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Chronik Wien
05/19/2020

Neuinfektionen: Die Angst vor dem Corona-Cluster

Der Fall zeigt, dass sich das Virus rasch am Arbeitsplatz und in Massenquartieren ausbreiten kann. Um es zu stoppen, muss man schnell sein.

von Katharina Zach

Zuerst waren es Asylberechtigte in Erdberg. Dann eine Kindergärtnerin in Liesing. Und schließlich kamen Postverteilerzentren in Wien und Niederösterreich. Überall wurden Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Nach wenigen Tagen war klar: Alle diese Fälle hängen zusammen. Sie sind ein Cluster.

Aber was ist das eigentlich? Wie gefährlich ist es? Und wie kann man es eindämmen?

Ein Cluster ist im Prinzip ein Netzwerk, die einzelnen Akteure darin stehen in Verbindung. In diesem Fall über die Arbeit. Denn zahlreiche Betroffene sind Leiharbeiter mehrerer Firmen. Mittlerweile sind im Zusammenhang mit dem Cluster knapp 200 Infizierte in Wien und NÖ zu verzeichnen, Hunderte mussten in Quarantäne.

Politstreit und Ermittlungen

Rund um das Management der Krise ist ein Politstreit zwischen der Stadt und dem Innenministerium ausgebrochen. Der Vorwurf: Wien würde zu wenig tun, um die Infektionskette zu unterbrechen – und die Hilfe des Ministeriums ausschlagen, zur Eindämmung auf Polizisten zurückzugreifen. Tatsächlich hatte Innenminister Karl Nehammer zuletzt mehrfach erklärt, dass Leiharbeiter trotz Quarantäne zur Arbeit gefahren seien, was die Stadt bestritt. Nun hat das Landeskriminalamt Wien in der Causa Erhebungen zur Prüfung des Anfangsverdachst aufgenommen.

Klar ist, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, muss man schnell sein. Das hat der aktuelle Fall gezeigt. Auf die Spur des Corona-Ausbruchs kam die Wiener Gesundheitsbehörde etwa im Rahmen des Contact Tracements.

Bei der Nachverfolgung der Kontakte der 24 infizierten Bewohner des Asylheims in Erdberg zeigte sich, dass nicht nur fünf anerkannte Flüchtlinge bei der Post arbeiten, sondern auch eine Verbindung zu Wohnungen für Asylberechtigte in Simmering besteht. Bewohner aus Erdberg waren dorthin gezogen, man war in Kontakt geblieben.

Dort wurden dann ebenfalls zehn Menschen positiv auf das Virus getestet. Bei den weiteren Nachforschungen kam heraus: Andere Unterkünfte waren zu diesem Zeitpunkt weitgehend virusfrei.  Welche Gemeinsamkeit hatten die Leute also noch? Rasch war klar: Sie sind Leiharbeiter bei den beiden Postverteilzentren. Somit wurden dort Testungen aller Mitarbeiter durchgeführt. Das Cluster war gefunden.

Streit um Patient 0

Bei den weiteren Erhebungen der Stadt wurden bald weitere Verbindungen aufgedeckt. Eine infizierte Kindergärtnerin aus Liesing etwa lebt mit einem Post-Leiharbeiter zusammen, Mitarbeiter einer der Leiharbeitsfirmen sind auch in einem Logistikzentrum in Floridsdorf tätig. Ergebnis: Sechs Infizierte. Nur wer Patient 0 ist, ist noch nicht klar. Zuletzt deuteten sowohl Wien als auch NÖ auf den jeweiligen Nachbarn.

Während die Maßnahmen zur Eindämmung auf Hochtouren laufen, stellen sich die Verantwortlichen auch eine Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen und der Verbreitung des Coronavirus?

16.000 prekär Beschäftigte

In Wien will man das nun genau wissen. Rund 16.000 Personen in der Bundeshauptstadt arbeiten als Leiharbeiter oder Saisonarbeiter. Österreichweit sind es 73.000. Nun sollen in den Firmen, in denen diese Menschen beschäftigt sind, flächendeckende Tests durchgeführt werden. Das betrifft besonders die Branchen Industrie, Gewerbe und Handwerk sowie Transport und Verkehr.

Um das aktuelle Cluster einzudämmen, werden zudem die Partnerfirmen der Post überprüft und erhoben, wo deren Arbeiter noch tätig waren. Auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) will verstärkt im Bereich prekärere Arbeitsverhältnisse testen. Der Minister hatte zuletzt die gute Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern von Wien und NÖ gelobt und mehr Unterstützung zugesagt.

Denn der aktuelle Fall hat gezeigt, wie schnell sich das Virus verbreitet – speziell in Massenunterkünften. Die Stadt Wien hat deshalb ihre Strategie geändert und führt nun auch ohne konkreten Anlass flächendeckende Tests nicht nur in Pflegeheimen sondern auch in Asylunterkünften und Obdachlosenheimen durch. Denn 90 Prozent der Infizierten im Cluster zeigten keine Symptome.

Quarantäne im Massenquartier?

Zeigt sich dabei, dass es Infizierte gibt, wie zuletzt auch in einer Notschlafstelle im ehemaligen Geriatriezentrum Hietzing, dann kann es vorkommen, dass sämtliche Bewohner aus Sicherheitsgründen unter Quarantäne gestellt und in entsprechende Betreuungseinrichtungen der Stadt gebracht werden.

Das ist etwa notwendig, wenn Infizierte nicht getrennt untergebracht werden können. Etwa, wenn es Schlafsäle gibt oder Sanitäreinrichtungen für sehr viele Menschen. Das werde von Fall zu Fall entschieden, Mitarbeiter des Gesundheitsamtes überprüfen die Situation vor Ort, wie seitens einer Betreuungsorganisation erklärt wird.

Im Fall Hietzing etwa gab es nur einen postiv getesteten Bewohner, dennoch wurden alle 170 Bewohner isoliert. Damit die Wohnverhältnisse nicht so eng sind, wurden 50 Menschen auch in die Betreuungseinrichtung nach Floridsdorf gebracht.

In den Betreuungseinrichtungen der Stadt sorgen dann auch Securities für die Einhaltung der Quarantäne.

Bei der Isolation in den eigenen vier Wänden hingegen sei  eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung nicht möglich, heißt es bei der Stadt. Man setze auf Kontakt am Telefon und Eigenverantwortung. Verstöße seien bisher nicht bekannt.