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Wirtschaft
12/19/2021

Sonntagsöffnung: "Ein Tag mit Eventcharakter, aber kein Heilsbringer"

Experten rechnen mit einem Ansturm auf die Top-Lagen. Offene Geschäfte am Sonntag hätten mittelfristig gravierende Folgen.

von Simone Hoepke, Katharina Salzer, Barbara Beer

Es klingt wie ein Treppenwitz: Jahrzehntelang wird über die Sonntagsöffnung gestritten, nun dürfen die Geschäfte heute ausnahmsweise öffnen und dann das: Quasi niemanden interessiert’s. Diesen Schluss legt eine Umfrage der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) nahe. Demnach können die Kaufleute heute lediglich 17 Prozent der Konsumenten hinter dem Ofen hervorlocken. 83 Prozent haben den vierten Adventsonntag alternativ mit Sport, Familie und Freunden verplant.

Aus Sicht des JKU-Handelsexperten und Mit-Studienautor Christoph Teller ist das wenig überraschend.

Als gelernter Österreicher sei man es schlicht nicht gewöhnt, sonntags einkaufen zu gehen. Womit sich die Frage stellt, ob man sich die ganze Diskussion, inklusive der Streitereien mit Kirchen-Vertretern, gleich hätte sparen können. Kommt darauf an, wo man nachfragt.

Matthäus-Effekt

"Wer hat, dem wird gegeben", bemüht Christoph Teller den sogenannten Matthäus-Effekt. "In sogenannten A-Lagen wird es sich abspielen, was für B- und C-Lagen übrig bleibt, sei dahingestellt. Betriebswirtschaftlich wird der Tag jedenfalls kein Heilsbringer", ist Teller überzeugt. Schließlich steht Mitarbeitern ein 100-prozentiger Zuschlag plus ein Ersatzruhetag zu. Für manche Handelsbeschäftigte also ein guter Deal, der allerdings nicht zu jedem Lebenskonzept passt.

Womit auch schon erklärt ist, warum viele dieser personalintensiven Branche (300.000 Angestellte in Österreich) froh sind, dass die Läden normalerweise sonntags geschlossen bleiben. Zur Größenordnung: In Umfragen spricht sich jeder zweite Österreicher gegen die Sonntagsöffnung aus. Anzunehmen, dass darunter auch viele Unternehmer sind, die sich keine Mitarbeiter leisten können, ergo selbst auch sonntags im Geschäft stehen müssten. Im schlechtesten Fall ohne Mehreineinnahmen, weil sich die Umsätze letztlich nur auf mehrere Wochentage verteilen. Das Argument, dass offene Sonntage mehr Umsatz bringen, hält bestenfalls dort, wo Touristen das Geschäft ankurbeln, die nur am Wochenende da sind.

Eine mittelfristige Sonntagsöffnung – wenn vielleicht auch nur für einen Sonntag im Monat – kann man jedenfalls nicht mit dem heutigen Tag in einen Topf werfen, sagt Teller. "Dieser Sonntag ist eine Eintagsfliege mit Eventcharakter." Schon allein der Beschäftigungseffekt sei gänzlich anders.

Werden aktuell in vielen Geschäften ein paar gut bezahlte Überstunden geschoben, müssen die Chefs im ersten Fall zusätzliches Personal anheuern. Klingt in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit gut, doch Teller gibt zu bedenken: "Angestellt werden an den teuren Sonntagen letztlich jene Mitarbeiter, die günstig sind. Das sieht man etwa in Großbritannien." Willkommen Sonntagsöffnung, Goodbye Service-Leistung. Ob das so gewünscht ist, müsse man sich vorher überlegen.

 

Wo man heute einkaufen kann
Heute dürfen alle Geschäfte aufsperren, die im Lockdown geschlossen geblieben sind. Also zum Beispiel Elektro-, Buch- oder Spielwarenhändler, nicht jedoch Supermärkte, Diskonter, Drogerien. Mit vielen Kunden wird vor allem in so genannten A-Lagen, wie Shoppingcentern, gerechnet. Nicht alle Kaufleute werden heute aufsperren

Was sonst gilt
Laut Öffnungszeitengesetz dürfen Geschäfte in Österreich von  Montag bis Freitag von 6 Uhr bis 21 Uhr und an Samstagen von 6 Uhr bis 18 Uhr offen halten, insgesamt also bis zu 72 Stunden pro Woche. An Sonntagen müssen die Läden zu bleiben, allerdings gibt es eine ganze Reihe von Ausnahmen, z. B. für Tankstellen, Bäcker oder Floristen, sowie für Händler an Bahnhöfen  oder in Tourismuszonen. Letztere gibt es in allen Bundesländern – mit Ausnahme von Wien

Lösung Tourismuszone

Allerdings muss man die Kirche auch im Dorf lassen. Offene Geschäfte sind in vielen Urlaubsregionen Österreichs längst Alltag, dank Tourismuszone. In Wien konnte man sich bisher nicht zu einer solchen durchringen. Gestritten wird um die Frage, wo die Tourismuszone beginnen und aufhören soll. Im 1. Bezirk – oder soll die Mariahilfer Straße auch dazu gehören? Und wenn ja, nur die Innere oder auch die Äußere Mariahilfer Straße? Und sollten nicht auch die Lugner City und vielleicht die SCS aufsperren dürfen? "Das Abgrenzungsproblem ist alles andere als trivial. Der Kunde ist mobil", meint Teller. "Mit seinem Klimaticket ist ein Linzer in weniger als eineinhalb Stunden mit dem Zug in Wien, wenn es dort mehr Angebot gibt." So ziehen Debatten um Tourismuszonen weitere Kreise.

Wer sich dunkel zu erinnern glaubt, dass es einen goldenen Sonntag schon einmal gegeben hat, liegt übrigens richtig. Das war in den 1960er-Jahren. Also in einer Zeit, als die Geschäfte generell noch samstags um 12 Uhr schließen mussten.

Die Wiener Händler sind sich jedenfalls uneins, ob die Sonntagsöffnung eine gute Idee ist oder nicht. Der Modeunternehmer Ernst Fischer hat sich seit 13 Jahren für die Sonntagsöffnung in der Wiener Innenstadt eingesetzt.

"Es ist frustrierend", sagt der Modeunternehmer, "es hat sich seither nichts geändert". Mit der Öffnung am kommenden Sonntag schöpft Fischer Hoffnung: "Ich bin überzeugt, dass jetzt Schwung in die Sache kommt. Wir müssen aufholen, wir brauchen die Sonntagsöffnung ganz allgemein auch für unsere Attraktivität als Tourismus-Zone. Es ist einfach schwachsinnig, dass wir nicht grundsätzlich aufsperren dürfen. Da bräuchte es auch keine Gesetzesänderung, das liegt einzig und allein am Landeshauptmann." Fischer ist überzeugt, dass auch die Mitarbeiter am  Sonntag arbeiten wollen  – schließlich gibt es 100 Prozent Zuschläge.
Wermutstropfen ist, dass die Lokale erst am Montag aufsperren dürfen. "Ganz banal gesagt: Die Leute können nicht einmal aufs Klo gehen."

Herrlich ehrlich mit Baumeister Richard Lugner

"Immer, wenn ich Gäste aus dem Ausland da habe, komme ich in Erklärungsnot. Die verstehen einfach nicht, warum bei uns am Sonntag alles zu hat." Richard Lugner, umtriebiger Geschäftsmann und  Betreiber der Lugner-City in Wien-Fünfhaus, begrüßt den kommenden Einkaufssonntag. "Der ist auch notwendig, denn wir machen in der Weihnachtszeit  75 Prozent unseres Umsatzes. Die verlorenen Wochen kann das halt trotzdem nicht kompensieren."

Lugner hofft, dass weitere Sonntage folgen werden. Außerdem ist Lugner für eine generelle Ausdehnung der Öffnungszeiten "wie im Ausland" – nicht zuletzt, "damit die Kunden nicht zu Firmen wie Amazon abwandern. Die zahlen ja in Österreich keine Steuern." Lugner glaubt auch, dass die Beschäftigten gerne am Sonntag arbeiten würden, schließlich gibt es Zuschläge und "insbesondere die Jungen" würden davon profitieren.  

Schwäbische Jungfrau

Natürlich wird auch Hanni Vanicek ihr Geschäft, die legendäre  "Schwäbische Jungfrau" am Wiener Graben, heute aufsperren. Um den Lockdown ausgleichen zu können. Ihre Servietten, Tisch- und Handtücher werden auch verschenkt. Für eine generelle Sonntagsöffnung ist sie aber nicht. "Ich glaube, dass sich das nicht rechnet", sagt sie. Bei Geschäften, wo nicht so viel Beratung gefragt sei, sei das vielleicht rentabel, wie bei Richard Lugner. Sie bräuchte zumindest drei Angestellte, die die Kunden betreuen. Es käme  insgesamt doch nur zu einer Umverteilung, ergänzt Sohn Theodor.

Hanni Vanicek kann sich noch an die sogenannten goldenen und silbernen Sonntage in Wien erinnern: Bis 1960 waren die Geschäfte am letzten und am vorletzten Sonntag geöffnet. Jetzt sei die Diskussion wieder aufgeflammt. Von ihr aus könnte sie auch wieder zu Ende sein.

Blick über die Landesgrenzen

In einigen Ländern ist die Sonntagsöffnung selbstverständlich, wie in Schweden, Großbritannien und Tschechien. Deutschland gibt  sich föderalistisch: Die Regelungen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, auch am vierten  Adventsonntag. Geschäfte in Hamburg haben etwa geschlossen, in Berlin können sie aufsperren.

Das wahre Einkaufsparadies – zumindest für die Shopaholics und Arbeitgeber – liegt jenseits des Atlantiks: In den USA ist der Sonntag ein normaler Arbeitstag, der nicht extra vergütet wird. Die Staaten gelten seit je her als marktliberale Nation.

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