Wissen und Gesundheit
05.02.2018

Cholesterin: Wieso schlank kein Schutz sein muss

Drei Millionen Menschen mit zu hohem Cholesterinspiegel, jeder Zweite weiß es nicht. Neue Kampagne macht darauf aufmerksam, dass auch sportliche und schlanke Menschen zu hohe Cholesterinwerte haben können.

"Es gibt Menschen, schlank, sportlich, gesunde Ernährung, die trotzdem ein LDL-Cholesterin von 350 Milligramm pro Deziliter Blut (Zielwert bei Gesunden ist unter 130, Anm.) haben – und jahrzehntelang nichts davon wissen." Diese Erfahrung hat Christoph Binder, Atheroskleroseforscher an der MedUni Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Atherosklerosegesellschaft, schon mehrfach gemacht: "Rund 40.000 Menschen sind von einer vererbten Form eines erhöhten LDL-Cholesterins betroffen. der familiären Hypercholesterinämie. Diagnostiziert ist nur jeder Zehnte."

Warnsignal früher Herzinfarkt

Bestimmte Gen-Mutationen sind bei diesen Menschen dafür verantwortlich, dass das LDL-Cholesterin nicht ausreichend abtransportiert wird. "Auf jeden identifizierten Patienten kommen im Schnitt acht Familienangehörige, die ebenfalls betroffen sind. Ein früher Herzinfarkt in einer Familie sollte ein Warnsignal sein."

Auch Veranlagungen

Doch es gibt nicht nur diese durch ganz bestimmte genetische Auffälligkeiten nachweisbare Vererbung: "Viele haben auch eine, nicht direkt an einzelnen genetischen Varianten festzumachende Veranlagung für erhöhte Cholesterinwerte: Diese Personen reagieren zum Beispiel auf eine Umstellung der Ernährung mit deutlich weniger tierischen Lebensmitteln gar nicht." Oft werde hohes Cholesterin nur als Lifestyle-Faktor und Folge von Übergewicht gesehen: "Aber das stimmt nicht – auch sehr Schlanke können erhöhte Cholesterinwerte haben."

Rund drei Millionen Österreicher sind von zu hohem Cholesterin betroffen – ein Hauptrisiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Nur die Hälfte weiß über ihre Werte Bescheid, sagen Experten. Warum neben fettreicher Ernährung , Bewegungsmangel und Bluthochdruck auch Rauchen einen Einfluss hat, erklärt Binder so: "Es löst Entzündungen aus und beschleunigt damit die Bildung von Plaques, Ablagerungen, in den Gefäßen. Es kann die Gefährlichkeit des LDL-Cholesterins noch erhöhen."

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Regelmäßig testen

Der Biotechnologiekonzern Amgen und die Atherosklerosegesellschaft wollen jetzt das Bewusstsein für die Gefahren eines erhöhten LDL-Cholesterins erhöhen: Mit der Kampagne "Blutsverwandt" sollen "Informationen vermittelt und mehr Menschen dazu angeregt werden, ihren Cholesterinspiegel regelmäßig zu testen und erhöhtes Cholesterin als Risikofaktor ernst zu nehmen", sagt Amgen-Geschäftsführer Martin Munte. "Vier von zehn Todesfällen in Österreich werden durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht – das sind 33.000 Todesfälle jährlich in Österreich."

"Drei Viertel aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind durch Atherosklerose ("Gefäßverkalkung", Anm.) bedingt – und diese ist eindeutig die Folge eines erhöhten Cholesterins, dieser Zusammenhang ist ganz klar belegt", betont Binder. Wobei das LDL-Cholesterin entscheidend sei: "Man schaut immer mehr in erster Linie darauf." Je niedriger, umso geringer das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und auch für Todesfälle.

Betroffene entdecken

Gemeinsam mit der Patientenorganisation "FHchol Austria" baut die Atherosklerosegesellschaft ein Register der bisher diagnostizierten Patienten mit erblichem erhöhtem LDL-Cholesterin auf. Binder: "Eines unserer Ziele ist, in den Familien diagnostizierter Patienten weitere Betroffene ausfindig zu machen." Damit könnte das Risiko dieser Personen für Herzinfarkte und Schlaganfälle stark gesenkt werden.

Lebensstiländerungen und klassische Cholesterinsenker (Statine) reichen gerade bei dieser Gruppe oft nicht aus, um ihre niedrigeren LDL-Zielwerte (siehe Grafik) zu erreichen. Für sie – aber auch für alle, die nach einem Infarkt oder Schlaganfall trotz Statingabe das Cholesterin nicht ausreichend senken können, gibt es seit zwei Jahren eine neue Medikamentenklasse – die"PCSK9-Inhibitoren".

Diese erhöhen die Aufnahme von LDL-Cholesterin aus dem Blut in die Leber. In Lipidzentren in Spitälern werden die Patienten darauf eingestellt. Binder: "Medizinisch sinnvoll wäre es, diese Medikamente in bestimmten Fällen auch bereits vor einem Herzinfarkt verschreiben zu können, wenn sonst keine ausreichende Cholesterinsenkung möglich ist." Das ist aber auf Kassenkosten noch nicht möglich.