Kinder erkranken nur selten an COVID-19. In einzelnen Fällen kann es aber auch schwere Krankheitsverläufe geben.

© REUTERS/AGUSTIN MARCARIAN

Wissen Gesundheit
05/25/2020

Coronavirus: Wenn Kinder eine schwere Entzündung bekommen

Der Erreger kann in seltenen Fällen bei Kindern eine spezielle Form eines Entzündungssyndroms auslösen. In Österreich sind zwei Fälle bekannt. Ein Kinderarzt klärt auf.

von Ernst Mauritz

Hohes Fieber, Entzündungen vor allem im Bauchbereich, vorübergehende Herzprobleme: Mindestens 230 Kinder sind in der EU und in Großbritannien bisher von einer seltenen Entzündungskrankheit betroffen gewesen, die offensichtlich mit dem Coronavirus in Verbindung steht, so ein neuer Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

In Österreich waren bisher zwei Kinder betroffen. Die Erkrankung hat den sperrigen Namen "pädiatrisches Multisystementzündungssyndrom" (PIMS). Der Kinderarzt Volker Strenger von der MedUni Graz leitet die Arbeitsgruppe Infektiologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

KURIER: Wie groß ist das Risiko von Kindern, an einem derartigen Entzündungssyndrom zu erkranken?

Volker Strenger:  Auch wenn immer wieder einzelne Berichte für Aufsehen sorgen – die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung ist sehr gering. Nur knapp drei Prozent (468) aller in Österreich positiv Getesteten (mehr als 16.000) sind unter 14 Jahre alt – davon haben jetzt zwei in Österreich dieses Syndrom gehabt, das sind weniger als 0,5 Prozent. Natürlich ist es in jedem einzelnen Fall für die Eltern beunruhigend, aber insgesamt kommt es nicht unerwartet, dass es auch bei Kindern einzelne schwerere Krankheitsverläufe gibt – die aber insgesamt sehr sehr selten sind.

Immer wieder wird dabei von einer Krankheit gesprochen, die dem sogenannten Kawasaki-Syndrom ähnlich ist. Was bezeichnet dieses Syndrom?

Dieses Syndrom ist eine andere, den gesamten Körper betreffende Entzündungsreaktion, vor allem der Gefäße. Als eine Ursache wurden auch hier Infektionen mit Viren vermutet. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten zu den Fällen jetzt, aber auch Unterschiede. Der japanische Kinderarzt Tomisaku Kawasaki hat diese Erkrankung vor fünfzig Jahren als erster beschrieben: Typisch sind als Folge der Entzündung hohes Fieber, Hautausschläge, gerötete Augen und Schleimhäute und vergrößerte Lymphknoten. Nicht immer, aber doch immer wieder kommt es auch zu einer Erweiterung der Herzkranzgefäße, zu Aneurysmen. Das ist bei COVID-19 bisher nur ganz vereinzelt beschrieben worden.

Und welche Unterschiede gibt es noch?

Das Kawasaki-Syndrom betrifft eher kleinere Kinder im Vorschulalter, jetzt hingegen sind eher Kinder zwischen fünf und 15 Jahren betroffen. Hautausschläge sind weniger häufig, auch die geröteten Augen müssen nicht sein, dafür gibt es relativ oft eine diffuse Entzündung des ganzen Bauchraumes – das war auch bei unserem elfjährigen Patienten in Graz der Fall. Häufig kommt es auch zu einer Herzmuskelentzündung mit einer vorübergehenden Funktionsstörung, die zu einem Kreislaufschock mit Blutdruckabfall und Kreislaufschwäche führen kann. Und die Entzündungswerte im Blut sind massiv erhöht. Aus meiner Sicht gibt es eher eine große Ähnlichkeit mit Krankheitsverläufen bei jenen Erwachsenen, die eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf die Infektion haben.

Tritt diese massive Entzündungsreaktion zeitgleich mit der Infektion auf oder als Spätfolge erst in den Wochen danach?

Das ist nicht endgültig geklärt. Aus London gibt es Berichte, dass mehrere Kinder beim PCR-Test, der eine akute Infektion in den ersten Tagen nachweisen soll, negativ waren und bereits Antikörper gebildet hatten. Das spricht dafür, dass die Infektion schon vor einigen Tagen oder eventuell auch Wochen stattgefunden hat  – und möglicherweise unbemerkt verlaufen ist. Unser elfjähriger Patient hatte zuvor einen positiven PCR-Test. Wir haben also in diesem Fall die Infektion schon im akuten Stadium erkannt, bevor sich die überschießende Immunreaktion entwickelt hat. Da war der PCR-Test dann schon wieder negativ und der Antikörpertest positiv, ganz so, wie man sich das bei einer solchen Infektion erwartet.

Wie erfolgt die Behandlung dieser überschießenden Immunreaktion bei Kindern?

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es sehr gute Erfolge mit der Infusion von Antikörpern, Immunglobulinen, von Plasmaspendern gibt. Auch Cortisonpräparate werden eingesetzt, beim Kawasaki-Syndrom auch Aspirin. Kommt es zu einem Kreislaufschock, muss auch dieser, etwa mit der Infusion von Flüssigkeit und blutdruckstabilisierenden Medikamenten, behandelt werden. Die Kinder und Jugendlichen sprechen in der Regel sehr gut darauf an. Auch die beiden Kinder aus Österreich sind ja wieder wohlauf und gesund. Und man kann auch sagen: In Österreich sind jedes Jahr mehr nicht geimpfte Kinder wegen Influenza auf der Intensivstation als bisher wegen des neuen Coronavirus’.

Aber in London oder New York waren es doch deutlich mehr?

Das hat möglicherweise zwei Gründe: Einerseits sicherlich die dort deutlich höheren Erkrankungszahlen insgesamt. Andererseits wird derzeit auch ein genetischer Hintergrund diskutiert. Bei acht Fallbeschreibungen aus London hat sich gezeigt, dass sechs Kinder eine afrikanisch-karibische Abstammung hatten. Das würde zusätzlich die besonders hohe Zahl an betroffenen Kindern in New York erklären. Andererseits gibt es auch Erkrankungsfälle ohne einen entsprechenden genetischen Hintergrund.

Worauf sollten Eltern achten?

Bei länger anhaltendem Fieber und einem schlechten Allgemeinzustand sollten sie einen Kinderarzt konsultieren. Wobei man sagen muss: Gerötete Augen kann es bei jeder Virusinfektion geben, auch Hautausschläge haben unzählige Ursachen, und die häufigste Ursache für Bauchschmerzen bei Kindern ist immer noch die Verstopfung. Aber wenn ein Kind fiebert und schwer krank wirkt und im Umkreis des Kindes eventuell COVID-19-Fälle bekannt sind und dann solche Symptome auftreten, sollte man achtsam sein.

Welche Rolle spielen Kinder jetzt bei der Verbreitung des Virus? Deutsche Experten haben jetzt in einer gemeinsamen Stellungnahme geschrieben, dass besonders bei Kindern unter zehn Jahren die Infektions- wie auch die Ansteckungsrate deutlich geringer seien.

Die aktuellen Daten zeigen in diese Richtung. Im Gegensatz zur Influenza scheinen Kinder nicht die ,Motoren der Epidemie‘ zu sein. Zumindest gibt es dafür bis jetzt keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise.

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