© EPA/MAXIM SHIPENKOV

Wirtschaft
03/11/2022

Wer gewinnt den Wirtschaftskrieg?

Die westlichen Maßnahmen treffen Russland hart. Für Freude ist es aber zu früh. Denn noch ist offen, welche Gegenmaßnahmen Moskau konkret plant.

von Wolfgang Unterhuber, Anita Kiefer

Der Alltag in Russland sei, zumindest von außen betrachtet, noch relativ normal, berichtet der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Moskau, Rudolf Lukavsky, dem KURIER. „Alle lokalen Cafés, Restaurants sowie Geschäfte sind offen, haben einen normalen Betrieb, Theater und Kinos auch.“

Stellt sich die Frage: Wird Russland fallen? Das könne man aktuell nicht sagen und hänge von der weiteren Entwicklung und der Dauer der Sanktionen ab, so Lukavsky. Wifo-Finanzexperte Thomas Url glaubt gegenüber dem KURIER aktuell nicht an einen Zusammenbruch. Seit dem Krimkrieg 2014 habe Russland stark an einer Verbesserung seiner ökonomischen Autarkie gearbeitet.

Preisanstieg

Allerdings spüren die Russen derzeit einen massiven Preisanstieg. Besonders die Preise für importierte Waren sind enorm gestiegen, nämlich um bis zu 70 Prozent. Der Druck durch die westlichen Sanktionen sei "hoch", so Lukavsky. Internationale Ökonomen rechnen für heuer in Russland mit einer zweistelligen Inflationsrate und einer Rezession. Um mindestens fünf Prozent könnte die russische Wirtschaft einbrechen. Wenn man weiß, dass die Wirtschaft in den vergangenen Jahren stagnierte, wirkt das umso härter.

 

Geht Russland pleite?

Auch eine zuletzt im Raum stehende Staatspleite sieht der Wifo-Experte eher skeptisch. Was möglich sei, ist, dass Russland seine bestehenden Auslandsschulden bald nicht mehr bediene. Hintergrund: In den Ratings der großen Agenturen wie Standard & Poors und Fitch haben russische Staatsanleihen nur noch Ramsch-Status. Weil die Russische Zentralbank keinen Zugriff mehr auf rund die Hälfte ihrer Devisenreserven hat, ist das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Landes zerbröselt.

Für den russischen Staat sei das nicht wirklich gravierend, erklärt Stefan Kooths, Konjunkturchef beim Kieler Institut für Weltwirtschaft: „Diese Bedeutung ist eher gering, denn die Auslandsverschuldung ist im internationalen Vergleich sehr niedrig.“ Außerdem: Russland habe derzeit gar keinen Grund, im Westen neues Geld aufzunehmen. Mit Dollars und Euros kann Russland wegen der Sanktionen ohnehin nichts kaufen.

Rohstoffe decken ein Fünftel der Staatsausgaben

Anders wäre die Lage, wenn die Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen, insbesondere von Öl und Gas, wegbrechen würden. Mit diesem Geld deckt Russland immerhin rund ein Fünftel seiner Staatsausgaben, Militär inklusive. Solange aber die Öl- und Gasexporte laufen, würden monatlich 25 bis 30 Milliarden Dollar nach Russland fließen, sagt Sofia Donez, Chefökonomin der russischen Investmentbank Renaissance Capital, im deutschen Handelsblatt. Russland hält seine Energie-Verpflichtungen daher auch ein, wie Präsident Wladimir Putin am Donnerstag betonte.

Der Bumerang

Würde hingegen die EU den Russen den Öl- und Gashahn zudrehen, könnte das eine fatale Rückkoppelung erzeugen. Schon jetzt leiden Branchen wie die Papierindustrie massiv unter den hohen Energiepreisen (siehe Berichte auf den Seiten 4, 5). Industriellengeneral Christoph Neumayer warnte diese Woche im KURIER, dass in der energieintensiven Industrie bei einem Gas-Einfuhrstopp hierzulande „in einigen wenigen Wochen Schluss“ sein könnte. Österreich importiert 80 Prozent seines Gasverbrauchs aus Russland.

Russland plant inzwischen Gegenmaßnahmen. Westlichen Unternehmen, die das Land verlassen, droht nun eine Verstaatlichung ihrer Betriebe und Produktionsstätten. Laut der Yale University haben bereits über 300 internationale Konzerne ihre Aktivitäten in Russland eingestellt. Von Apple über Netflix bis McDonald’s.

"Politisches Pokerspiel"

Auch Österreicher sind darunter. Etwa der Feuerwehrausrüster Rosenbauer oder Swarovski. Die russische Regierung arbeite nun an einer „Nationalisierung“ solcher Unternehmen, sagte der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew am Donnerstag. Thomas Url hält das vorerst für ein "politisches Pokerspiel". Rudolf Lukavsky hält es für „nicht ausgeschlossen“, dass einzelne Unternehmen verstaatlicht werden könnten. Dazu kommt, dass Russland eine Rohstoffmacht ist. Ein kolportierter Stopp wichtiger Rohstoffe würde den Westen enorm treffen (siehe Bericht unten).

 

Hat der Westen die Folgen des Wirtschaftskrieges gegen Russland unterschätzt? Für Url ist der Westen jedenfalls sehr „verwundbar“. Monika Köppl-Turyna, Chefin von EcoAustria, hält die Wirkung der westlichen Sanktionen auf die russische Wirtschaft für deutlich größer als die Auswirkungen auf den Westen selbst. Immerhin exportiere Russland 40 Prozent in die EU, umgekehrt seien es nur einige Prozent.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare