Nicht nur gegen Falten: Für Botox gibt es mittlerweile viele Anwendungsbereiche.

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Wissen Gesundheit
08/10/2020

Botox: Faltenglätter mit vielen Gesichtern

Als potenzieller Mimiklähmer genießt der Wirkstoff nicht den allerbesten Ruf. Dabei wird er längst auch zur Linderung verschiedenster medizinischer Leiden eingesetzt.

von Marlene Patsalidis

Mit Botox nicht nur Sorgenfalten, sondern die Sorgen gleich mit wegspritzen: Das ist das inhaltliche Destillat einer neuen Studie, die kürzlich im renommierten Fachblatt Scientific Reports publiziert wurde. Dass die kosmetische Arznei gegen Depressionen helfen kann, ist nichts Neues. Schon vor einigen Jahren wurde der lindernde Effekt von Botulinumtoxin entdeckt und seither eingehend erforscht.

"Das Problem war bisher die Methode", schickt Marc Axel Wollmer, Psychiater und Mitautor der neuen Erhebung, voraus. In Studien, in denen man eine Gruppe depressiver Patienten mit Botox behandelt und einer anderen Kochsalzlösung als Placebo gespritzt hat, konnte zwar der antidepressive Effekt nachgewiesen werden. Weil die Teilnehmer meist an optischen Veränderungen bemerkten, ob sie das echte Mittel erhalten hatten, wurde deren Aussagekraft aber geschmälert. "Man konnte argumentieren, dass sich der Zustand der Probanden, die erkannten, dass sie Botox bekommen hatten, aufgrund der hoffnungsvollen Erwartung gebessert hat", sagt Wollmer, der Chefarzt an der Tagesklinik für Gerontopsychiatrie an der deutschen Asklepios Klinik Nord ist. Umgekehrt bei der Kontrollgruppe: "Die Enttäuschung über das wirkungslose Placebo konnte negative Gefühle verstärken."

Die neue Studie scheint nun Restzweifel bezüglich des Effekts von Botox bei Depressionen zu beseitigen. Zum einen wussten die Teilnehmer nicht, dass bei ihnen das antidepressive Potenzial gemessen wird. Die über 40.000 Patientenanamnesen aus einer Datenbank der US-Arzneimittelbehörde wurden retrospektiv analysiert. Personen mit diagnostizierter Depression wurden ausgeklammert. Wollmer: "Wir konnten den Erwartungseffekt außen vor lassen und eine vorbeugende Wirkung belegen."

Zum anderen zeigte sich der Effekt nicht nur bei Injektionen in die Stirn – dem Ort, wo der Laie depressionsbedingte Gedanken verortet. Die Studie umfasste Behandlungen aus acht verschiedenen Gründen und an diversen Injektionsstellen.

Vielseitiger Wirkstoff

Tatsächlich wird das Neurotoxin längst nicht mehr nur gegen die Zeichen der Zeit gespritzt. Es finden sich laufend neue medizinische Anwendungen. "Man kann damit im Grunde jeden beliebigen Muskel schwächen", erklärt Martin Grohmann, Plastischer Chirurg und Botox-Spezialist. "Wenn er im Zusammenhang mit einer Erkrankung steht oder Schmerzen verursacht, kann das unter Umständen medizinisch sinnvoll sein." So könne etwa Zähneknirschen, das chronische Schmerzen und heruntergemahlene Zähne bedingt, erfolgreich mit Injektionen in den Kaumuskulaturapparat behandelt werden.

Sind Muskelverspannungen die Ursache von Spannungskopfschmerzen, kann Botox in der Kopf- und Halsmuskulatur Linderung verschaffen. Bei Migräne-Patienten konnte erwiesenermaßen die Zahl der Kopfschmerztage reduziert oder zumindest die Intensität der Schmerzen abgeschwächt werden. "Übermäßiges Blinzeln kann auf ein neurologisches Problem zurückzuführen sein. Hier kann man den Augenmuskel schwächen, um die unkontrollierten Kontraktionen abzumildern."

Übermäßiges Schwitzen kann ebenso therapiert werden: "Es werden viele kleine Injektionen bei den Schweißdrüsen am Achselareal durchgeführt. Das kann die Schweißsekretion für bis zu sechs Monate minimieren", sagt Grohmann. Für einen anhaltenden Effekt muss die Behandlung immer wieder aufgefrischt werden. "Das macht sie nicht billig, und auch nicht ganz schmerzfrei." Botox beruhigt bei einer Reizblase mit häufigem Harndrang die Blasenmuskulatur. Die Therapie wird erst angewendet, wenn andere Therapien nicht helfen. Selten kommt es als Nebenwirkung zu einer Blasenmuskellähmung.

Zur Entstehung der antidepressiven Botox-Wirkung gibt es eine dominante Theorie: die Facial-Feedback-Hypothese. Sie besagt, dass die Mimik emotionale Stimmungslagen nicht nur ausdrückt, sondern aufrechterhaltend und verstärkend auf sie zurückwirkt.

Trübsal lähmen

Ein Beispiel: Wenn wir negative Emotionen verspüren, spannen wir die Muskeln um die Augenbrauen an. Das führt dazu, dass wir die Gefühle intensiver erleben. Entspannt man diesen Muskel künstlich, klingen die Emotionen allmählich ab. "Durch das muskellähmende Botox wird die Rückkopplungsschleife unterbrochen", sagt Wollmer, "Angst oder Traurigkeit, die bei der Depression auftreten, lassen nach". Seine aktuellen Forschungen legen nahe, dass sich die Feedback-Hypothese auf andere Körperzonen ausweiten lässt, etwa die Schweißdrüsen. "Schwitzen ist Ausdruck von Angst. Wird dieser Mechanismus gehemmt, könnte auch das Angstempfinden nachlassen."

Martin Aigner, Leiter der Klinischen Abteilung für Psychiatrie am Universitätsklinikum Tulln, hält die Befunde für „interessant“. Daraus auf einen antidepressiven Effekt von Botox zu schließen aber für "gewagt". Depressionen mit Botox zu behandeln, sei derzeit eine etablierte therapeutische Maßnahme. Es brauche eine solide wissenschaftliche Basis: "Botox ist keine harmlose Substanz. Wenn man es falsch anwendet, kann es Nebenwirkungen geben."

Wollmer befürwortet Botox zur Behandlung von Erkrankungen, die so belastend sind, dass sie Depressionen nach sich ziehen. "Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Man behandelt die Grunderkrankung und schützt Patienten vor psychischen Folgeerscheinungen." In puncto Ursachenforschung gebe es aber in der Tat noch viel zu tun, "um den Effekt von Botox auf die Psyche besser verstehen zu lernen".

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