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Wirtschaft
03/22/2019

Abbestellt: Nach 737-Max-Abstürzen droht Boeing Milliardenschaden

Indonesischer Großkunde Garuda macht 49 Bestellungen im Wert von vier Milliarden Euro rückgängig. Weitere Fluglinien könnten nachziehen.

Nach Problemen mit den Ermittlungsbehörden geht es bei Boeing auch geschäftlich ans Eingemachte. Wegen der Abstürze von zwei Passagierflugzeugen mit 346 Toten hat der US-Konzern Boeing einen Auftrag in Milliardenhöhe verloren. Indonesiens staatliche Fluggesellschaft "Garuda Indonesia" hat eine Bestellung über 49 Maschinen des Typs Boeing 737 MAX zurückgezogen. Die Fluglinie begründete das am Freitag ausdrücklich damit, dass ihre Passagiere nur noch wenig Vertrauen in dieses Flugzeug hätten.

Der Wert der jetzt stornierten Bestellung liegt nach Listenpreis bei mehr als vier Milliarden Euro. Viele Fluglinien weltweit lassen ihre Boeing 737 MAX - ein recht neues Modell - nach den Abstürzen sicherheitshalber auf dem Boden. Derzeit laufen internationale Ermittlungen, ob möglicherweise eine fehlerhafte Technik (das Stabilitätsprogramm MCAS) Grund für die Unglücke ist.

 

Bestellung eines anderen Boeing-Modells?

Garuda ist die größte Fluggesellschaft des südostasiatischen Landes. In einem Schreiben an den US-Flugzeugbauer, das am Freitag veröffentlicht wurde, heißt es über die MAX 8: "Unsere Passagiere haben seit den Abstürzen nur noch geringes Vertrauen in diese Maschine. Sie vermeiden es, die MAX 8 zu benutzten." Eine der abgestürzten Maschinen gehörte der indonesischen Billigfluglinie Lion Air. Die andere flog für die äthiopische Ethiopian Airlines.

49 Maschinen

Garuda selbst hatte nur eine einzige solche Maschine in Betrieb. Sie steht jetzt ebenfalls am Boden. Vermutet wird, dass das Flugzeug jetzt verkauft oder an Boeing zurückgegeben wird. Diese Maschine und die 49 Maschinen, die jetzt abbestellt wurden, stammten aus einem Auftrag von 2014. Einem Garuda-Sprecher zufolge wird nächste Woche eine US-Delegation zu Gesprächen erwartet. Dabei solle es um die künftige Zusammenarbeit gehen. "Möglich ist, dass wir uns für die Bestellung eines anderen Boeing-Modells entscheiden."

189 Insassen kamen ums Leben

Der private indonesische Billigflieger Lion Air - unmittelbare Konkurrenz von Garuda - hat zehn Boeing 737 Max in seiner Flotte. Eine elfte Maschine war am 29. Oktober vergangenen Jahres kurz nach dem Start in Indonesiens Hauptstadt Jakarta ins Meer gestürzt. Alle 189 Insassen kamen ums Leben. Einen Tag zuvor konnte eine Katastrophe mit derselben Maschine noch knapp verhindert werden. So gelang es einem erfahrenen Piloten, der zufällig im Cockpit auf dem dritten Sitz (Jumpseat) saß, das Flugzeug sicher nach unten zu bringen.

Beim Absturz einer baugleichen Maschine in Äthiopien starben in diesem Monat 157 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Vermutet wird, dass in beiden Fällen Probleme mit der Software Grund für die Unglücke gewesen sein könnten. Nach Angaben von Boeing wurden weltweit von mehr als 100 verschiedenen Kunden bereits mehr als 5.000 Passagiermaschinen des Typs 737 Max bestellt. Ausgeliefert wurden bis Ende Februar allerdings erst 371. In der Luftfahrtindustrie ist es aber nicht ungewöhnlich, dass zwischen Bestellung und Auslieferung Jahre vergehen.

Für Boeing ist die aktuelle Stilllegung der 737-MAX-Flotte ein Debakel, der Aktienkurs ist gesunken. Zudem drohen Entschädigungsforderungen der Airlines, die nun Flüge streichen oder andere Maschinen chartern müssen. Zuletzt kündigte die polnische Fluglinie LOT Schadensersatzforderungen an.

Neues "Sicherheitsnetz"

Boeing kündigte nun außerdem an, ein neues, zusätzliches Warnlicht und ein zusätzliches "Sicherheitsnetz" für die Piloten einzubauen, wenn es zu Problemen in den MAX-Maschinen kommt. Am Donnerstag bestätigte die New York Times einen KURIER-Bericht, dass viele Fluglinien dieses zusätzliche Sicherheitsfeature, die Probleme wie in Indonesien und Äthiopien möglicherweise verhindert hätten, nur gegen Aufpreis angeboten bekamen. (Der KURIER hatte hier vergangene Woche bereits ausführlich darüber berichtet.)

In der Luftfahrtbranche rechnen viele damit, dass dieses zusätzliche "Sicherheitsnetz" nun einfach serienmäßig eingebaut wird. Die US-Airline "Southwest" etwa rüstete nach dem schweren Unglück in Indonesien auf. Lion Air und Ethopian dürften aber nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht gewusst haben, dass das Stabilitätsprogramm MCAS existiert und nur an einem Sensor hängt. Dass sie bewusst an der Sicherheit gespart haben, wie mancherorts nun behauptet wird, darauf gibt es vorerst jedenfalls keine Hinweise.

 

 

 

 

Folgende Airlines und Flugzeuge-Leasingfirmen haben Boeing 737 Max in ihrer Flotte:

  • 9 Air,
  • Aerolineas Argentinas,
  • Aeromexico,
  • Air Canada,
  • Air China,
  • Air Fiji,
  • AIR ITALY S.P.A.,
  • American Airlines,
  • Arkefly, Britannia Airways AB,
  • Cayman Airways,
  • China Eastern Airlines,
  • China Southern Airlines,
  • Comair, COPA Airlines,
  • Corendon Airlines,
  • Eastar Jet,
  • Enter Air Sp. Z O.O.,
  • Ethiopian Airlines,
  • Fertitta Enterprises, Inc.,
  • flydubai,
  • Fuzhou Airlines Co., Ltd,
  • Garuda Indonesia,
  • Gol Linhas Aereas S.A.,
  • Hainan Airlines,
  • Icelandair,
  • Jet Airways,
  • Jet Aviation Business Jets,
  • JSC Aircompany SCAT,
  • Kunming Airlines,
  • Lion Air,
  • Globus Airlines,
  • LOT Polish Airlines,
    Lucky Air,
  • Mauritania Airlines,
  • Mongolian Airlines MIAT,
  • Norwegian Air International Lt,
  • Norwegian Air Norway,
  • Norwegian Air Shuttle AS,
  • orwegian Air Sweden,
  • kay Airways Company Limited,
  • man Air, Qatar Airways,
  • Royal Air Maroc,
  • Shandong Airlines,
  • Shanghai Airlines,
  • Shenzhen Airlines,
  • SilkAir,
  • Smartwings,
  • Southwest Airlines,
  • SpiceJet,
  • Sunwing Airlines Inc.,
  • Thai Lion,
  • TUI Airlines Belgium,
  • TUI Airways,
  • Turkish Airlines (THY),
  • United Airlines,
  • WestJet,
  • Xiamen Airlines