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Wissen
09/16/2021

Epidemiologin Schernhammer: "Zeitpunkt für mehr Maßnahmen kommt"

Die Expertin rechnet damit, dass bis Ende September eine Entscheidung in Sachen 1-G-Regel fallen wird.

von Kevin Kada

Geimpft, Getestet, Genesen - die 3-G-Regel begleitet Österreich nun bereits seit mehreren Monaten. Doch mit Fortdauer der Impfkamagne geriet genau diese ins Stocken. Aktuell sind in Österreich mit Stand Mittwoch 62,93 Prozent der Gesamtbevölkerung einmal geimpft. 59,49 Prozent haben einen vollständigen Impfschutz.

Das ist zu langsam und zu wenig, geht es nach Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien. Im Ö1-Morgenjournal sagte die Wissenschafterin: "Der Zeitpunkt für einschneidendere Maßnahmen kommt, denn es bewegt sich fast nichts. Die Impfraten bleiben stagnierend bei 60 Prozent und wir bräuchten deutlich mehr Fortschritt."

Mehr Fortschritt, um die Pandemie tatsächlich für beendet zu erklären. Schernhammer selbst meinte erst vor wenigen Wochen, dass "wir die Pandemie bis Ende des Jahres überwunden haben". Aber davor, wird es wohl noch ungemütlich für Ungeimpfte.

Die Epidemiologin rechnet damit, dass in den kommenden zwei bis drei Wochen eine Entscheidung getroffen wird, wie man nach dem Stufenplan der Bundesregierung weitermacht. Denn wie das Covid-Prognose-Konsortiumsbereits am Mittwoch erklärte, wird dieser Stufenplan wohl bereits in zwei Wochen überholt sein.

Und die Prognosen haben sich in der Vergangenheit als Treffsicher erwiesen. Ende August prognostizierten das Konsurtium einen Intensivbelag mit Mitte September rund um 200 Patienten. Am gestrigen Mittwoch waren es tatsächlich 198. 

Die Experten des Konsortiums gehen von einem "signifikant" steigenden Bettenbelag auf Intensivstationen mit Corona-Infizierten in den kommenden zwei Wochen aus. Österreichweit wird ein Zuwachs von 9,8 auf 15,9 Prozent erwartet. Das sind 326 statt aktuell rund 200 schwerstkranke Covid-Patienten und übersteigt somit die von der Corona-Kommission definierte Grenze zum mittleren Systemrisiko, heißt es in der Berechnung für das Gesundheitsministerium.

Schernhammer rechnet damit, dass es spätestens dann zu "weiteren Maßnahmen kommen muss". Ihrer Meinung nach, wird spätestens dann die 1-G-Regel einen schleichenden Einzug finden. "Man muss diese Regel gar nicht so offen aussprechen. Es wird stattfinden, dass Ungeimpfte bestimmte Dinge nicht tun werden dürfen", so die Epidemiologin. 

Als Beispiel nannte Schernhammer bereits Flugreisen oder aber auch beim Zutritt zur Gastronomie könnte sich Schernhammer vorstellen, dass nur Geimpfte diesen bekommen. "Man denke nur, man ist selbst geimpft. Dann will man sich ja auch selbst in einem Umfeld bewegen, in denen auch alle anderen geimpft sind."

Anreiz statt Verbote

Die Epidemiologin ist allerdings auch eher eine Verfechterin von Anreizen und nicht von Verboten. "Welche Anreize man hier schafft, wird zu entscheiden sein. Da gibt es ja hunderte verschiedene Varianten." 

Eine davon ist beispielsweise die Impf-Lotterie im Burgenland. Hier waren bis Montagmittag bereits 13.700 Menschen angemeldet. Ausgelost werden die Preise aber nur, wenn das Burgenland bis zum 11. November eine Durchimpfungsquote von 80 Prozent erreicht hat. 

In den vergangenen zwei Wochen war vor allem auch das Thema Schulstart in aller Munde. Hier hat das Ministerium ja am Dienstag bekannt gegeben, dass man die Quarantäne-Regeln für die Schulen lockern wolle. Epidemiologin Schernhammer sieht das kritisch: "Wir wissen, dass das Virus sich nicht nur innerhalb von einem Meter Radius verbreitet. Es reist im ganzen Klassenzimmer herum."

"Man wird zurückrudern müssen"

Für sie ist die aktuell laufende Schulstartphase ein "Versuch, dass Schüler trotz des verzögerten Endes der Pandemie ob der niedrigen Impfquote, dennoch in der Schule sein können". Hier merke man unter anderem das gesellschaftliche Dilemma, in dem sich Österreich befinde: "Was wir jetzt gerade erleben ist das Prinzip der Solidarität. Denn es geht nicht mehr nur um die eigene Gesundheit, sondern auch um die gesellschaftlichen Folgen der verzögerten Pandemie. Und die Schüler sind hier ebenso betroffen."

Es sei ein "Drahtseilakt, solange nicht genügend Menschen geimpft sind", so Schernhammer. Sie verstehe die Maßnahmen, ist aber dennoch skeptisch und kann sich vorstellen, "dass man auch andere infizierte Schüler in der Klasse finden wird und dann zurückrudern und ganze Klassen in Quarantäne stecken muss".

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