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Wissen Gesundheit
05/06/2020

Immunitätsausweis: Warum derzeit wenig dafür spricht

Deutsche Regierung zog Pläne wieder zurück. Vor allem Gastronomie liebäugelt mit eigenem Ausweis – doch Virologen bremsen.

von Bernhard Gaul, Ingrid Teufl

Die Idee ist simpel: Wer eine Infektion mit dem heimtückischen SARS-CoV-2-Virus bereits durchgemacht hat, kann weder erneut mit dem Coronavirus angesteckt werden noch andere infizieren. Diese Menschen könnten künftig am Arbeitsmarkt, etwa in der Gastronomie, bevorzugt werden, da sich die Frage stellt, ob „immunisierte“ Kellner etwa überhaupt einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen.

So schnell wie das manche erhoffen, werden Aussagen über die Immunität aber nicht möglich sein. „Wir kennen das Virus erst seit rund vier Monaten und wissen noch nicht, welche Faktoren zu einem wirksamen und anhaltenden Schutz durch das Immunsystem führen“, sagt Lukas Weseslindtner, Leiter des Labors für Antikörperdiagnostik am Zentrum für Virologie, MedUni Wien.

Absage für Immunitätsausweis

In Österreich hat das Gesundheitsministerium Plänen für einen Immunitätsausweis eine Absage erteilt: Seitens der WHO sei noch nicht einmal gesichert, wie eine Immunität bei SARS-CoV-2 aussehe. In Deutschland hat Gesundheitsminister Jens Spahn das Thema bis Mittwoch verfolgt, nach Protesten wieder zurückgezogen.

Denn derzeit gibt es mehr Fragen als sinnvolle Antworten für einen Immunitätsausweis: Dürfen Arbeitgeber „Immunisierte“ bevorzugen, würden nicht-Infizierte deshalb diskriminiert? Wäre eine „Immunitätsausweis“ nicht ein Grund, sich absichtlich mit dem Virus zu infizieren? Und wären jene Arbeitnehmer, die soziale Distanz gewahrt haben, am Arbeitsmarkt die Verlierer?

Diskriminierung rechtlich zulässig?

Der ehemalige Dekan und Rechtsexperte Heinz Mayer sieht rein rechtlich durchaus die Möglichkeit einer erlaubten Diskriminierung am Arbeitsmarkt, da diese „sachlich gerechtfertigt“ wäre. Er gibt aber zu bedenken, ob die Medizin schon abschließend geklärt hat, ob Immunität überhaupt vorliegen kann.

Mediziner sind skeptisch, wenn es um einen Corona-Immunitätsnachweis geht, etwa durch Antikörper-Schnelltests. Es gibt bereits Dutzende Produkte, allein die Aussagekraft ist unterschiedlich bis mangelhaft. Schon ein falsch-positives Ergebnis von wenigen Prozenten würde Betroffene in falscher Sicherheit wiegen – und die Infektionsketten erneut in Gang setzen.

Immunität nicht nur durch Antikörper

Was medizinischen Laien nicht bewusst ist: „Die Bildung von Antikörpern (und das Ergebnis eines positiven Tests) ist nicht der einzige Faktor, der Immunität bewirkt. Es gibt andere Arten von Immunantworten, die hier eine Rolle spielen“, sagt Weseslindtner. Es gebe zudem nicht nur eine vollständige Immunität – sondern auch eine partielle. Bei letzterer könne es im Gegensatz zur vollständigen Immunität bei einer neuerlichen Infektion durchaus wieder zu Symptomen kommen, die allerdings milder sind als die der Erstinfektion.

Fehlerhafte Testergebnisse

Und die Fehleranfälligkeit von Antikörpertests? Man sei in der Forschung mittlerweile weiter, berichtet Weseslindtner. „Es stehen jetzt Neutralisationstests zur Verfügung.“ Vereinfacht gesagt wird bei diesen hochkomplexen Tests unter Hochsicherheitskriterien nicht nur gemessen, ob Antikörper gebildet wurden. Es wird ebenso beobachtet, ob die Antikörper aus dem Blutserum einer Person in der Lage sind, beigefügte Viren an der Vermehrung zu hindern. „Wir können also messen, dass die Antikörper wirklich schützend wirken.“

Bestätigungstests nötig

Bei so heiklen Fragen wie einem Immunitätsnachweis „würden wir daher empfehlen, dass solche Neutralisationstests zumindest als Bestätigungstests verwendet werden“. Es könnte gut sein, dass man bei diesem Virus auch andere Faktoren des Immunsystems messen müsse. Das ist übrigens bei anderen Krankheiten der Fall. „Etwa bei Tuberkulose (TBC, Anm.) misst man bei der Frage nach einer durchgemachten Infektion nicht Antikörper, sondern wie bestimmte Zellen des Immunsystems (T-Zellen) reagieren.“