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Wissen Gesundheit
04/15/2020

Corona-Krise: Warnung vor "medizinischen Kollateralschäden"

Die Folgen des Shutdown. Ärzte und Patientenanwälte sind alarmiert: Viele Patienten abseits von Corona sind derzeit nicht gut versorgt.

von Ernst Mauritz

Der Kardiologe Thomas Stefenelli, Leiter der 1. Medizinischen Abteilung im Donauspital, ist besorgt: Bereits in der Vorwoche meldete die Kardiologische Gesellschaft rückläufige Herzinfarkt-Zahlen. „Aber es kommen auch weniger Patienten mit diagnostizierter Herzschwäche. Diese sollten sich unbedingt melden, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. Und es kommen deutlich weniger Patienten mit Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern, unbehandelt der Hauptrisikofaktor für Schlaganfall.“

Die Herzschwäche-Ambulanz sei früher übergegangen, „Jetzt kommen ein oder zwei Patienten am Tag.“ Stefenelli und die Kardiologengesellschaft betonen, dass Menschen mit akuten und zunehmenden Herzbeschwerden „unbedingt zu ihrem niedergelassenen Spezialisten oder ins Spital kommen sollen“.

Ähnlich auch Eugen Trinka, Präsident der Gesellschaft für Neurologie: „Bei Schlaganfall-Symptomen (z. B. Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen) muss man sofort die Rettung rufen.“

Von „nicht quantifizierbare medizinischen Kollateralschäden des Shutdown“ spricht der Salzburger Internist Jochen Schuler: „Es gibt derzeit eine große Menge an Patienten, die nicht gut versorgt werden. Die gewohnten Wege im Gesundheitssystem sind vielen versperrt.“ Kontrolltermine und alle nicht dringenden Behandlungen werden verschoben. „Viele von uns haben das Gefühl, dass uns das um die Ohren fliegen wird, weil die Probleme verschwinden ja nicht.“ Es war verständlich, dass in der ersten Phase der Pandemie alles auf Covid-19 ausgerichtet war: „Aber jetzt muss man sich wieder um funktionierende Strukturen kümmern.“ Wobei Arztpraxen neben Schutzkleidung auch einen rechtlichen Rahmen benötigen. „Viele haben Sorge vor behördlichen Schließungen nach Kontakt mit Infizierten.“

Sorge bei Krebspatienten

Große Sorge unter Krebspatienten verursacht das Verschieben von Operationsterminen. „OP wegen fehlendem Intensivbett (wg. Covid 19) 03/20 unmöglich“, heißt es in einem Arztbrief an eine Brustkrebspatientin etwa. Statt der OP wird jetzt als „Überbrückung“ eine Chemotherapie durchgeführt – von Haus aus geplant war das so nicht. „Meine Mutter fühlt sich jetzt als Mensch zweiter Klasse“, schreibt die Tochter an den KURIER. „Und zusätzlich besteht die Gefahr, dass sie auf die Chemo womöglich nicht anspricht und der Tumor dennoch ausstrahlt.“

Paul Sevelda, Präsident der Krebshilfe, versucht zu beruhigen: „Es gibt heute eine Reihe von Tumorerkrankungen, bei denen man zuerst eine Chemo und dann die Operation durchführt. Oder wo es keinen Unterschied macht, was zuerst stattfindet.“ Eine Verschiebung einer OP um einige Wochen habe in der Regel keinen Nachteil für die Patienten. „Und dringende Tumoroperationen werden überall durchgeführt.“

Patientenanwalt fordert Masterplan

„Meine Schwiegertochter hat seit einer Woche Mittelohrentzündung, muss Antibiotika und Schmerzmittel nehmen. Der Notdienst verschrieb ein anderes Antibiotikum – falls es zu keiner Besserung komme, solle sie einen HNO-Arzt aufsuchen. Doch dort wurde sie am Telefon abgespeist: Sie bekam lediglich  die Auskunft, die Tabletten eine Woche weiter zu nehmen und sich  zu melden, wenn es bis dahin nicht besser wird.“

Briefe wie dieser erreichen Patientenanwalt Gerald Bachinger viele: „Die Patienten haben einen erheblichen Zusatzaufwand zu argumentieren, dass ihre Beschwerden akut und dringlich sind. Ich vermisse einen Masterplan, wie man jetzt schrittweise und österreichweit einheitlich vorgeht, um den Normalbetrieb im Gesundheitssystem hochzufahren.“

Dazu brauche es „transparente und gerechte Kriterien, um die Wartezeiten bei Operationen und Behandlungsterminen abzubauen“.

Was die Ärztekammer dazu sagt

Johannes Steinhart, Vizepräsident dre Österreichischen Ärztekammer sagt dazu, dass nach wie vor die Empfehlung laute, Ärzte möglichst nur in akuten Fällen zu kontaktieren. Es müsse alles getan werden, um Infektionen zu vermeiden. Niemand werde abgespeist, vielfach würden ausführliche Videokonsultationen oder auch Telefongespräche durchgeführt. „Das hilft in sehr vielen Fällen.“ Auch Kritik, dass es kaum Hausbesuche gebe, weist die Kammer zurück: „Sehr viele Ärzte machen diese, wobei hier ein begrenzender Faktor der Mangel an Schutzausrüstung ist.“ Im Sinne der Früherkennung von Krankheiten solle aber der Zugang zu Routine- und Vorsorgeuntersuchungen „bald wieder gelockert werden“.

"Regelversorgung sicherzustellen"

Im Gesundheitsministerium heißt es, dass derzeit  Gespräche unter Einbeziehung aller Bundesländer und Landessanitätsdirektionen stattfinden.

"Neben dem Detektieren und der Versorgung von Covid-19-Erkrankten ist auch die Regelversorgung der Bevölkerung mit ihren gesundheitlichen Anliegen und Erkrankungen angemessen sicherzustellen."
 
Dabei seien vor allem die strukturellen Rahmenbedingungen für die Versorgungseinheiten im Spitals- und im niedergelassenen Bereich neu zu definieren. "Ziel ist die Vermeidung strukturbedingter Infektionsübertragung durch vorrangig organisatorische (räumliche bzw. zeitliche) Trennung der Patientengruppe der Covid-19-Infizierten von jener, die aufgrund anderer Ursachen erkrankt sind und für die Deckung des Versorgungsbedarfs Gesundheitsversorgungsstrukturen aufsuchen", heißt es in einer Stellungnahme. Und: "Jene Patientengruppen, die andere Erkrankungsursachen aufweisen, dürfen aufgrund des fokussierten Ressourceneinsatzes für das Covid-19-Krisenmanagement durch unangemessene Verschiebung der Versorgung nicht zu Schaden kommen."
 

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