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02.09.2018

90 Jahre Antibiotika: „Die Keime sind uns haushoch überlegen“

Ohne Penicillin und Co. gäbe es keine moderne Medizin. Experten sehen in resistenten Erregern eine "immer größere Bedrohung".

Eine Herz- oder Lebertransplantation, Krebstherapien, die das Immunsystem schwächen, eine neue Hüfte: „Viele Bereiche der modernen Medizin wären ohne Antibiotika nicht möglich – oder es gäbe unglaublich viele Komplikationen“, sagt Infektionsspezialist Oskar Janata vom SMZ Ost-Donauspital in Wien. Im September 1928 machte Alexander Fleming seine wichtigste Entdeckung: Dass ein Schimmelpilz das Wachstum von Bakterien hemmt (siehe nachstehende Grafik). Genau genommen war es eine Wiederentdeckung: Bereits Theodor Billroth beobachtete 1874 diesen Effekt des Pilzes Penicillium auf Bakterien.

Bereits vor Flemings Erkenntnis gab es antibakterielle Substanzen – etwa die Arsenverbindung Arsphenamin: Paul Ehrlich wies 1909 nach, dass sie gegen den Erreger der Syphilis wirkt. „Aber Penicillin war das erste richtige Antibiotikum mit einer Wirksamkeit gegen sehr viele Bakterienstämme.“

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Bis zur industriellen Herstellung dauerte es noch 14 Jahre – während des Zweiten Weltkrieges wurden mit den knappen Vorräten vorwiegend Soldaten behandelt.

„Die große Ära der Antibiotika hielt bis Ende der 70er Jahre an – in dieser Zeit wurden alle bis heute üblichen Substanzen entdeckt“, sagt Janata: Alles Produkte von Pilzen, mit denen sie sich in der Natur vor anderen Mikroorganismen schützen.

„Danach begnügten sich die Firmen damit, aus einem Antibiotikum der ersten Generation eines der zweiten zu machen – mit einem etwas breiteren Anwendungsbereich und anderer Dosierung zum Beispiel. Aber man hat damals nicht bedacht, dass es trotzdem dieselbe Substanz ist.“

Erste Problemkeime

Bis Mitte der 80er-Jahre das erste große Problem auftrat: Resistente Staphylokokken (MRSA), die lange Zeit die Problemkeime im Krankenhaus waren: „Und denen war es egal, ob es sich etwa um ein Cephalosporin der ersten, zweiten oder vierten Generation handelte. Wenn resistent, dann gegen alle Generationen.“

Mehr als zehn Jahre dauerte es, „bis die Medizin diesen Schock überwunden und neue Wirkstoffe zur Verfügung hatte“. Doch ab dem Jahr 2000 dann der nächste – bis heute anhaltende – Rückschlag durch multiresistente Darmkeime (Klebsiellen, Escherichia coli) mit einer besonderen Eigenschaft: Sie bilden ein Enzym (Eiweiß), das Antibiotika zerstört. In mehreren Staaten (vor allem südliches und östliches Europa) sind mehr als 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen mehrere Antibiotika resistent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch die EU haben schon mehrfach gewarnt, dass diese Resistenzen „eine immer größere Bedrohung“ darstellen.

„Natürlich tragen falsche Verschreibung und falsche Einnahme nach wie vor zu dem Problem bei“, sagt Janata. Er habe den Eindruck, dass besonders in Spitalsambulanzen, wo Ärzte die Patienten oft nicht kennen und nicht so gut einschätzen können, häufiger Breitbandantibiotika verschrieben werden.

Aber es gibt auch ein zweites, zunehmendes Problem: Die Ausbreitung solcher multiresistenten Darmkeime in der Umwelt. Verunreinigtes Trinkwasser und schlechte Sanitäranlagen sind in vielen Schwellenländen ein Problem. „Gäbe es weltweit sauberes Trinkwasser, würde sich das Problem deutlich entschärfen.“

Heute gehe man schon davon aus, dass – als ein Beispiel – praktisch jeder Indien-Urlauber mit einem resistenten Keim im Darm zurückkomme. Die müssen nicht gleich krank machen, können aber generell bei Spitalsaufenthalten zum Problem werden – wenn die Hygiene nicht passt. „Kommt ein Patient mit so einem Keim in unser Spital, dann weiß ich, dass wir alle notwendigen Maßnahmen setzen können, damit er sich nicht auf Stationen ausbreitet.“ In vielen Ländern sei dem aber nicht so.

Letzte Auswege

Und Janata betont: „Wir haben im Spital immer noch einen Weg gefunden, auch Patienten erfolgreich zu behandeln, deren Keim gegen alle Antibiotika resistent ist. Das hatten wir heuer schon drei Mal.“ Dann gebe es noch Medikamente aus anderen Bereichen – etwa zwei Tuberkulosepräparate: „Aber das sind nur Sachen für Spezialisten im Spital.“

Er hoffe, dass in zwei bis fünf Jahren endlich wieder neue Wirkstoffe zugelassen werden – zuerst für den Spitalsbereich als Infusionen, später auch Tabletten für die Ordinationen. Und dass es langfristig auch andere Methoden zur Bakterienbekämpfung gibt – etwa die gezielte Stimulierung des Immunsystems, ähnlich wie in der Krebstherapie. Eines sei aber klar: „Einen endgültigen Sieg über die Bakterien wird es sicher niemals geben. Die Keime sind uns haushoch überlegen, das hat die Geschichte bewiesen.“