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Wissen Gesundheit
11/11/2021

Covid: Warum Top-Laborpersonal sich unfair behandelt fühlt

Die 6000 biomedizinischen Analytikerinnen - es sind vorwiegend Frauen - führen in den Spitälern den Großteil der PCR-Tests durch. Corona-Bonus soll es für diese Berufsgruppe trotzdem keinen geben.

von Ernst Mauritz

Sie sind in der öffentlichen Diskussion um die Belastung von Spitalspersonal durch die Covid-Krise fast so etwas wie eine "übersehene Berufsgruppe": Die rund 6.000 biomedizinischen Analytikerinnen und Analytiker - zu mehr als 90 Prozent sind es Frauen. "Obwohl wir genauso wie die anderen Gesundheitsberufe seit Pandemiebeginn enorm gefordert sind, sollen wir keinen Corona-Bonus erhalten", erzählt Sylvia Handler, Präsidentin des Berufsverbandes der Biomedizinischen AnalytikerInnen ("biomed austria") und leitende Biomedizinische Analytikerin am Klinischen Institut für Labormedizin im Wiener AKH. Formal ist das begründbar, weil diesen Bonus alle Berufsangehörigen erhalten, die seit Pandemiebeginn im "unmittelbaren persönlichen Kontakt" zu Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen gearbeitet haben.

"Aber unser Alltag hat sich genauso geändert", erzählt Handler im KURIER-Gespräch. "Am Anfang der Pandemie wurde die gesamte PCR-Diagnostik ausschließlich von den Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhauslaboren gemacht, wir haben die Tests validiert, also geprüft und quasi routinetauglich und für den massenhaften Einsatz alltagstauglich gemacht." Da dies alles weitgehend im Verborgenen passiere, habe es auch "nie einen Dank von öffentlicher Seite gegeben".

Der Arbeitsfall habe sich vervielfacht, bei weitgehend gleichem Personalstand: "PCR-Tests wurden bisher in den Spitälern von Speziallabors gemacht, die z. B. verschiedene Probenmaterialien auf das Vorhandensein von verschiedenen Viren gescreent haben  und lediglich einen Fünf-Tage-Betrieb hatten. Innerhalb kürzester Zeit mussten viele Spitäler auf einen 24 Stunden-Betrieb umstellen. "Labore, die in einem Spital früher am Tag 20 PCR-Proben verarbeitet hatten, hatten plötzlich 500 bis 700 Proben täglich zu bewältigen, und das unter einem bisher nicht gekannten enormen Zeitdruck."

Handler: "Vor dem Auftreten von SARS-CoV-2 bekamen wir täglich in unsere Abteilung für Klinische Virologie rund 400 PCR-Proben zur Analyse auf verschiedenste Viren. Derzeit verarbeiten wir im Haus täglich zwischen 2000 und 2599 PCR-Proben von Patientinnen und Patienten." Insgesamt sind es rund 100.000 PCR-Tests, die mittlerweile täglich in den Spitälern anfallen. Die PCR-Gurgeltests im Rahmen von Aktionen wie "alles gurgelt!" werden in der Regel nicht von den hochspezialisierten Biomedizinischen AnalytikerInnen ausgewertet: "Dazu gibt es viel zu wenige in Österreich, wir sind froh, wenn wir die offenen Stellen in den Spitälern besetzen können."

Auch wenn die Berufsgruppe keinen physischen Kontakt zu den Spitalspatienten hat, "gelten für uns genau dieselben Schutzvorkehrungen. Auch wir müssen den ganzen Tag, in Dienstzeiten zwischen acht und zwölf Stunden, mit Schutzausrüstung arbeiten - und schwitzen in dieser Kleidung genauso wie das übrige Personal." Denn die Probenröhrchen mit den Nasen-Rachen-Abstrichen (der üblichen Probenentnahmeform im Spital, gegurgelt wird nur außerhalb der Spitäler) werden in der Regel händisch geöffnet: "Bilden sich Aerosole, infektiöse Schwebeteilchen, sind diese hochansteckend." Die Weiterverarbeitung erfolgt zwar in größeren Spitälern automatisiert, "trotzdem ist der Aufwand der Aufbereitung der vielen Proben samit der gesamten Logistik enorm."

So gesehen sei es extrem unfair, "dass wir als einziger Gesundheitsberuf im Spital den Corona-Bonus nicht bekommen." Wobei Handler betont, dass es bei dieser Sonderzahlung in der Höhe von 500 Euro vor allem auch um das Zeichen der Anerkennung gehe: "Eine derartige Anerkennung vermissen wir volllkommen."

Intensivstation ohne Analytik undenkbar

Aber nicht nur die PCR-Proben sind deutlich mehr geworden: "Eine Intensivstation kann ohne biomedizinische Analytik nicht betrieben werden. Von jedem Intensivpatienten bekommen wir zumindest einmal täglich Harn- und Blutproben, oft sogar mehrmals täglich. All diese Proben müssen bei gleichbleibend hoher Qualität verarbeitet werden."

Auch in ihrer Berufsgruppe führe der erhöhte Druck dazu, dass Kolleginnen und Kollegen den Beruf verlassen: "Wir hatten auch noch nie so viele Anfragen zu Altersteilzeitregelungen."

An Interessentinnen und Interessenten für den Beruf fehlt es aber nicht: "Österreichweit werden jährlich aber nur 400 mit ihrer Ausbildung fertig, das deckt nicht einmal die Pensionierungen ab."

Handler hofft auf ein Umdenken der Politik: "Die Laboruntersuchungen für alle Corona-Patientinnen und Patienten auf den Normal- und Intensivstationen, sowie natürlich auch für alle anderen Patienten, sind entscheidend für die richtige Wahl der Behandlung. Dass dieser Bereich des Gesundheitssystems bisher so klaglos funktioniert hat,  das wäre schon ein Zeichen der Anerkennung wert."

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