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Wissen Gesundheit
05/21/2021

80 Impfdurchbrüche: Wie Experten diese Zahl einschätzen

Neue Daten zeigen: Der Schutz der Covid-19-Vakzine ist sehr hoch, aber er liegt nicht bei 100 Prozent.

von Elisabeth Gerstendorfer, Ernst Mauritz

Israel, die USA, Großbritannien und mittlerweile auch Österreich: Die Covid-19-Impfstoffe sind hoch effektiv, senken die Todeszahlen und Spitalsaufnahmen drastisch und sind mittlerweile auch einer der Gründe für den Rückgang der Infektionszahlen. 100 Prozent aller Erkrankungsfälle können sie aber nicht verhindern. Laut Bundesamt für die Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) sind bisher 80 „Impfdurchbrüche“ in Österreich bekannt. Aber was bedeutet das und wie ist diese Zahl einzuschätzen?

Was ist ein Impfdurchbruch?

Ein Impfdurchbruch liegt dann vor, wenn Personen trotz vollständiger Immunisierung (sieben Tage nach der zweiten Dosi bzw. 28 Tage nach der einzigen Dosis von Johnson & Johnson) an Covid-19 erkranken. Das bedeutet, dass die betroffene Person SARS-CoV-2 positiv ist und zusätzlich Symptome wie z.B. Fieber, Kurzatmigkeit, Husten, Geruchs- bzw. Geschmacksverlust hat, heißt es im neuen "Bericht über Meldungen vermuteter Nebenwirkungen nach Impfungen zum Schutz vor Covid-19" des BASG (Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen). Ein positiver Test nach einer COVID-19-Impfung ohne erkennbare Erkrankung mit Symptomen wird nicht als Impfdurchbruch gewertet, da die aktuell zugelassenen Impfstoffe zur Verhinderung von Erkrankungen entwickelt wurden. Von den 80 Fällen erkrankten 20 Betroffene schwer, acht starben, einer war in Lebensgefahr und elf in Spitalsbehandlung.

Sind 80 Impfdurchbrüche zwischen Dezember und Mai viel oder wenig?

„80 Impfdurchbrüche bei einer Million Menschen, die bisher vollständig immunisiert sind, sind für mich keine hohe Zahl. Die Zahl ist sogar niedriger als erwartet. Umgelegt würde das bedeuten, dass es bei einem von 10.000 Vollimmunisierten zu einem Impfdurchbruch gekommen ist, einer von 100.000 ist verstorben“, sagt Markus Zeitlinger, Leiter der Klinischen Pharmakologie im AKH Wien. Die Mehrzahl der Impfdurchbrüche habe ältere Menschen betroffen, ein großer Teil sei über 90 Jahre alt gewesen.

Ähnlich sieht das Infektiologe Herwig Kollaritsch, Mitglied des Nationalen Impfgremiums: „In den Studien lag die Wirksamkeit von Biontech/Pfizer bei 95 Prozent. Fünf Prozent – fünf von 100 – wären demnach nicht geschützt, also deutlich mehr.“ Die Sterblichkeit von zehn Prozent (8 der 80 Betroffenen) sei deutlich niedriger als jene bei ungeimpft Erkrankten über 80 Jahre (rund 20 %). Mit Ausnahme von Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem und sehr hochaltrigen Menschen gebe es keine Berichte über schwere Krankheitsverläufe bei Geimpften. Kollaritsch verweist auch auf Daten, die jetzt im New England Journal of Medicine über die Impfung von mehr als 18.000 Menschen in Alten- und Pflegeheimen in den USA veröffentlicht wurden. Mehr als 14 Tage nach der zweiten Teilimpfung (die immerhin noch 13.048 Personen bekamen, die anderen hatten nur eine Teilimpfung) sind in der Gesamtgruppe der 18.000 nur mehr neun Infektionen mit Symptomen aufgetreten. "Das ist wahnsinnig wenig. Die Versagensquote der Impfstoffe ist de facto sehr niedrig. Das ist für mich ein sehr erfreuliches Ergebnis."

Warum sind vor allem ältere Menschen betroffen? Wirkt die Impfung bei ihnen nicht so gut?

Laut Zeitlinger spielen vor allem drei Faktoren eine Rolle. „Ältere Menschen wurden am Anfang bevorzugt geimpft, das heißt, sie hatten bisher auch die meiste Zeit, sich zu infizieren. Das Zweite ist, dass Ältere, auch wenn sie geimpft sind, bei einer Infektion ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben als jüngere Geimpfte. Und drittens ist es wahrscheinlich so, dass die Impfung bei manchen älteren Menschen etwas schlechter wirkt als bei jüngeren. Das ist aber eher das kleinste von diesen drei Rädchen“, so Zeitlinger. Ältere Menschen müssten sich keine Sorgen machen, dass die Impfung bei ihnen nicht wirke. Vielmehr gehe es um das Bewusstsein, nach wie vor vorsichtig zu sein, da die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz biete.  

Bedenken müsse man auch, dass diese Impfdurchbrüche zu einem Zeitpunkt erfolgt seien, zu dem der Infektionsdruck aufgrund der hohen Virusverbreitung sehr stark war und auch noch viele Menschen ungeimpft waren: "Je mehr Menschen geimpft sind, umso geringer ist die Chance, dass ein anderer infiziert ist, noch geringer ist dann das Risiko, dass auch ein Geimpfter infiziert wird, und nochmals geringer, dass ein geimpfter Infizierter auch erkrankt."

Sollte nach der zweiten Impfung ein Antikörpertest gemacht werden?

Das wird derzeit nicht empfohlen. „Antikörpertests sagen nur aus, ob jemand auf die Impfung reagiert hat oder ob er gar nicht reagiert hat. Flächendeckende Antikörpertests halte ich für nicht sinnvoll, außer im Rahmen von Studien. Hier sind wir noch in einer Lernphase, wie die gemessenen Antikörper-Werte zu interpretieren sind“, sagt Zeitlinger. Lediglich in Einzelfällen (z.B. bei Personen mit Immunschwäche) kann vier Wochen nach der Impfung eine Antikörperbestimmung durchgeführt werden.

Wie sind die Werte im Vergleich zu anderen Ländern zu bewerten?

Auch in anderen Ländern sind Impfdurchbrüche zu beobachten, ein Vergleich der Werte ist aber schwierig. Zeitlinger: „Eine Rolle spielt etwa die Inzidenz. In einem Land, in dem die Pandemie nicht mehr wütet, kann sich auch keiner anstecken und es kann zu keinem Impfdurchbruch kommen. In Österreich kam es in einer Zeit zu den 80 Impfdurchbrüchen, als wir die zweithöchste Welle hatten. Das mit einem Land zu vergleichen, das viel früher eine höhere Impfrate hatte und das uns mit der Bekämpfung des Virus voraus ist, halte ich für nicht sinnvoll.“

Welche Bedeutung haben Virusvarianten für Impfdurchbrüche?

Mutationen spielen ebenso eine Rolle, da nicht alle Impfstoffe gegen jede Variante gleich gut wirken. Besonders die südafrikanische Variante konnte in einer israelischen Studie häufig bei Impfdurchbrüchen nachgewiesen werden. Ein Team der Uni Tel Aviv verglich 400 Geimpfte und Nichtgeimpfte. Von den 400 Geimpften infizierten sich 150 Personen, bei ihnen gab es achtmal mehr Impfdurchbrüche durch Infektionen mit der südafrikanischen Variante – obwohl diese Variante laut den Forschern in Israel zu diesem Zeitpunkt nicht stark verbreitet war. Geimpfte, die erst eine Dosis erhalten hatten, infizierten sich hingegen häufiger mit der britischen Variante. Das deutet darauf hin, dass nach zwei Dosen aber ein guter Schutz gegen die britische Variante erreicht ist. „Es macht einen Unterschied, ob man nur eine oder beide Dosen bekommen hat. Dieser Unterschied kann gerade das sein, was es ausmacht, ob es zu einem Impfdurchbruch kommt oder nicht, deshalb sollte die zweite Dosis keinesfalls weggelassen werden“, betont Zeitlinger.

Was bedeuten diese Erkenntnisse z.B. für Büros, wenn sich diese wieder füllen?

„Bei Zusammenkünften von ausschließlich Geimpften sehe ich keine Gefahr“, sagt Kollaritsch. „Man geht derzeit bei infizierten Geimpften von einer Verringerung der Wahrscheinlichkeit, Ungeimpfte anzustecken, von 70 bis 80 % aus. Ist das Gegenüber auch geimpft, kann eigentlich nichts mehr passieren.“ Auch bei einem Impfdurchbruch (also Infektion mit Erkrankung) sind  Ausmaß und Dauer der Infektiosität geringer. 

In einem Artikel in der New York Times wird der österreichische Virologe Florian Krammer zitiert, wonach Studien zeigten, dass Menschen, die sich nach ihren Impfungen infizieren, zu wenige Viren in sich tragen, um andere zu infizieren. In diesen Fällen sei es oft sogar schwer, Viren nachzuweisen, weil das Virusmaterial nur so gering und nur so kurz vorhanden sei.

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