Top 8, heuer zumindest Top 16: Die Hintergründe des Davis-Cup-Aufstiegs
We are from Austria: Die ÖTV-Asse feierten in Ungarn
Nummer 9 der Welt. Nummer 9 der Welt. Nummer 9 der Welt. Nummer 9 der Welt. Nummer 9 der Welt. Man kann es nicht oft genug hören oder lesen. Österreich ist in einer Weltsportart das neuntbeste Land der Welt. In der neuen Nationenwertung wird das „KURIER Austria Davis-Cup-Team“ erstmals seit 2013 in den Top-Ten angeführt. Beachtlich, denn Ende 2023 hatten sich die ÖTV-Herren noch an 27. Stelle gesehen.
Doch seitdem legten Melzers Mannen einen steilen Aufstieg hin, der auch im Österreichischen Tennisverband höchst erfreut wahrgenommen wird: „Denn während Österreich in den meisten globalen Rankings derzeit leider an Boden verliert, sind wir in einer Weltsportart wie Tennis Top-Ten. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung, die uns auch sehr stolz auf unser KURIER Austria Davis-Cup-Team macht“, erklärt ÖTV-Präsident Martin Ohneberg.
Ausschlaggebend für den Aufstieg war die Qualifikation für das Final 8 in Bologna und der Anfang Februar gelungene Aufstieg in die 2. Qualifikationsrunde der Weltgruppe. Nach dem 3:2-Sieg in Japan fehlt nur noch ein Sieg, um erneut ins Final-Turnier einzuziehen. Dazu müsste im September in einem Heimspiel Belgien bezwungen werden. Vor allem die treuen Fans, die die Strapazen nach Tokio nicht auf sich nehmen konnten, haben sich dieses Heimspiel verdient. Zu Redaktionsschluss wurde noch der Austragungsort gesucht.
Kein Top-100-Mann
Und eines ist ebenfalls beachtlich: Österreich schaffte diesen Schritt ohne Top-100-Spieler. Nur Filip Misolic stand beim Davis-Cup-Finale in Bologna in den Top 100, der Steirer trug aber im Vorjahr nur einen Sieg bei. Beim Sieg in der 1. Qualifikationsrunde am Jahresbeginn war Misolic nicht Top 100, zudem war es ein Death Rubber (für den Aufstieg unbedeutendes Match), das er gewann. In Bologna, beim Final 8, verlor Misolic bereits als Top-100-Mann seine Partie gegen den Italiener Flavio Cobolli klar, gegen Ungarn, beim fulminanten 3:2-Sieg musste er aufgrund einer Verkühlung passen.
Egal, wer dabei ist, der Teamspirit macht es aus. Vor den Spielen wird kräftig geblödelt, werden nicht wirklich immer seriöse Videos der ausgezeichneten Social-Media-Abteilung des Österreichischen Tennisverbandes im Netz gestreut, da wird Billard gespielt oder eine undefinierbare Art von Golf in den Umkleidekabinen. Erfolgskapitän Jürgen Melzer sorgt dafür, dass trotz der notwendigen Seriosität der Spaß nicht zu kurz kommt. „Man darf nicht 24/7 nur an Tennis denken. Wir machen viel gemeinsam – Escape Rooms, Golf, Billard. Das fördert einfach den Teamspirit“, sagt Melzer, dessen Bruder Gerald als Assistent Coach bei den Golfrunden mit Lukas Neumayer ebenfalls zur guten Stimmung beiträgt. „Die Wochen beim Team sind die schönsten im Jahr“, sagt nicht nur Neumayer, einer der Helden.
Apropos: Wer sind die rot-weiß-roten Helden? Wer ist verantwortlich für den Sprung in die Top-Ten?
Jurij „Bobby“ Rodionov
Begonnen hat es holprig, beim 4:0-Sieg gegen Finnland verlor der Niederösterreicher den ersten Satz gegen einen Herrn Eero Vasa, der im Ranking mit Plätzen um 500 vertraut ist. Am Ende siegte „Bobby“, wie Rodionov aufgrund seines zweiten Vornamens Robert von den Kollegen genannt wird, 2:6, 6:3, 6:3. Vor seinem glanzvollen Auftritt in Debrecen, wo er zwei Top-100-Spieler schlug, sagte er: „Ich spiele viel lieber gegen solche Spieler, hier hat man nichts zu verlieren. Wenn ich jetzt gegen einen Finnen oder Pakistani verliere, sagen alle, ’was macht der da?’“
Er macht viel. Schlug nach einem aufopfernden Kampf Fabian Marozsan 6:2, 6:7 und 7:5 und legte den Grundstein zum Sieg, der zur Teilnahme am Final 8 in Bologna berechtigte. Und er setzte auch den letzten Baustein zum großen Erfolg, zum ersten Viertelfinaleinzug der Österreicher seit 2012. Damals hatte Österreich mit Spieler Jürgen Melzer Russland besiegt. Rodionov zeigte keinerlei Nerven im entscheidenden Spiel gegen Top-Mann Marton Fucsovics und fegte den Routinier, der schon die Nummer 31 war, mit 6:2, 6:1 aus der Fönix Arena.
Beim Final 8 in Bologna durfte Rodionov gegen den Turnierfavoriten und späteren Champ Italien eröffnen, bot dabei Matteo Berrettini ein heißes Spiel, bei dem er Satzbälle hatte. Am Ende siegte der Routinier vor rund 10.000 euphorischen und vor allem italienischen Fans 6:3, 7:6. Nach der 1:6-3:6-Niederlage von Filip Misolic gegen Flavio Cobolli war die 0:2-Niederlage amtlich.
Im Februar gewann der in Nürnberg geborene Niederösterreicher mit belarussischen Wurzeln auch in Tokio gegen die Japaner zwei Matches, im Entscheidungsspiel schlug Rodionov den allerdings nicht fitten Yoshihito Nishioka 5:7, 6:1 und 6:0.
Somit hält er bei einer starken Bilanz von 9:6-Siegen im Davis Cup. Warum Rodionov, der nur kurz einmal in den Top-100 des ATP-Rankings auftauchte, ausgerechnet im Davis Cup so stark spielt? „Der Davis Cup hat eine ganz andere Dynamik. Tennis ist ein Einzelsport, hier schaut jeder auf den anderen.“
Lukas „Luigi“ Neumayer
Eine unglaubliche 4:1-Bilanz weist der 23-jährige Salzburger Lukas Neumayer auf, der im Davis Cup besonders aufblüht. Im Multiversum Schwechat schlug „Luigi“ zu Beginn des Jahres 2025 Finnlands Top-Spieler Otto Virtanen nach großem Kampf 6:4, 6:7, 6:3, in Debrecen zeigte er erneut, dass auf ihn Verlass ist. Gegen Marton Fucsovics ließ er sich von den ungarischen Fans nicht aus dem Konzept bringen (vielleicht trieben sie ihn sogar an) und gewann 6:3, 3:6 und 7:6.
Weil er schlaues Tennis spielte, enorm viele Bälle erlief und wenig Blödheiten machte. Gegen Ersatzmann Zsombor Piros gab es zwar eine 5:7-6:7-Niederlage, aber in Tokio war Neumayer wieder voll da: 6:3, 6:3 gegen Japans Nummer eins Shintaro Mochizuki. „Es ist die schönste Zeit für mich. Ich bin noch nicht so lange dabei, aber ich genieße wirklich jede Woche und kann auch immer mein bestes Tennis spielen“, begründete Neumayer im Sport Talk auf kurier.tv seine Leistungen.
Besonders freut sich der Schützling von Top-Trainer Günter Bresnik auf die Fans: „Die leben das mit uns. Sie sind immer laut, treiben uns an – und das Schönste ist, nach einem Sieg mit ihnen feiern zu können.“
Die Doppel-Adler
Lucas „Luci“ Miedler und Alexander Erler, der im Team „Earl“ genannt wird (Tirolerisch Örl) legten viele Grundsteine zum Erfolg. Das NÖ-Tiroler-Kombinat, das nun auch wieder auf der Tour vereint ist, hält bei einer grandiosen Davis-Cup-Bilanz von 7:3-Siegen. Auch, wenn die Matches in Debrecen und Tokio (in Bologna kamen sie nicht an die Reihe) verloren gingen – ohne das Duo wäre Österreich nie so weit gekommen. Beide sind zudem Stimmungskanonen, vor allem Miedler, seit 2025 auch KURIER-Kolumnist. Besonders seine Künste mit dem Queue sind fast schon legendär. Und da besonders seine Duelle mit Misolic. „Beim Billard setzt sich über zehn Partien immer der Bessere durch – und das bin ich.“
Auch Örl sorgt für Stimmung, schade nur, dass sich das Duo nach ihrem Triumph bei den Erste Bank Open 2024 in Wien getrennt hatte. Seitdem waren beide mit ihren jeweiligen Partnern (Miedler spielt mit den Portugiesen Francisco Cabral, Erler mit dem US-Mann Robert Galloway) stark auf der Tour.
Filip „Miso“ Misolic
Auch wenn er für Japan keine Chance bekam, auch der Steirer ist ein absoluter Teamplayer und fühlt sich wohl. Warum er nicht in Tokio dabei war? Das war seine mangelnde Form, „und dass Hartplatz definitiv sein schwächster Belag ist“, so Melzer. Eines ist klar: Ein Misolic in Form ist vor allem auf Sand eine gefährliche Waffe. Schließlich gewann der 24-Jährige, der derzeit verletzt ist, auf diesem Belag bereits vier Challenger und stand 2022 im Finale des ATP-Events von Kitzbühel.
Sebastian „Ofi“ Ofner
Der 29-jährige Steirer feierte in Japan sein Comeback, war erstmals seit dem Spiel in Irland Anfang 2024 wieder dabei. Auch die Freude war auch sofort wieder da. „Es war richtig geil diese Woche“, hatte Ofner vor seiner Partie gegen Yosuke Watanuki gesagt, auf dem Platz lief es weniger gut: 3:6, 4:6. Jetzt klappt es auch auf der Tour wieder, zwei Challenger-Titel auf Hartplatz in Frankreich brachten ihn zurück in die Top 100. Natürlich kein Neuland für die ehemalige Nummer eins: Ofi war bereits die Nummer 37 der Welt. Bleibt er verletzungsfrei, wird er sich in ähnlichen Sphären wiederfinden.
Die weiteren Optionen
Sollte im Doppel ein Spieler ausfallen, dann steht Neil Oberleitner parat. Der Neffe von Alexander Antonitsch, Davis-Cup-Musketier aus gloriosen Zeiten, ist im Doppel längst in den Top 100 und verpasste im Vorjahr beim ATP-Turnier in Kitzbühel an der Seite von Joel Schwärzler nur knapp den Turniersieg.
Aber auch der Vorarlberger Schwärzler ist eine Option für die Zukunft – wer, wenn nicht er. Die ehemalige Nummer eins der Junioren-Weltrangliste überzeugte jüngst mit einem Challenger-Titel auf der Tour, seit er nach Österreich zurückkehrte und beim ehemaligen Davis-Cup-Spieler Markus Hipfl trainiert, geht es aufwärts. Warum es in der Zeit in Spanien nicht klappte? „Ich habe dort nicht gut trainiert“, gab der Vorarlberger im vergangenen September am Rande des Challenger-Turniers in Tulln zu.
Seine Erfolge auf Juniorenebene hat er aber vor allem einem Herren zu verdanken, der bei der Davis-Cup-Aufstellung kein unwesentliches Wort mitzureden hat: Jürgen Melzer.
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