Wissen und Gesundheit
21.06.2016

Beim Herzinfarkt entscheidet schnelles Handeln

Die Wahrscheinlichkeit einen Infarkt zu überleben, ist hoch.

Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer ist Kardiologin an der Uni-Klinik für Innere Medizin II der MedUni Wien / AKH Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft

Wie groß ist heute die Wahrscheinlichkeit, einen Infarkt zu überleben?
Sie liegt bei rund 95 Prozent. Weniger als fünf Prozent der Patienten, die mit einem Infarkt lebend ins Spital kommen, versterben an den unmittelbaren Folgen des Gefäßverschlusses. Vor rund 30 Jahren waren es noch fast 20 Prozent. Möglich wurde dies durch die primäre Koronarintervention (PCI).

Was geschieht dabei?
Am Handgelenk wird eine Arterie punktiert. Unter Röntgenkontrolle schiebt die Kardiologin / der Kardiologe einen Herzkatheter, einen dünnen Kunststoffschlauch, bis an das verschlossene Herzkranzgefäß und stellt es mit Kontrastmittel dar. Dann wird ein Ballon in die Engstelle vorgebracht und aufgeblasen, und so das Blutgefäß wiedereröffnet. Anschließend implantieren wir einen Stent – ein kleines Drahtgitter – in der Engstelle. Der Stent hält das Blutgefäß dauerhaft offen.

Welches Zeitfenster hat man dafür?
Wird ein komplett verschlossenes Gefäß ein bis etwa drei Stunden nach Schmerzbeginn wiedereröffnet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich der Herzmuskel komplett regenerieren kann.

Welche sind die häufigsten Symptome?
Heftige Schmerzen in der Brust, Luftnot, plötzlicher Leistungsabfall. In meiner Erfahrung sind auch bei Frauen diese Symptome meist vorhanden, nur achten sie weniger bzw. erst später darauf. Auch viele Ärzte sind, vor allem bei jüngeren Frauen, oft nicht so hellhörig – einfach weil bei ihnen Infarkte seltener sind.

Was muss man tun, um das Risiko eines zweiten Infarkts zu reduzieren?
Es dauert oft Monate, bis der Stent gut ins Gefäß eingewachsen ist. In dieser Zeit besteht die Gefahr, dass es am Stent zu Ablagerungen von Blutplättchen – und zur Bildung eines neuerlichen Gerinnsels – kommt. Um das zu verhindern, müssen niedrig dosiertes Aspirin und ein zweiter Blutplättchenhemmer eingenommen werden. Statine (Blutfettsenker), Blutdruckmedikamente wie ACE-Hemmer und Betablocker senken zusätzlich das Sterblichkeitsrisiko.
Den größten Effekt erzielt man allerdings mit Lebensstiländerung: gesunde Ernährung, körperliches Training, Gewichts- und Stressreduktion.

Welche Rolle hat unbehandelter Hochdruck?
Er erhöht das Infarktrisiko deutlich. Jeder sollte seinen Blutdruck kennen, und er sollte 140/85 mmHg nicht überschreiten. Bluthochdruck führt zu Atherosklerose, der Gefäßquerschnitt verengt sich. Die Gefäßinnenhaut kann aufreißen und an dieser verletzten Stelle bildet sich ein Gerinnsel, das das Blutgefäß verschließt – vergleichbar einer Kruste auf der Haut.


Univ.-Prof. Julia Mascherbauer am Tel. (01/526 57 60): Mittwoch, 22. 6. 2016, 14 bis 15 Uhr. eMail: gesundheitscoach@kurier.at