Christian Drosten

© REUTERS/AXEL SCHMIDT

Wissen Gesundheit
05/09/2020

Coronavirus-Studie: Welchen Effekt Spermidin im Labor hatte

Studie mit Christian Drosten als Co-Autor zeigte: In Zellkulturen kann Spermidin die Virusvermehrung hemmen.

von Ernst Mauritz

Die körpereigene Substanz Spermidin zeigt in Zellkulturen eine gewisse Wirksamkeit gegen das neue Coronavirus: Das ist das Ergebnis einer vorveröffentlichten Studie der Universität Bonn und der Charité in Berlin, bei der drei Substanzen untersucht wurden. Einer der Co-Autoren ist der renommierte Virologe Christian Drosten.

Durch die Zugabe von Spermidin in Zellkulturen konnte die Virusvermehrung um 85 Prozent gestoppt werden. Gab man vor der Infektion mit SARS-CoV-2 Spermidin in die Nährlösung, so reduzierte sich die Virusvermehrung bei der anschließenden Infektion um 70 Prozent.

„Vielversprechend“

„Das sind vielversprechende wissenschaftliche Ergebnisse“, sagt der Grazer Molekularbiologe Slaven Stekovic. „Es gibt nicht viele Substanzen, für die eine ähnliche oder bessere Wirkung belegt ist.“ In der Studie wurden auch ein noch ein Wirkstoff gegen Brustkrebs und das Bandwurmmittel Niclosamid untersucht – Letzteres stoppte die Virusvermehrung um 99 Prozent.

Stekovic hat in jener Arbeitsgruppe um Frank Madeo geforscht, die 2009 zeigen konnte, dass Spermidin ähnlich wie Fasten einen körpereigenen Recyclingprozess aktiviert: „Autophagie“ (von altgriechisch „sich selbst verzehrend“) heißt dieser Mechanismus der „Selbstverdauung“. Zellen nutzen ihn, um beschädigtes Zellmaterial, Abfallprodukte des Stoffwechsels, aber auch Krankheitserreger wie Viren in ihrem Inneren abzubauen. Um den Zellschrott bildet sich ein Bläschen, eine Art Müllsack, das Innere wird zerstört.

Eine Reihe von Viren hat aber Strategien entwickelt, diesem Abbauprozess zu entgehen: Die Berliner und Bonner Forscher haben bereits bei einem anderen Coronavirus (MERS) herausgefunden, dass es diesen Recycling-Prozess stört und abschwächt – zu seinen Gunsten. Bringt man aber Spermidin in die infizierten Zellen, wird der Recycling-Prozess wieder aktiviert.

„Spermidin kann eine Chance im Kampf gegen das neue Coronavirus sein, aber wir benötigen noch klinische Studien an Menschen“, betont Stekovic. Derzeit könne man jedenfalls keine auf wissenschaftlichen Daten basierende Empfehlung abgeben, spermidinhaltige Mittel vorbeugend gegen das neue Coronavirus einzunehmen.

Den Reinigungs-und Regenerationsprozess der Zellen, die Autophagie, kann  man selbst unterstützen: Am besten wird er  durch einen Nahrungsverzicht von zumindest 15 bis 16 Stunden aktiviert, sagt der Molekularbiologe und Buchautor Slaven Stekovic („Der Jungzelleneffekt“, edition a).

Doch seit den international aufsehenerregenden Forschungsergebnissen des Grazer Molekularbiologen Frank Madeo weiß man: Einen gewissen Effekt – sozusagen Fasten ohne Fasten – kann man auch durch eine Spermidin-reiche Ernährung erreichen. Weizenkeime  haben einen besonders hohen Spermidingehalt. Ebenso Nattō, ein japanisches Gericht aus fermentierten Sojabohnen, lang gereifter Käse, Nüsse, Pilze, Erbsen, Brokkoli, Mangos, Birnen oder Äpfel.

„Zwei Scheiben Vollkornbrot, zwei Salate und ein Apfel am Tag führen bereits zu einer  hohen Spermidinaufnahme durch die Nahrung“, gibt Stekovic einen Anti-Aging-Tipp. 

Der Grund für diese Zurückhaltung: Die Spermidinmenge in der Zellkulturstudie war relativ hoch. Ob eine solche Konzentration auch durch die Ernährung oder Nahrungsergänzungsmittel erreicht werden kann, dazu gebe es bisher „keine systematischen Daten“, schreibt der deutsche Ernährungsmediziner Martin Smollich in seinem Blog. Auch Virologe Drosten selbst sagte in seinem NDR-Podcast, dass Spermidin die Autophagie auslöst, „aber wahrscheinlich in einer Wirkkonzentration, die wir pharmazeutisch nicht erreichen können“.

Unabhängig davon hat Spermidin auch bereits andere positive Effekte gezeigt: In einer kleinen Studie in Deutschland über drei Monate konnte natürliches Spermidin aus Weizenkeimen die Gedächtnisleistung bei Menschen mit einem möglichen Alzheimer-Vorstadium verbessern, sagt Stekovic. „Und in der Bruneck-Studie zeigten sich erste Hinweise, dass Menschen mit einer sehr spermidinreiche Ernährung (siehe rechts) seltener Herzerkrankungen bekommen.“

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