Labor im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: Antikörper sollen gezielt Virusvermehrung stoppen.

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Wissen Gesundheit
05/08/2020

Was von künftigen Antikörpertherapien zu erwarten ist

Erste Erfolge bei der Suche nach Abwehrstoffen, die zielgerichtet die Virusvermehrung stoppen. Experte: "Präzise wie ein Scharfschütze".

von Ernst Mauritz

"Durchbruch". Dieses Wort verwendeten dieser Tage zwei Forschungsgruppen aus Deutschland und Israel, die – wie viele andere weltweit auch – ein Ziel haben: Menschliche Antikörper zu finden, die ganz gezielt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 daran hindern, an Körperzellen anzudocken und sich in diesen zu vermehren.

Wie können Antikörper das Virus stoppen?

Antikörper sind kleine Eiweiße, die das Immunsystem zur Abwehr von Infektionserregern wie Viren und Bakterien bildet. "Wie ein Schwarm heften sie sich an verschiedene Stellen des kronenförmigen ,Spike-Proteins’ an der Virusoberfläche an", sagt Lukas Weseslindtner, Leiter des Labors für Antikörperdiagnostik am Zentrum für Virologie der MedUni Wien. "Aber ihre Wirksamkeit ist dann sehr unterschiedlich." Es gibt eine ganz spezielle Stelle auf diesem Eiweiß, mit der das Virus an die Körperzellen andockt, anschließend in diese eindringt und sich dort vermehrt. "Diese Stelle ist sozusagen der Schlüssel des Virus zum Schloss der Zelle." Antikörper, die genau diese Bindungsstelle zwischen Virus und Zelle blockieren, sind am wirksamsten. Hingegen können Antikörper, die sich an anderen Orten der Virenoberfläche befinden, weniger oder auch ganz unwirksam sein.

Was haben die Forscher konkret gemacht?

Sie haben systematisch Tausende verschiedene menschliche Antikörper künstlich hergestellt – anhand der genetischen Information produzierten sie Zellen in Zellkulturen. Im ersten Schritt testeten die Wissenschafter dann, ob sie überhaupt an das Coronavirus binden. Im zweiten, ob es genau diese "Schlüsselstelle" des Virus ist und sie damit verhindern, dass der Erreger das Schloss zur Zelle aufsperren kann. Diese Antikörper können nur an einer einzigen Stelle der Virusoberfläche andocken – deswegen heißen sie monoklonale Antikörper. "Sie binden punktgenau und nicht an mehreren Stellen. Sie sind präzise wie ein Scharfschütze." Mehrere Forschungseinrichtungen konnten jetzt Antikörper finden, die im Labor die Virusvermehrung stoppen. "Tests am Menschen fehlen aber noch."

Was ist der Unterschied zur Therapie mit Plasmaspenden von Genesenen?

"Bei der ,Rekonvaleszentenspende’ (siehe re.) hat man immer eine Mischung von vielen verschiedenen Antikörpern", erklärt Weseslindtner. "Davon können manche die Virusvermehrung bremsen oder stoppen, andere wiederum nicht. Es kann also sein, dass das Plasma eines Spenders besser wirkt als das Plasma eines anderen." Es werde zwar vorher untersucht, in welcher Konzentration solche das Virus "neutralisierenden Antikörper" im Spenderplasma vorhanden sind. Wie gut die Empfänger ansprechen, lässt sich aber kaum vorhersagen. Und: "Bei Spendern mit mildem Krankheitsverlauf ist die Menge neutralisierender Antikörper viel geringer." Im Gegensatz dazu würde man bei den künstlich hergestellten monoklonalen Antikörpern immer eine exakt definierte Dosis verabreichen.

Das wäre eine zusätzliche Therapiemöglichkeit?

"Man hätte damit eine Alternative zur herkömmlichen Plasmaspende." Die Frage sei, wann im Krankheitsverlauf so ein Medikament verabreicht werden sollte: "Viele Patienten, die schon lange auf der Intensivstation sind, haben schon hohe Spiegel an neutralisierenden Antikörpern – da bringen zusätzliche Antikörpergaben möglicherweise nichts mehr. Vielleicht muss der Einsatz früher sein – das muss noch erforscht werden."

Daneben gibt es einen dritten Weg: Pharmafirmen konzentrieren aus Plasmaspenden die Antikörper und entwickeln ein Antikörpermedikament. Pro Patient kann es auch Antikörperkonzentrate von mehreren Spendern enthalten. Daran arbeitet etwa auch die Firma Takeda in Wien.

Wer als Plasmaspender gesucht wird

"Es war ein sehr schöner  Moment", sagt der Infektiologe Robert Krause von der MedUni Graz: Er meint damit jenen Augenblick, als kürzlich der erste genesene Covid-19-Patient das LKH-Uniklinikum Graz verlassen konnte, der mit Blutplasma behandelt wurde. Fünf Wochen war der Mann im Spital. Das Plasma eines gesunden Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung brachte die positive Wende in einer Situation, wo die Ärzte "mit dem Rücken zur Wand" standen. Ähnlich war es bei zwei weiteren Patienten in Graz. Österreichweit wurden bereits 20 Therapien mit „Rekonvaleszentenplasma“ durchgeführt. Noch ist es ein experimentelles Verfahren, viele Fragen sind noch offen.

Wer spenden kann

Bisher haben rund 200 Genesene beim Roten Kreuz Plasma gespendet, sagt die Medizinerin Ursula Kreil, stv. Leiterin der Blutspendezentrale in Wien.  Das sind die Voraussetzungen:

  • Eine durch Schleimhautabstrich und anschließenden PCR-Test bestätigte Covid-19-Erkrankung.
  • Besonders eignen sich Personen, die selbst schwerer krank waren (hohes Fieber).
  • 28 Tage symptomfrei.
  • In den Blutspendezentralen wird dann nur das Plasma gesammelt (die restlichen Blutbestandteile werden dem Körper rückgeführt),  bei mobilen Blutspendeaktionen wird eine Vollblutspende gewonnen.
  • In jedem Fall ist eine vorhergehende Kontaktaufnahme   unter 0800 190 190 notwendig, um die Zulassungskriterien und das Prozedere vor Ort abzuklären.

Die aktive Immunisierung:
Das Prinzip von Schutzimpfungen: Dem Körper wird  (z.B. durch  abgetötete  Erreger) eine Infektion vorgetäuscht. Er reagiert mit der Bildung von Antikörpern. Der Schutz ist langfristig.

Die passive Immunisierung:
Nach dem Kontakt mit einem Erreger bzw. bei Erkrankung werden Plasmaspenden bzw. Antikörperkonzentrate verabreicht. Der Schutz ist nur kurzfristig.

 

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