenverlust. Psychotherapie arbeite ergänzend. „Wir schauen uns an, wie sich hormonelle Veränderungen psychisch auswirken und wie Frauen sich in den einzelnen Phasen besser stabilisieren können.“
Ziel ist, den Zyklus als mögliche Ressource zu sehen, anstatt gegen den eigenen Körper zu arbeiten: Pausen bewusst anzunehmen, Phasen höherer Energie gezielt zu nutzen und den Alltag entsprechend anzupassen. „Es geht darum, dass Frauen sich selbst besser verstehen und einen freundlicheren Umgang mit dem eigenen Körper entwickeln“, betont Mann.
Kommentare