Sport | Wintersport
03/03/2019

Gottwald: "Der Spitzensport ist nur ein Abbild der Gesellschaft"

Ein Gespräch über die Dopingaffäre in Seefeld, die fehlende Sportkultur in Österreich und ÖSV-Präsident Schröcksnadel.

Mit sieben Medaillen ist Felix Gottwald der erfolgreichste Sportler der österreichischen Olympia-Geschichte. Vor allem aber ist der frühere Nordische Kombinierer ein kritischer Beobachter des Sportgeschehens. Der KURIER traf sich mit dem 43-Jährigen in Seefeld zum Interview.

KURIER: Was haben die aktuellen Dopingvorfälle bei Ihnen ausgelöst?

Felix Gottwald: Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass diese Geschichte wieder ein absoluter Tiefschlag für den Langlaufsport ist. Diese so tolle WM steht eben jetzt auch im Zeichen des Dopings, das ist sehr schade. Ich habe auch vollstes Verständnis, dass der Präsident deshalb richtig verärgert ist.

Das klingt nach einem Aber.

Aber gleichzeitig ist es für mich jetzt keine Option, ein Pauschalurteil abzugeben, gleich den gesamten Langlaufsport zu verdammen und ihn aus der Welt haben zu wollen. Der Langlauf ist ein gesunder Elementarsport, der viele Menschen begeistert und bewegt. Wenn der ÖSV jetzt für sich wirklich den Langlaufsport abschaffen will, dann braucht sich Österreich nie mehr wieder für eine Nordische WM zu bewerben. Träume von jungen Athleten, die hier in Seefeld gerade entstehen, lösen sich schon wieder auf.

Man kann Ihren Ärger über den Generalverdacht heraushören.

Ich gehe grundsätzlich vom Guten im Menschen aus. Und ich bin auch der Überzeugung: Du kannst mit ehrlichem Training, dem passenden Umfeld und der richtigen Einstellung im Langlaufsport erfolgreich sein und gewinnen. Ich würde gerne ein anderes Beispiel bringen.

Bitteschön.

Auch im Unternehmertum gibt es Betrüger. Aber würde jemand deshalb gleich die These aufstellen, dass alle erfolgreichen Unternehmen betrügen? Natürlich nicht. Das sollte jedem einleuchten, aber im Langlauf passiert das gerade. Und dagegen verwehre ich mich. Schnellschüsse bringen überhaupt nichts.

Sie sagten, dass es wohltuend sei, dass der Sport nicht immer als heile Welt dargestellt wird. Wie meinen Sie das?

Ich will damit nur sagen, dass es eine große Illusion ist, zu glauben, dass der Sport die Idylle schlechthin ist. Der Spitzensport ist in Wahrheit nur ein Abbild der Gesellschaft: Alles, was wir in der Gesellschaft sehen und erleben, das bildet sich natürlich auch im Spitzensport ab. Du findest dort Betrug, Korruption – und wenn Missbrauch in der Gesellschaft ein Thema ist, dann ist er logischerweise auch im Sport ein Thema und präsent. Warum soll ausgerechnet der Sport davon verschont sein? Den Spitzensport so hinzustellen, als würde es das alles dort nicht geben, entspricht einfach nicht der Realität.

Trotzdem erfolgt immer sofort ein Aufschrei der Empörung, wenn ein Athlet dopt.

Gott sei Dank gibt es im Sport noch klare Regeln. Wer sich nicht daran hält, ist weg und muss mit den Konsequenzen leben. In anderen Bereichen gibt es diese Regeln nämlich nicht, in der Kunst zum Beispiel oder auch im Management. Ganz ehrlich: Ich möchte nicht wissen, was los wäre, wenn man im Managementbereich oder in Silicon Valley einmal Dopingkontrollen einführen würde.

Themenwechsel: Wie verfolgen Sie überhaupt heute das Sportgeschehen?

Auf jeden Fall mit einem guten Abstand. Ich hatte immer schon einen etwas anderen Blickwinkel auf den Sport.

Einen anderen Blickwinkel?

Mich interessieren die Entwicklungen, die im Spitzensport zu beobachten sind. Alles was zwischen den Zeilen der Metapher „schneller, höher, weiter“ abzulesen ist. Die Unterscheidung dessen, was wir übertragen bekommen, dessen, was mich tatsächlich inspiriert und leider auch immer wieder dessen, was mich abschreckt. Grundsätzlich versuche ich aber, mir selbst einen fremden Blick zu gönnen. Ich war ohnehin lange genug selbst in dieser Spitzensport-Blase drinnen.

Sind Sie ein wenig desillusioniert vom Spitzensport?

So würde ich das nicht bezeichnen wollen. Es gibt im Sport eben sehr viele Wahrheiten. Der sportliche Vergleich ist nur eine davon. Ich denke, viele Sportler sind mündig genug, zu wissen, dass es nicht explizit und immer um ihren Sport an sich geht.

Sondern?

Beispielsweise geht es um die Werbeeinschaltung vor dem Bewerb, es geht um die Werbung während der Veranstaltung und um die Werbung danach. Es sind so viele Interessen im Spiel, ich finde, das Wort Zirkus trifft es sehr gut. In der Spitzensport-Manege ist die Verlockung eben groß, dass jeder glaubt, der Zirkusdirektor zu sein. Mir tut es heute gut, einen gewissen Abstand zu haben und selbst zu entscheiden, für welche Vorführung ich mir die Zeit nehme und mir im besten Fall ja aus der Vorführung auch etwas mitnehme.

Apropos Zirkus: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel will künftig im Skiverband den E-Sport (Anm. elektronische Sportwettkämpfe am Computer) fördern. Was halten Sie davon?

Mich irritiert und stört da schon der Begriff: Ich finde, E-Sport hat mit Sport nichts zu tun, mit Kunst schon eher. Und die Probleme, die der Sport jetzt schon hat, werden mit einer E-Sport-Initiative wohl eher nicht gelöst.

Welche Probleme meinen Sie?

Nicht der Sport, sondern wir als Gesellschaft haben ein Problem. Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich Menschen immer weniger bewegen und gleichzeitig immer schlechter ernähren. Sport und Bewegung müssen ein nationales Anliegen werden. Wenn Kinder sich zwischen Wald und Tablet entscheiden können, entscheiden sie sich für den Wald. Und wenn der ÖSV die Kuh namens E-Sport auch melken möchte, ist das deren Entscheidung, die Herausforderungen der Zukunft so anzupacken. Fakt ist, es ist bewiesen, dass Smartphone, Tablet und anderes Blaulicht Gift für unsere Kinder sind. Wie viel Gift wir ihnen täglich verabreichen, entscheidet jeder selbst.

Hat der ÖSV nicht eine Verantwortung und Vorreiterrolle?

Der Präsident wird sich im gleichen Moment denken, dass er gegenüber dem Verband auch eine wirtschaftliche Verantwortung hat und zusätzliche Quellen anzapfen muss. Ich finde, man muss nicht bei jedem Trend dabei sein. Noch gibt es jedenfalls keine Pille, die das zu leisten im Stande ist, was eine Stunde Bewegung an der frischen Luft schafft.

Es ist also höchste Zeit für eine Bewegungsoffensive?

Eine gewichtige Rolle spielen wir angesichts von 3,4 Millionen übergewichtigen Menschen in Österreich und 14 % mit der Diagnose Fettleibigkeit schon jetzt. Sport und Bewegung können dabei eine entscheidende Veränderung herbeiführen. Unabhängig von allen Statistiken und Prognosen hat sich Österreich bis dato noch keiner Sportkultur angenommen. Wir haben vielmehr eine Schnitzel- und Spritzerkultur, das wiederhole ich immer wieder gerne. Ich fürchte, E-Sport zu fördern, bringt uns einer Sportkultur auch nicht näher.

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach eine fundierte Sportkultur etablieren?

Wir sind ja sowieso Vorbild durch Vorleben. Mehr Vorbild durch Brauchbares zu sein, das wäre eine Strategie. Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Sport und Bewegung integraler Bestandteil unseres Alltags werden.

Wie definieren Sie überhaupt den Begriff Sportkultur?

Eine Kultur ist das, was du millimeterweise aufbaust, aber dann meterweise wieder abreißen kannst. Das hat die „Langlaufkultur“ in Österreich dieser Tage gerade wieder erlebt. Was ich damit sagen will: Eine Sportkultur kann sich nicht von heute auf morgen etablieren, das ist ein langer Prozess, der mit Leben gefüllt werden muss.

Gibt es in dieser Hinsicht Vorbilder?

Eine Sportkultur gibt es zum Beispiel in Norwegen. Wenn du dort beim Langlaufen eine Oma fragst, welches Wachs du für die Verhältnisse heute brauchst, dann sagt sie es dir. In Norwegen ist es normal, dass Familien mit Kind und Kegel das Wochenende im Wald auf Skiern verbringen. Wenn Sport und Bewegung bei uns in Österreich so normal werden wie Schnitzel essen und Bier trinken, dann haben wir es als Sportnation geschafft.

Woran scheitert’s?

Am Commitment, sich diesem Thema wirklich als höchstem nationalen Anliegen zu widmen. Die Ernte ist eben nicht innerhalb einer Legislaturperiode einzufahren, aber irgendwann muss doch für irgendwen die Sache wichtiger sein als der eigene Bauchnabel. Wissen Sie, was ich vermisse und bei uns noch nie gehört habe?

Was denn?

Dass ein Politiker in einem Wahlkampf sagt, dass er heute schon eine Stunde laufen war. Keine Silbe wird darüber verloren, jeder hat da offenbar Angst, es könnte heißen, der hat eine Stunde Zeit zum Laufen. Anstatt dass Politiker mit gutem Beispiel vorangehen und genau das vorleben, weil sie sich ihrer verantwortungsvollen Aufgabe bewusst sind und sie sich dieser topfit annehmen wollen.

Dann ist Österreich für Sie wohl auch keine Sportnation?

Ja, wie denn? Was, bitteschön, hat die Sportnation Österreich mit den Erfolgen eines Dominic Thiem zu tun? Das ist eine Familie, die alles getan hat, um für ihren Sohn ein optimales Umfeld zu schaffen. Was hat Österreich für einen Beitrag geleistet, dass Marcel Hirscher so skifährt? Da kann sich die Nation höchstens artig bei Papa Ferdl und dem Umfeld bedanken. Diese Lorbeeren kann sich eine Nation nicht anheften. Das sind Einzelschicksale. Eine Sportnation erkennen wir am durchschnittlichen Übergewicht der Bevölkerung oder an den Zahlen und Fakten zu Diabetes mellitus.

Sie scheinen sich sehr viele Gedanken über die Rolle und Aufgabe des Sports für eine Gesellschaft zu machen: Würde Sie die Politik nicht reizen?

Es hat immer wieder Angebote gegeben, und ich bin immer standhaft geblieben. Sport und Bewegung dürfen kein Spielball der Politik sein, sie sind es aber leider nach wie vor. Meiner Einschätzung nach bin ich für das politische Parkett definitiv nicht geeignet. Meine höchste Wertschätzung all jenen, die sich als Politiker wirklich als Dienstleister der Bürger sehen und das auch so leben.

Zum Abschluss: Peter Schröcksnadel hat zuletzt seinen Abschied angekündigt. Ist für Sie ein ÖSV ohne ihn vorstellbar?

Er wäre jedenfalls der erste Mensch, der nicht ersetzbar ist. Die Kunst wird sein, den Laden so zu übergeben, dass Bewährtes bleiben kann und längst Fälliges anders gemacht wird. Und es im besten Fall anfänglich nicht vielen auffällt, dass die Geschäfte jetzt wer anderer führt. Ich schätze den Präsidenten sehr für seine Dienste im Sinne des Skiverbandes. Und ja, ich bin nicht immer seiner Meinung und teile nicht alle seine Ansichten. Dennoch ist er ein Vorbild in vielerlei Hinsicht.

Inwiefern?

Er ist bis heute ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat sein Herz am rechten Fleck – und er ist mit Verlaub einer der Fittesten und Vitalsten seiner Riege. Das liegt wohl daran, dass er sich noch relativ wenig Zeit für E-Sport nimmt.