Siechtum statt Crash: Warum China keine Weltmacht wird

Puppeteers, from Quanzhou City in Fujian Province,…
Foto: AP/Manuel Balce Ceneta Traditionelle Puppenspieler aus Quanzhou spielen auf der National Mall in Washington.

Experte über die Gefahr eines Atomkriegs mit Nordkorea, das schwierige Verhältnis Trump-China und die Probleme der neuen Seidenstraße.

Steuern die USA und Nordkorea auf einen Atomkrieg zu - oder kann China erfolgreich vermitteln? Wie entwickelt sich der Handelsstreit zwischen den USA und China? Setzt sich der Aufstieg der Asiaten zur Weltmacht fort, oder droht China ein wirtschaftlicher Absturz? Darüber sprach der KURIER mit Ho-Fung Hung, Soziologie-Professor an der Johns Hopkins Uni in Baltimore. Der US-Experte mit chinesischen Wurzeln war für einen Vortrag am VIDC (Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit) in Wien.

KURIER: Momentan geht die Angst vor einer neuen Kuba-Krise um, einer atomaren Auseinandersetzung; nur dieses Mal zwischen den USA und Nordkorea. Zu Recht?

Ho-Fung Hung: Die Situation in Nordkorea wird immer unvorhersehbarer. Die USA waren schon nach dem Zerfall der Sowjetunion nervös. Die Strategie war damals: Wir vertrauen China, dass es Nordkorea unter Kontrolle hält. 1994 wurde in den USA heftig diskutiert, ob man über die Menschenrechte hinwegsehen und offenen Handel mit China beginnen soll. Das Argument war: Wir brauchen ein wohlhabendes China wegen Nordkorea. Deshalb half man beim Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO, 2001, Anm.) Das stand noch vor den Interessen der US-Unternehmen, die natürlich ebenfalls profitiert haben.

Ist das Kalkül der USA denn aufgegangen?

Nordkorea hat sein Atomraketenprogramm trotzdem durchgezogen. Voriges Jahr, am Ende der Obama-Administration, hat das US-Außenministerium ein chinesisches Staatsunternehmen quasi auf frischer Tat ertappt, wie es Nordkorea dabei geholfen hat, Material für das  Nuklearprogramm zu besorgen. Die Sanktionen wurden klar umgangen, die Frage ist, ob die Regierung davon wusste. Seither wächst das Misstrauen und der Verdacht, dass China ein doppeltes Spiel betreibt.

Zudem ist bekannt, dass Nordkorea die nötigen Devisen für den Kauf des Equipments über den Handel mit China erhält. Deshalb war die Geduld der US-Außenpolitik schon zu Ende der Obama-Ära sehr strapaziert. Auch jetzt gibt es das Gefühl, dass Alternativen zum Status Quo gebraucht werden.

Was könnte das sein?

Das ist der große Unsicherheitsfaktor. Ein Zugang wären verschärfte Sanktionen, um die Nordkoreaner noch mehr unter Druck zu setzen. Der Kohleverkauf an China ist für sie der wichtigste Devisenbringer. Ob China dabei kooperieren würde, ist aber fraglich. Das Letzte, was die Regierung in Peking will, wäre dass Nordkorea kollabiert und eine Flüchtlingswelle über die Grenze schwappt.

Die andere Option wäre ein Militärschlag der USA, um die Nuklearanlagen zu zerstören. Mit dem Raketenangriff in Syrien und der „Mutter aller Bomben“ in Afghanistan wollte Trump wohl zeigen: Wir meinen es ernst. Aber die Nordkoreaner hätten einem Vielzahl an Kurz- und Mittelstreckenraketen, die bei einem Gegenschlag Südkoreas Hauptstadt Seoul treffen könnten. Es würde reichen, wenn eine einzige Rakete das Abwehrsystem überwindet, um eine Katastrophe anzurichten und die USA als Sicherheitsmacht in der Region zu diskreditieren. Beide Optionen bergen also große Risiken.

Warum sollte Trump so ein Wagnis eingehen?

Trump hat viele innenpolitische Schwierigkeiten. Er ist kein beliebter Präsident, dazu gibt es noch den Vorwurf der Verbindungen zu Russland. Solche Situationen haben historisch oft mit außenpolitischen Abenteuern geendet. Thatcher war nach dem Falkland-Krieg sehr populär, Reagan hat in den frühen 1990ern ähnlich agiert. Das könnte auch Trump verleiten.

Wie würden Sie die Beziehungen der USA zu China nach dem Besuch von Xi Jinping bei Trump in Mar-A-Lago charakterisieren? Sind sie jetzt Feinde oder Verbündete?

 Ja, bei Xis Besuch in Florida sind sie etwas miteinander warm geworden. Es gibt in Trumps Team ja zwei Stoßrichtungen: Das eine sind Berater wie Steve Bannon und  Peter Navarro, die ihn zu Protektionismus, zu Strafzöllen und Anti-China-Maßnahmen drängen. Bei den Goldman-Sachs-Leuten in der Regierungsmannschaft hingegen…

... wie Wirtschaftsberater Gary Cohn und Finanzminister Steven Mnuchin...

Bei diesen Leuten und den Wall-Street-Firmen generell überwiegt das Interesse an so harmonischen Beziehungen wie möglich. Viele US-Firmen haben bekanntlich ihre Produktion nach China ausgelagert, was zwar den US-Arbeitern geschadet, aber die Unternehmensgewinne gesteigert hat. Und somit am Ende auch den Börsen geholfen. Der Einfluss der Wall Street auf die US-Regierung ist schon seit den 1990ern ziemlich groß.

Welcher der rivalisierenden Flügel wird gewinnen?

Am Anfang schienen die protektionistischen China-Hardliner die besseren Karten zu haben. Nach dem Xi-Jinping-Besuch hat sich Trumps Rhetorik aber verändert, nach dem Motto:  „Wir verstehen uns gut mit China.“  Der Vorwurf der Währungsmanipulation ist ad acta gelegt. Das zeigt auch den Einfluss seines Schwiegersohns Jared Kushner, der eine lange geschäftliche Vergangenheit mit China hat. Auch Ivanka Trump verkauft viele Produkte in China.

FILES-US-POLITICS-TRUMP-100DAYS Foto: APA/AFP/JIM WATSON Trump und Xi in Mar-a-Lago am 6. April Die Rede von Xi Jinping beim Weltwirtschaftsforum in Davon war viel beachtet. Hat sich hier die geopolitische Tektonik verschoben oder ist das übertrieben?

China als neue Führungskraft der Globalisierung? Das ist überzogen. Xi Jinping wurde zu Recht vorgehalten, mit zweierlei Maß zu messen. Denn China ist alles andere als offen für ausländische Unternehmen. Als Trump eine Besserung der Handelsbeziehungen zu China in Aussicht stellte, war die Reaktion des American Chamber of Commerce in China interessant: Es hat davor gewarnt, zu nett zu sein, denn US-Firmen würden in China immer stärker diskriminiert und unfairer behandelt. Dasselbe gilt übrigens auch für europäische Geschäfte. Die chinesische Strategie besteht darin, die gut vernetzten einheimischen Firmen zu begünstigen.

Also hatte Trump mit seinen Vorwürfen unfairer Behandlung recht?

Es gibt jedes Jahres eine Umfrage unter US-Firmen in China: Drei Viertel sagten zuletzt, das Geschäftsklima habe sich verschlechtert. Mehr als 25 Prozent planen, Geschäfte  in andere asiatische Länder oder in den NAFTA-Raum zu verlagern. Ein Beispiel ist Amazon, das zwar Geschäfte in China machen darf. Die Regulatoren und die Politik begünstigen aber den lokalen Rivalen Alibaba.

Lustigerweise hatten Sie in der Einleitung Ihres Buches "The China Boom. Why China will not rule the World", das 2015 erschienen ist, den damaligen Bauunternehmer und TV-Star Donald Trump mit Aussagen zu China zitiert. Haben Sie eine prophetische Gabe?

Stimmt, als ich das 2014 geschrieben habe, war Trump weit von der US-Präsidentschaft entfernt. Das Interessante daran ist: Als die Demokraten an der Macht waren, haben Konservative wie Trump China als ökonomisches Vorbild verwendet: „Ihr Demokraten ruiniert unsere Land, schaut euch China an.“

Trump war beispielsweise fasziniert davon, dass chinesische Firmen einfach Anlagen bauen oder ihren Schutt ins Meer schmeißen dürfen, ohne auf Umweltauflagen achten zu müssen. Jetzt ist es umgekehrt: Die Demokraten halten Trump vor: „China setzt auf Alternativenergie, sie sind bei E-Autos viel erfolgreicher.“ Das funktioniert also in beide Richtungen.

Sie sind sehr skeptisch, dass der Boom auf Dauer anhält und China die Welt dominieren wird. Warum? Unkenrufer warnen doch schon seit Jahren vor einem Crash. Bisher ist er nicht eingetreten. 

China wird nicht spektakulär kollabieren. Es gibt zwar gewaltige interne Schuldenprobleme. Das eröffnet aber zwei Möglichkeiten: Entweder, man lässt einige der Unternehmen pleite gehen, wie es die USA 2008 getan haben. Das endet mit einer spektakulären Explosion. Das wird Chinas Regierung aber nicht zulassen, sondern sie wird Firmen, die in Schieflage geraten, mit staatlichem Geld rausboxen. Das Szenario ist somit eher wie bei Japan in den 1990ern. Dort ist nur der Aktienmarkt gecrasht, dafür gab es keine Großpleiten.

Das heißt, Sie erwarten ein schleichendes Dahin-Darben, wie in Japan?

Genau, man erntet damit ein verlorenes Jahrzehnt, weil man dann Zombie-Banken hat, die keine Kredite vergeben,  und Unternehmen, die zwar nicht pleite gehen, aber auch nicht profitabel sind. Es reicht gerade so zum Überleben. Das erste Quartal 2017 in China war wirtschaftlich ziemlich gut. Interessanterweise haben die Aktienkurse trotzdem nachgegeben. Der Grund war nämlich, dass Ende 2016 die Regierung viel Geld in die Wirtschaft gepumpt hatte.

Also die alte, eigentlich überholte Strategie zur Ankurbelung der Wirtschaft?

Genau, es wurden die Kredite befeuert, die Menschen haben mehr Wohnungen gekauft, die Bautätigkeit hat angezogen. Dann überwog wieder die Sorge vor der hohen Verschuldung, die Regierung trat auf die Bremse. Das ergibt ein ständiges Auf und Ab.

Der Plan wäre ja, dass die Investitionen und Überkapazitäten in der Produktion zurückgehen und dafür der Konsum der Bevölkerung zunimmt... Das heißt, diese langfristige Umorientierung der chinesischen Wirtschaft funktioniert gar nicht?

China leidet unter chronischen Überkapazitäten. Und es wird immer noch mehr staatliches Geld aufgewendet, um kaputte Unternehmen zu stützen. Das ist kontraproduktiv, weil damit gigantische Zombies am Leben erhalten werden, anstatt dass das Geld den Haushalten zufließt und den Dienstleistungssektor und Konsum stärkt. Der Konsum nimmt zwar zu, aber die Investitionen steigen noch rascher.

Aber die Statistiken zeigen doch, dass der Dienstleistungssektor an Bedeutung gewinnt, oder?

Ja, aber dieser Wachstumsindikator führt in die Irre, weil die staatlichen Statistiken echte, konsumorientierte Dienstleistungen mit finanziellen Services in einen Topf werfen. Da werden auch Immobilienmakler, Broker und so weiter eingerechnet. Eine andere Alternative zum Ausbalancieren der Wirtschaft ist der Kapitalexport: Investitionen im Ausland, um dort profitable Geschäftsmöglichkeiten zu erschließen, die es zuhause nicht mehr gibt.

Eine gute Überleitung: Was ist die geplante neue Seidenstraße, das gigantische chinesische Infrastrukturprojekt, das Europa mit China verbinden soll, aus Ihrer Sicht? Soll das neue Märkte öffnen, beutet China damit die betroffenen Länder aus? Oder ist es eine Form von Entwicklungshilfe?

Die Idee ist ziemlich ähnlich wie der Marshall-Plan der USA in der Nachkriegszeit. Die Amerikaner haben Europa und Japan mit Geld und Krediten überschwemmt, sodass sie US-Produkte, Maschinen und Autos kaufen konnten. Das hat auch die US-Wirtschaft aufgerichtet.  

… Die Regierung in Peking nutzt jetzt Vehikel wie die asiatische Investmentbank AIIB, die Kredite für Projekte vergeben sollen, die wiederum chinesische Baufirmen und Ausrüster beschäftigen. Das soll die Stagnation überwinden. Das Problem ist dabei: Wenn man so viel Kapital exportiert, muss man seine Investitionen auch schützen; zum Beispiel, damit sie nicht zwangsverstaatlicht werden.

Warum sollte China das nicht schaffen?

Die USA hatten nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa ihre Militärs vor Ort. In Sri Lanka oder Pakistan sind aber chinesische Hafenanlagen bereits zur Zielscheibe von Terroristen und Banditen geworden. Chinesische Ingenieure sind in Afrika begehrte Kidnapping-Opfer.  Und Pipelines oder Eisenbahnstrecken über so lange Strecken sind hochgradig verwundbar durch Erpressung oder Anschläge. Also,  ja, das könnte chinesischen Firmen zwar helfen, aber es beansprucht sehr viele Kapazitäten. Obendrein ist Russland sehr skeptisch, wenn sich die Chinesen in ihrem Hinterhof in Zentralasien bewegen.

Kritiker sehen die Seidenstraße als Mittel, um eine globale Übermacht zu gewinnen. Sie sehen die Gefahr, dass China seinen Einflussbereich überdehnt?

Ja, das könnte passieren. Sehen Sie sich Venezuela an, wo China viel Geld investiert und verborgt hat. Das ist weg, Venezuela ist pleite, die Regierung versinkt im Chaos. Viel wird China davon nicht wiedersehen. Aber als die Verträge geschlossen wurden, war die mediale Aufregung groß: Oh, China macht sich in Lateinamerika, in der Einflusssphäre der USA, breit!

Könnte denn Europa von der Seidenstraße profitieren?

Ich bin nicht sicher, ob europäische Unternehmen und Länder davon sehr viel haben  werden.  Es wird sehr lange dauern, bis die Leute überzeugt sind, dass der Transportweg sicher ist. Das geopolitische Risiko ist zu groß. Aufdem Seeweg haben die Unternehmen schon genügend Probleme mit Piraten, etwa vor Somalia. Dort passen US-Marines auf.

Wenn Europa auf dem Landweg Waren verschickt, wäre das viel riskanter. Ich kann mir schwer ausrechnen, wie hoch die Versicherungssummen sein müssten. China hat selbst schon genug Probleme, in der Region Xinjiang für Sicherheit und Stabilität zu sorgen, gar nicht zu reden von den anderen zentralasiatischen Ländern auf dem Weg nach Europa.

Angeblich gibt es in China Sorgen, dass die technologische Revolution, Digitalisierung, der 3D-Druck und die Vorortproduktion, diese Handelswege überhaupt obsolet machen könnten. Ist da was dran?

Ja, es stimmt, die globalen Wertschöpfungsketten verändern sich gerade. Am Ende könnten die Güter  irgendwo produziert werden, aber das wird noch einige Zeit brauchen. Solange werden wir Waren weiterhin rund um den Globus transportieren. Vor allem via Schiffe, denn die meistbefahrenen Wasserwege wie die Straße vor Malakka werden von den USA bewacht. Der Landweg der neuen Seidenstraße  wird hingegen sehr schwierig zu schützen sein.

File handout picture of sailors aboard the aircraf Foto: REUTERS/HANDOUT Matrosen des Flugzeugträgers USS George Washington, in Hongkong Jahrhundertpro­jekt: Am Kopfbahnhof der Seidenstraße (28. 4. 2016)

Chinas Staatschef Xi will mit Trump zusammenarbei­ten (7. 4. 2017)

Davos: Chinas Präsident warnt vor Handelskrieg (18. 1. 2017)

Zur Person

Ho-Fung Hung wurde 1972 in Hongkong geboren, hat in Hongkong und in den USA studiert und ist Professor für Soziologie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore (USA).

Er hat eine hochinteressante Familiengeschichte, die er in seinem Buch "The China Boom. Why China will not rule the world" (2015) beschreibt: Der Großvater mütterlicherseits hatte gegen die japanische Invasion gekämpft und setzte hohe Erwartungen in das entstehende kommunistische Regime. Die Familie übersiedelte 1949 von Hongkong nach Guangzhou. Ab 1957 wurde er aber als Abweichler verfolgt, weil er während Maos Hundert-Blumen-Bewegung die sowjetische Dominanz kritisiert hatte. Erst unter Mao-Nachfolger Deng Xiaoping wurde er - kurz vor seinem Tod - rehabilitiert.  

Ho-Fung Hung, Associate Professor, Johns Hopkins U… Foto: /Hermann Sileitsch-Parzer Ho-Fung Hungs Mutter übersiedelte unter den Nachbeben des "Großen Sprung Vorwärts" wieder zurück nach Hongkong, während seine Onkel und Tanten unweigerlich in den Roten Garden, den Trägern der sogenannten Kulturrevolution (in Wahrheit eine unerbittliche Dissidentenverfolgung), verwickelt worden seien. Später hätten sie Chinas wirtschaftliche Boomjahre als Kompensation dieser verlorenen Jugendjahre betrachtet.

Er selbst sei in Hongkongs spätkolonialer Phase in den 1980ern und 1990ern aufgewachsen (erst 1997 ging die Souveränität in der Metropole wieder von den Briten auf die Volksrepublik China über), schreibt Ho-Fung Hung. Seine Familiengeschichte habe seinen Blick auf Chinas Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geprägt.

(kurier) Erstellt am
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