Phobien erkennen: Ab wann Angst als krankhaft eingestuft wird
Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.
Miley Cyrus hat eine skurril wirkende Angst: „Ich hasse Papier. Schon beim Anschauen möchte ich mich übergeben“, sagte die Sängerin kürzlich in einer US-Talkshow. „Wenn mir jemand einen lieben Brief schickt, öffne ich ihn nicht einmal“, erzählte die 33-Jährige. Zeitungen könne sie nicht lesen, zum Öffnen von Paketen bitte sie ihren Verlobten. Ihr Papier-Ekel werde immer schlimmer. „Es ist eine Phobie und ich brauche Hilfe“, gestand sie.
Cyrus ist nicht allein. Schätzungen zufolge leiden etwa 15 Prozent der Menschen unter behandlungsbedürftigen Phobien, Tendenz steigend. Die Angststörung zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und kann das Leben von Betroffenen stark einschränken. Besonders verbreitet sind spezifische Phobien wie Tierphobien, etwa die Angst vor Hunden, Schlangen, Mäusen oder Insekten. Ebenfalls häufig: situationsbezogene Phobien wie Höhen- oder Flugangst sowie die Agoraphobie, die Angst vor bestimmten Orten oder Situationen wie Menschenmengen, öffentlichen Plätzen oder Verkehrsmitteln. Hinzu kommt die soziale Phobie, bei der die Furcht im Mittelpunkt steht, von anderen negativ beurteilt oder bloßgestellt zu werden.
Sängerin Miley Cyrus hat eine Papierphobie.
Angst vorm Erbrechen
Relativ häufig, aber weniger bekannt ist die Emetophobie, die Angst vor dem Erbrechen. Dahinter können unterschiedliche Befürchtungen stecken: Scham, Kontrollverlust oder starker Ekel. Sie führt häufig zum Vermeiden sozialer Situationen, etwa mit anderen essen oder auf Partys gehen. Es gibt kaum etwas, worauf sich eine Phobie nicht beziehen kann – von Clowns über Knöpfe, Regenwürmer bis hin zu bestimmten Geräuschen oder Texturen, sagt Ulrike Demal, Klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin. „Angst an sich hat eine Schutzfunktion und nicht jede Angst ist krankhaft – eine Phobie liegt dann vor, wenn die Angst übermäßig stark, irrational, über längere Zeit anhaltend ist und zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten führt“, betont Demal.
Das Vermeiden angstauslösender Situationen lindert die Angst kurzfristig, verhindert aber langfristig korrigierende Erfahrungen – und macht sie oft stärker. Wer Angst vor Spinnen hat, ihnen im Alltag aber kaum begegnet, braucht keine Diagnose. Ist dieselbe Person aber häufiger mit Spinnen im Haus konfrontiert, meidet bestimmte Räume oder kann deshalb nicht mehr alleine zu Hause sein, hat die Angst Krankheitswert.
Herzklopfen, Schwitzen, Stresshormone
„Phobien beziehen sich meist auf einen klar benennbaren Auslöser und eine konkrete Befürchtung: Die Spinne könnte giftig sein und beißen. Das führt zu intensiven körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen, Schwitzen, Stresshormone werden ausgeschüttet. Oft kommt ein Ekel-Gefühl hinzu“, erklärt Demal. Verursacht werden diese Symptome durch eine Aktivierung des Sympathikus, einen Teil des autonomen Nervensystems, der wie ein Alarmsystem funktioniert und auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Eine Ausnahme bildet die sogenannte Blut-Spritzen-Verletzungsphobie, bei der Betroffene Angst vor Blut, Spritzen, Nadeln oder Verletzungen haben. Hier bereitet der Körper nicht auf Kampf oder Flucht vor, sondern es kommt zum Totstellreflex. „Der Parasympathikus wird aktiviert, der Blutdruck fällt ab, manche Betroffene werden ohnmächtig. Beim Blutabnehmen gilt deshalb: nicht entspannen, sondern den Kreislauf aktiv halten“, weiß Demal.
Warum Phobien entstehen, wird mit einem Mehrfaktorenmodell erklärt: Biologische Faktoren spielen ebenso eine Rolle wie psychologische und soziale. Manche Menschen haben eine höhere Angstbereitschaft, bestimmte Hirnregionen oder Botenstoffe reagieren sensibler. Hinzu kommen Lernerfahrungen: Ein neutraler Reiz kann durch ein negatives Erlebnis angstbesetzt werden, etwa der Zahnarztbohrer nach einer schmerzhaften Behandlung. Auch Modelllernen ist wichtig. Kinder können Ängste übernehmen, wenn sie diese bei Bezugspersonen beobachten.
Gut behandelbar
Die gute Nachricht: Phobien sind gut behandelbar. Therapie der Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Konfrontation. Dabei setzen sich Betroffene vorbereitet, oft begleitet von einem Therapeuten oder einer Therapeutin und freiwillig schrittweise mit dem Angstauslöser auseinander. Demal: „Das Ziel ist, die Angst zu hemmen und neue korrigierende Erfahrungen zu machen. Phobien zu behandeln hat gute Erfolgschancen, aber es erfordert Motivation und die Bereitschaft, sich auf neue, korrigierende Erfahrungen einzulassen.“
Bei schweren, stark einschränkenden Phobien können zusätzlich Medikamente wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt werden. Sie stabilisieren bestimmte Botenstoffe im Gehirn, die an Angst und Stimmung beteiligt sind. Moderne Ansätze nutzen auch Virtual Reality, etwa bei Flugangst. Sie eignet sich besonders als Vorbereitung auf reale Konfrontationen, die am wirksamsten sind. Meist zeigen sich nach wenigen Einheiten erste Erfolge. Wichtig ist aber auch die Nachsorge: Angstreaktionen werde nicht gelöscht, sondern gehemmt. Wer nach erfolgreicher Therapie die vorher angstauslösenden Situationen meidet, riskiert Rückfälle. Unbehandelt bleiben Phobien meist stabil oder verschlimmern sich. „Es leben viele Menschen mit unbehandelten Phobien, die Situationen und Objekte vermeiden und gut damit zurechtkommen. Es kann aber sein, dass wenn sich etwas im Leben verändert, eine massive Stressbelastung auftritt, sich die Angststörung verstärkt“, so Demal.
Sie stehen auf großen Bühnen, spielen furchtlos in Actionfilmen – und doch sind auch Prominente nicht frei von Ängsten. Phobien sind unter Schauspielern, Musikerinnen und Sportstars ebenso verbreitet wie in der übrigen Bevölkerung. Neben Sängerin Miley Cyrus hat etwa auch die US-Schauspielerin Megan Fox eine Phobie vor trockenem Papier. Selbst beim Gedanken daran fange die 39-Jährige an zu zittern und zu schwitzen. Beim Lesen von Drehbüchern müsse daher immer eine Schale Wasser bereitstehen, damit sie ihre Finger befeuchten kann.
Die weitverbreitete Angst vor Clowns mit dem Fachbegriff Coulrophobie teilen viele Menschen mit den Schauspielern Johnny Depp, Daniel Radcliffe und Robert Pattinson.
Schauspielerin Nicole Kidman fürchtet hingegen Schmetterlinge. „Ich springe aus Flugzeugen, könnte von Kakerlaken bedeckt sein, aber ich mag einfach nicht, wie sich Schmetterlinge anfühlen“, sagte sie in einem Interview. Damit ist sie nicht allein: Auch Reality-Star Kylie Jenner meidet die Flattertierchen. Schauspielerin Scarlett Johansson fürchtet hingegen Vögel – sie leidet unter einer Ornitophobie. Auch die britische Sängerin Adele fürchtet Federvieh, nämlich Möwen. Sie wurde als Kind von einer Möwe angegriffen und meidet die Tiere bis heute.
Bei Fußballstar David Beckham sind es hingegen Amphibien, allen voran Frösche, die ihm Angst machen. Etwas spezieller ist die Phobie von Kristen Bell: Die 45-Jährige ekelt sich vor schrumpeliger Haut an ihren Fingern und trägt im Wasser stets Gummihandschuhe. Und selbst der Meister der Angst, Filmregisseur Alfred Hitchcock, fürchtete sich zeit seines Lebens vor rohen Eiern.
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