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Analyse
05/19/2020

Warum die Kriminalität wegen Corona gesunken ist

46,4 Prozent weniger Straftaten. Die Ursachen dafür sind laut Polizei-Insidern vielfältig.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Ein hochrangiger Polizist, der in Wien an zentraler Stelle sitzt, fasste es inmitten der Corona-Krise so zusammen: „In der Nacht könnten wir die Polizei zusperren, da passiert momentan gar nichts.“

Der Beamte führte das vor allem auf eines zurück: Nachdem viele Bars und Lokale geschlossen sind, würden vor allem Männer weniger trinken, damit weniger gewalttätig sein oder Dummheiten begehen. Körperverletzungen und andere Gewaltdelikte, aber auch Sexualverbrechen seien deshalb während der Ausgangssperren eine Seltenheit. Die strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben sanken um immerhin rund 37 Prozent, ergab nun auch die offizielle Bilanz für diese Zeit, die am Dienstag im Innenministerium präsentiert wurde.

Innerhalb der Polizei sorgte es für Unmut, dass bei weniger Arbeit gleichzeitig eine komplette (mittlerweile gelockerte) Urlaubssperre eingeführt wurde. „Man hat sich auf einen Krieg vorbereitet, der aber nie stattgefunden hat“, meint ein weiterer Beamter zum KURIER.

Fest steht, dass von den ursprünglichen Befürchtungen glücklicherweise wenig übrig blieb. Die Gesamtkriminalität seit Beginn des Lock-downs am 16. März ist im Vergleich zum Vorjahr sogar um 46,4 Prozent zurückgegangen. Ein starkes Minus gab es bei Einbrüchen, wobei es weiterhin welche in Kellerabteile gab, nicht aber in Wohnungen – weil dort ja meistens die Bewohner anwesend waren.

Grenzen waren dicht

Einen Rückgang gab es auch bei Kfz-Diebstählen und Taschendiebstählen, wobei dies vor allem auf die nicht vorhandene Reisemöglichkeit zurückzuführen ist, sind doch in diesem Bereich vor allem ausländische Banden aktiv. Weniger Straßenüberfälle gab es auch deshalb, weil einfach weniger Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Normalerweise ist dies ein Metier von Jugendbanden, deren Mitglieder aber – wie auch die Opfer – zu Hause ausharren mussten.

Leichte Steigerungen gab es hingegen bei der häuslichen Gewalt, allerdings in weit niedrigerem Ausmaß als viele Experten im Vorfeld befürchtet hatten. In normalen Zeiten gibt es durchschnittlich etwa 30 Betretungsverbote pro Tag, teilweise stieg diese Zahl auf 34. Eine Explosion der Zahlen ist das sicherlich nicht. Auch bei der häuslichen Gewalt – dazu zählen etwa Drohungen, Nötigungen und Körperverletzungen – gab es insgesamt ein Plus von gerade einmal neun Prozent.

„Die Kriminalitätsstatistik wird mit Sicherheit nicht vergleichbar sein mit normalen Jahren davor oder danach, wir werden immer die Covid-19-Beschränkungen mitdenken müssen“, betont der amtsführende Direktor des Bundeskriminalamts, Gerhard Lang. 2019 wurden im Vergleichszeitraum 52.618 Straftaten angezeigt, heuer waren es zwischen 16. März und 3. Mai 28.208 Delikte.

Enorme Steigerungen gab es aber im Bereich der Internetkriminalität, betonte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). So wurden mehr Drogen in Darknet bestellt, weil sie auf der Straße nicht erhältlich waren. Auch schossen zahlreiche betrügerische Webshops aus dem Boden, die Medikamente oder Gesichtsmasken angeboten haben. Die Zahl der Betrugsdelikte stieg um mehr als ein Viertel.

Die Cyberkriminellen nutzten offenbar auch aus, dass viele Menschen zu Hause Computer benutzten, mit denen sie sich vielleicht nicht so gut auskennen. So stieg die Zahl der widerrechtlichen Zugriffe auf Computersysteme um fast 72 Prozent. Auch wurden fast drei Mal so viele Zugangsdaten abgesaugt. Zu sehen ist als das alles derzeit auch an einer Spam-Welle auf Facebook, bei der Dutzende User einfach Links anklicken und glauben, damit das große Geld zu verdienen.

Vermögensdelikte

Einen starken Rückgang gab es bei den strafbaren Handlungen gegen fremdes Vermögen. Das „war uns klar bei geschlossenen Grenzen, wenn das gesellschaftliche Leben beinahe vollständig zum Erliegen kommt“, erläutert Lang.

Während der Ausgangsbeschränkungen gab es Tage, an denen kein einziger Wohnungseinbruch gemeldet wurde, „das hatten wir seit Beginn der elektronischen Aufzeichnung noch nie“, konstatiert der Chef des Bundeskriminalamts.