© WoodStock

Geschäftsidee
09/19/2013

Slowenien: Kreativ in der Wirtschaftskrise

Mit Sonnenbrillen aus Holz versuchen fünf junge Menschen, der Misere zu trotzen

von Sandra Lumetsberger

Fast hätte Nejc Leskovar die Abfahrt an der Autobahn nach Konjice verpasst, der 27-Jährige ist zornig. „It’s fucked up – sie haben das Land kaputtgemacht.“ Korrupte Politiker sind seiner Ansicht nach für die Wirtschaftskrise in Slowenien verantwortlich. Nejc atmet durch und rückt sich seine Sonnenbrille zurecht. Die Fassung ist aus Holz, die Gläser verspiegelt. Die Brille ist sein Ausweg aus der Krise.

Seit April designt und baut der Wirtschaftsstudent mit fünf Freunden Sonnenbrillen aus Holz. Das Material beziehen sie von einem Waldbesitzer aus der Umgebung, die Gläser setzt der Optiker von nebenan ein. „Gerade in Krisenzeiten sollte man lokale Produzenten unterstützen, so bleibt das Geld im Land. Leider verstehen das viele Menschen nicht. Sie wollen alles möglichst billig kaufen, egal, woher es kommt.“

Nejc parkt den Kombiwagen auf dem Parkplatz vor einem grauen Wohnblock am Rande des Stadtzentrums von Slovenske Konjice. Dass im Erdgeschoß des Hauses junge, kreative Menschen werken, lässt das Ambiente nicht vermuten. Viele Junge arbeiten an Start-ups in Ljubljana oder ziehen nach London oder Berlin. In Konjice gibt es ein Eisenbahnmuseum und viel Wald.

Holzgeruch liegt in der Luft. Aus dem ersten Zimmer der Manufaktur tönt Folkmusik. Dort sitzt Gašpar an einem Computer und zeichnet Modelle für die Fassung – im Stil von Harry-Potter oder Jacky Kennedy. Sein Kollege Jaka fährt mit dem Finger über die Inschrift eines Holzbügels. Er ist nicht zufrieden. „Sie müssen perfekt sein.“ Der 32 -Jährige ist heute besonders kritisch. In zwei Stunden soll er vor dem Traualtar stehen. Die Brille ist ein Geschenk für seine zukünftige Frau und die Trauzeugen. Dennoch findet er die Ruhe und erzählt von den Anfängen. Zwei Jahre lang tüftelte er in einer Garage an seiner Geschäftsidee. Weil sich der Sonnenbrillen-Fan ein Exemplar nicht leisten konnte, versuchte er, sie nachzubauen. Daraus entstand eine Geschäftsidee. „Wir haben alles, was wir brauchen. Wald und Holz gibt es genug.“ So erklärt sich auch der Markenname"Wood Stock"(Holzvorrat Anm.). Ein Modell kostet 250 Euro.
Bevor sich Jaka mit seinen Freunden selbstständig machte, hielt er sich mit diversen Jobs über Wasser. „Ich fühlte mich aber zum Handwerk berufen und liebe es, etwas herzustellen.“ Junge Slowenen, die sich für Handwerksberufe interessieren, findet man kaum. „Fast alle studieren, bekommen aber keine Arbeit, weil es zu viele Akademiker gibt“, sagt Nejc. Er hat bis vor Kurzem in Maribor studiert. Im vergangenen Herbst und Winter kam es dort zu heftigen Protesten.Studenten, Senioren und Familien gingen auf die Straße, um gegen die Korruption und Sparpolitik der Regierung zu protestieren. „Das war zwar gut, hat aber nichts verändert“, sagt Nejc. „Wir wollen uns jetzt selbst aus der Misere helfen und versuchen, uns Arbeit zu verschaffen. Der Sozialismus ist vorbei, es gibt nicht mehr für jeden Arbeit.“ Die Jugendarbeitslosigkeit in Slowenien liegt, laut Eurostat aktuell bei rund 24 Prozent. Vom Verkauf ihrer Brillen können die Jungunternehmer derzeit noch nicht leben. Nejc arbeitet zudem im Konstruktionsbetrieb seines Vaters mit. Aber er und seine Freunde sind optimistisch. „Wenn du fleißig bist und etwas wirklich willst, kannst du das schaffen. Unser größter Wunsch ist es, eine Marke aufzubauen, die so gut ankommt, dass Menschen bei uns arbeiten wollen, hier in Slowenien“, sagt Nejc.

Jaka bringt ein fertiges Brillen-Modell. Sechs Stunden hat es gedauert, bis es fertig war. Er riecht daran. „Das ist Holz und hat eine Seele.“ Er gibt sie an Nejc weiter und bittet ihn, die Brillen zur Hochzeit mitzubringen. Dann verabschiedet er sich.

Nejc nimmt im Rollsessel Platz und lehnt sich zurück. „Es ist schön, mit Freunden zu arbeiten. Noch besser ist, dass wir unsere eigenen Chefs sind. Es gibt keinen Boss, der uns das Geld stiehlt oder mit Politikern Deals aushandelt.“

Dieser Bericht ist im Rahmen von „eurotours 2013“ entstanden – ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der Europäischen Union.

So meistern wir die Krise:

Tommy (29): „Ich versuche alles, um zu überleben“

Vor drei Jahren verlor der 29-Jährige seinen Arbeitsplatz bei einem Fahrzeughersteller in Izola, weil dieser in Konkurs ging. Seither sucht Tommy sein berufliches Glück im Tourismus. „Das ist die einzige Branche, in der sich hier noch Geld verdienen lässt.“ Mit drei Freunden führt er ein Hostel in der Altstadt. „Die Stadt ist von der Krise nicht wirklich betroffen, da der Hafen viel Geschäft einbringt.“

Am 8. Oktober wird Tommy an Bord einer Yacht anheuern. „Es ist eine Kreuzfahrt von Barcelona nach Miami und ich werde dort als Offizier arbeiten.“ Schon zuvor verdiente er über die Wintermonate, wenn im Hostel wenig Gäste sind, sein Geld auf Passagierschiffen. „Für Menschen im Alter von 25 bis 30 Jahren ist es derzeit schwer, Arbeit zu finden. Ich versuche alles, um zu überleben.“ Von dem Verdienst auf dem Schiff und Ersparnissen will sich Tommy einen großen Wunsch erfüllen: Den Kauf eines eigenen Appartements. Momentan lebt er bei seinen Eltern. Eine Mietwohnung kann er sich mit seinem geringen Gehalt nicht leisten.

Anamarija (25): „Man muss flexibel sein“

Um Germanistik zu studieren, zog Anamarija vor sechs Jahren von ihrem Heimatdorf nahe der österreichischen Grenze nach Ljubljana. Dort wohnt sie bei ihrer Tante. „Bei der Wahl des Studiums war ich überzeugt, dass mir durch die Sprachkenntnisse die Welt offen steht.“

Vor einem Jahr schloss die 25-Jährige ihr Studium ab. Eine Stelle als Übersetzerin hat sie bis jetzt nicht gefunden. „Es ist seit einiger Zeit sehr schwierig, einen Job als Akademikerin zu bekommen. Man hat kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz.“ Einige ihrer Studienkollegen versuchen ihr Glück in Österreich. „Sie haben einen Uni-Abschluss und arbeiten in Wien am Bau oder im Callcenter.“
Anamarija möchte in Ljubljana bleiben und begann vor einem Jahr eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie erhofft sich so bessere Jobchancen. „In Krisenzeiten muss man beruflich flexibel sein.“ Dass immer mehr Menschen das Land verlassen, macht sie traurig. „Jeder will an der Universität studieren. Die Politik sollte nicht-universitäre Berufssektoren fördern und für junge Menschen wieder attraktiver machen.“

Tomaz (28): „Nicht gegen, sondern für etwas kämpfen“

Der Sozialanthropologe hat bis vor kurzem noch an der Universität in Koper gelehrt. Derzeit ist er auf Arbeitssuche. „Sie haben die Krise als Ausrede genutzt, um einzusparen und Personal abzubauen.“ Aber Tomaz bleibt nicht untätig. Der 28-Jährige organisiert Bürgerversammlungen in Maribor und Koper. „Wir kämpfen nicht gegen etwas, sondern für etwas. Das macht Sinn.“

Per Flugblatt laden sie die Bewohner eines jeweiligen Bezirks ein, um gemeinsam über Probleme und Anliegen zu diskutieren. Jeder soll zu Wort kommen, einer moderiert. „Zuletzt hatten wir eine Versammlung in einem Bezirk in Maribor, in dem viele ältere Menschen leben. Seit Jahren wünschen sie sich einen Zebrastreifen an einer stark befahrenen Straße. Das wurde auch bei der Versammlung einstimmig gefordert.“ Da die Stadtregierung die Forderung ignorierte, wandten Tomaz und einige der Bewohner kreative Methoden an. „Während wir die Straße blockierten, malten einige der Gruppe Zebras auf die Straße. Auch viele ältere Menschen unterstützten uns dabei.“

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