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Wissen Gesundheit
05/20/2020

Corona: Virologe erwartet keine "zweite Welle"

Norbert Nowotny sieht das Coronavirus im Sommer weiter schwächeln. Wir müssen uns aber noch an die Schutzmaßnahmen halten.

von Uwe Mauch

Geht nun von den Mitarbeitern, die in den Postverteilzentren in Wien und in Hagenbrunn in Niederösterreich beschäftigt sind und sich mit dem Coronavirus infiziert haben, eine „zweite Welle“ aus? Und was kommt noch auf uns zu, wenn die inzwischen berüchtigte Corona-Reproduktionszahl steigt? In Wien und Niederösterreich ist sie kürzlich über 1 geklettert (siehe Grafik unten). Viele Virologen sehen das als Alarmsignal und machen sich ernsthaft Sorgen.

Anders Norbert Nowotny, der bereits im Februar eine Pandemie für möglich hielt. Er bewertet die Lage eher gelassen: „Ich bin kein Hellseher, aber alle vorhandenen Fakten deuten für mich darauf hin, dass wir in Österreich keine zweite Welle erleben werden.“

Seine These stützt Nowotny im Wesentlichen auf zwei Fakten: „Die Anzahl der Neuinfektionen ist bereits seit drei Wochen auf sehr niedrigem Niveau stabil.“ Außerdem werde das Coronavirus im Sommer weiter schwächeln, sodass wir davon ausgehen könnten, „dass im Herbst nur mehr sehr wenig Virus innerhalb der österreichischen Bevölkerung zirkulieren wird“. Ein Freibrief zur Sorglosigkeit ist dieser Befund aber keineswegs: „Es gilt weiterhin für uns ebenso wie für die Behörden, wachsam zu sein.“

Noch nicht am Ziel

Die Maskenpflicht in Geschäften, in Lokalen und öffentlichen Verkehrsmitteln hält Norbert Nowotny weiter für unabdingbar: „Wenn wir achtsam bleiben und noch gut einen Monat lang durchhalten, haben wir gute Chancen, dem Coronavirus endgültig keine Chance zur weiteren Ausbreitung zu bieten. Und dann können wir pünktlich zum Sommerbeginn die Masken endlich weglegen.“

Noch sei man in Österreich aber nicht am Ziel. Daher appelliert der Virologe an jeden Einzelnen: „Bitte halten Sie noch durch und weiterhin ausreichend Abstand.“ Annäherungen zur vorgerückten Stunde in zunehmend alkoholisiertem Zustand seien zu vermeiden. Auch solle jeder, der Atemwegsbeschwerden verspürt, umgehend 1450 anrufen. Husten, Kurzatmigkeit, Atembeschwerden mit oder ohne Fieber – diese Symptome soll man ernst nehmen. „Umso mehr als die Saison für die Grippe und für grippale Infekte vorüber ist.“

Keine Ausrottung

Weiterhin Umsicht fordert Norbert Nowotny auch von den Behörden: „Dass die Infektion von drei Kindergärtnerinnen zu keiner gefährlichen Clusterbildung geführt hat, das war großartig.“ Punkto Postverteilzentren äußert der Virologe Kritik: „Bei der doch hohen Anzahl an Infizierten frage ich mich schon, ob das nicht schon früher auffallen hätte müssen.“ In der Pflicht wären übrigens nicht nur Betroffene und deren Kollegen, sondern auch deren Arbeitgeber.

Gute Nachrichten hat der Experte indes für die Tourismuswirtschaft und Menschen, die gerne ihren Sommerurlaub am Meer verbringen möchten: „Sollten die Zahlen in den schwer betroffenen europäischen Ländern in ein paar Wochen ein ähnlich gutes Niveau erreichen wie in Mitteleuropa, dann steht auch einem Urlaub in Italien, Spanien oder Frankreich nichts mehr im Weg.“ Auch gegen die komplette Öffnung der Grenze zu Deutschland am 15 Juni spreche aus seiner Sicht im Moment nichts mehr.

Welchen Einfluss der Tourismus auf die Virus-Ausbreitung hat, ist vielen Experten zufolge aber noch nicht exakt abzuschätzen. Spätestens im Winter werden zudem mehr Menschen in geschlossenen Räumen aufeinandertreffen. Manche fürchten u.a. dadurch eine zweite Welle. Norbert Nowotny argumentiert hingegen: „Wir können SARS-CoV-2 nicht ausrotten, es wird uns vermutlich wie ein saisonales Grippevirus begleiten.“