Der Subtyp breitet sich in Europa aus. Auch in Österreich wurde er schon nachgewiesen.

© APA/AFP/JAM STA ROSA

Wissen Gesundheit
10/22/2021

Delta Plus: Übernimmt die Mutation das Infektionskommando?

Infektionen mit der AY.4.2-Mutation, auch Delta Plus genannt, wurden hierzulande schon vereinzelt registriert. Wie Experte Andreas Bergthaler die Lage beurteilt.

von Marlene Patsalidis, Elisabeth Gerstendorfer

Der Mutationstrieb von SARS-CoV-2 beschäftigt wieder einmal die Wissenschaft. Konkret geht es um einen Ableger der Delta-Variante – Letztere dominiert seit Monaten das globale Infektionsgeschehen. Am stärksten hat sich die sogenannte AY.4.2-Mutation, auch Delta Plus genannt, bisher in Großbritannien verbreitet: Mit rund 49.000 Fällen pro Tag werden dort gerade die meisten Neuansteckungen beobachtet. Ob die aktuell stark steigenden Zahlen im Land auf Delta Plus zurückzuführen sind, ist unklar.

Die zwei detektierten Infektionsfälle mit dem Delta-Abkömmling sind kein Grund zur Sorge, heißt es vonseiten der AGES. AY.4.2 sei eine von mehreren Varianten, die beobachtet werden. Wie der Subtyp nach Österreich gelangt ist, sei schwierig nachzuvollziehen, sagt der Virologe Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Komplexe Analysen

"Bisher wurde das Ganzgenom in Österreich in drei Proben nachgewiesen. Allerdings können von einer infizierten Person mehrere Proben stammen." Unterm Strich könne man davon ausgehen, dass hierzulande mehr als zwei Fälle aufgetreten sind.

Neben Ganzgenomsequenzierungen werden auch Teilgenomsequenzierungen am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) durchgeführt. Delta Plus wurde so bisher zusätzlich 30 Mal detektiert. "Dabei wird statt 30.000 Nukleotiden im Virusgenom nur eine Teilregion im Virusgen für das Spikeprotein sequenziert. Dies reicht für die Bestimmung von vielen Varianten oder Subtypen zumeist aus."

Verdränger-Mutante?

Bei Delta Plus finden sich zwei auffallende Mutationen im Spikeprotein. "Jedoch außerhalb der Rezeptorbindungsstelle, dem wichtigsten Angriffspunkt des Virus", präzisiert Bergthaler. Wie sich dadurch die Viruseigenschaften ändern und ob sich das Virus dadurch einen Vorteil verschaffen kann, ist noch Spekulation.

"Die zwei besagten Mutationen befinden sich in der N-terminalen Domäne des Virus. Die liegt am Anfang des Spikeproteins und ist nicht die Stelle, wo das Virus normalerweise an den Rezeptor auf der Oberfläche menschlicher Zellen bindet." Diese Rezeptorbindungsstelle sei das eigentliche Ziel von neutralisierenden Antikörpern. "Allerdings gibt es auch Antikörper, die am Beginn des Spikeproteins binden."

Ob diese Mutationen dazu führen werden, dass der Erreger die Abwehrreaktion des Immunsystems besser umgeht und damit auch die Wirksamkeit der Impfung etwas reduziert, ist unklar.

Verdränger-Mutante?

Laut epidemiologischen Daten aus Großbritannien könnte Delta Plus um zehn bis 15 Prozent infektiöser als dessen Vorfahre Delta und damit der bisher ansteckendste Coronavirus-Stamm sein. Allerdings breitet er sich in England bisher nicht so sprunghaft aus. Das macht laut Bergthaler Sinn: "Verglichen mit der Wildtypvariante aus Wuhan ist Delta Plus zwar um ein Vielfaches ansteckender." Aber im Vergleich zur ohnehin schon hochansteckenden Delta-Variante wirke sich das nur moderat auf die Ansteckungskurve aus.

Man könne davon ausgehen, dass Delta Plus "nicht so schnell das Infektionsgeschehen übernehmen wird".

Im Kontrast zu den Varianten Alpha, Beta oder Delta ist von einem Subtyp und nicht einer eigenständigen Variante die Rede. "Die bisher bekannten Varianten vereinen im Vergleich zur jeweiligen Ursprungsvariante zehn, 15 oder 20 Mutationen. Bei Delta Plus sind es einige wenige Mutationen", erklärt Bergthaler. Man müsse sich das so vorstellen: "Vom SARS-CoV-2-Stammbaum zweigen verschiedene dickere Äste ab, zum Beispiel die Delta-Variante. Und aus diesem Stamm sprießen wiederum Ästchen hervor, die keine eigenen Namen bekommen." Insgesamt wurden inzwischen 45 Unterarten der Delta-Variante identifiziert.

Schon länger wird befürchtet, dass sich mit dem Anhalten der Pandemie Mutationen formieren könnten, gegen die die Impfungen nicht mehr wirken. Dass das mit Delta Plus bevorsteht, glaubt Bergthaler nicht: "Man muss Delta Plus natürlich im Auge behalten. Es gibt bereits Forschungsinstitute, zum Beispiel in Dänemark, die Delta Plus isolieren und sich im Labor anschauen, wie gut die Impfseren es neutralisieren. Damit wird man in absehbarer Zeit wissen, wie sich die Wirkung der Impfungen in der Petrischale abbildet. Ob das dann auch für den Menschen gilt, ist wieder eine andere Frage und muss anhand epidemiologischer Daten beobachtet werden."

Kontrollverlust vermeiden

Der britische Mikrobiologe Ravi Gupta von der Universität Cambridge betonte kürzlich gegenüber dem Guardian, dass sich die Gesellschaft nicht so sehr auf einzelne Varianten und vielmehr darauf konzentrieren sollte, eine erneute unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu verhindern. Dem kann Experte Bergthaler etwas abgewinnen: "Je schwächer das Virus zirkuliert, desto weniger Möglichkeiten bieten sich dem Erreger, sich zu verändern." Bei hohen Infektionszahlen sammeln sich zwangsläufig mehr Mutationen an, was die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung gefährlicher Varianten erhöht.

Die Zukunft sei jedenfalls ungewiss: "Delta ist sehr schnell erstarkt und dominiert heute in den meisten Ländern zu 99 Prozent. Abseits von Delta hat sich in den vergangenen Monaten sehr wenig getan – es bleibt spannend, ob Delta den Winter überdauern wird oder ob etwas völlig Neues auftaucht."

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