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© APA/AFP/TIZIANA FABI / TIZIANA FABI

Sport
07/30/2021

Kopf oder Qual: Wenn Olympische Spiele krank machen

Turnstar Simone Biles und Tennis-Ass Naomi Osaka haben eine Diskussion über Leistungsdruck ausgelöst. Kann das den Weltsport nachhaltig verändern?

von Philipp Albrechtsberger

Was irgendwann übrig bleiben wird von diesen Olympischen Spielen? Vielleicht die Tränen, die vielen Tränen der Athleten. Tränen, wie sie auch der österreichische Schwimmer Felix Auböck am Donnerstag verdrückt hat. Der Niederösterreicher stieg nach Platz sieben über 800 Meter Kraul, seiner zweiten Finalteilnahme in Tokio, aus dem Wasser, er atmete schwer, musste aber sofort zum TV-Interview, in dem er sagte: „Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich zwei olympische Finali schwimmen werde, hätte ich mich gefreut. Aber jetzt bin ich eigentlich nur traurig. Es tut weh, weil es mir so viel bedeutet. Auch wenn es natürlich kein echter Schicksalsschlag ist – aber der Sport ist einfach alles für mich.“

Wieder hat Olympia für Schmerzen gesorgt. Wieder hat Olympia in einem Bewerb mehr Verlierer als Gewinner produziert. Wieder hat sich ein Athlet beinahe öffentlich entschuldigt für ein solides Abschneiden.

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Ähnliches hat man auch schon von der japanischen Tennisspielerin Naomi Osaka, dem Gesicht dieser Spiele, gehört. Und von US-Turnerin Simone Biles.

Die 24-Jährige ist der Superstar in ihrer Sportart, nach ihr sind Sprünge benannt. Nach Tokio war sie gereist, um in sechs Disziplinen sechs Mal Gold zu holen. Nach einem verpatzten Sprung und Silber im Teamwettkampf schmiss sie hin mit den Worten: „Wir hoffen, Amerika liebt uns immer noch.“ Und: „Ich wollte bei diesen Spielen etwas für mich tun. Ich habe immer nur etwas für andere getan. Das, was ich im Herzen liebe, haben mir andere Menschen weggenommen.“

Es sind harte Sätze. Sätze, die nachhallen werden. Weil sie von den Weltbesten formuliert wurden, auf der weltgrößten Bühne, wo Schwäche lange Zeit als Makel ausgelegt wurde. Olympia hat jahrzehntelang Sportlerleben verändert, nun könnte das Leben dabei sein, Olympia zu verändern.

Natürlich hat es Druck im Spitzensport immer schon gegeben. Dennoch ist bei dieser Ausgabe der weltgrößten Sportveranstaltung alles anders. Über Tokio liegt eine Schwere. Es sind einsame Spiele – für den Fernsehzuseher und für die Athleten, die Pandemie-bedingt nur wenige Vertrauenspersonen mitnehmen durften.

Das ist die eine – einfachere – Erklärung für die jüngsten Vorfälle. Für Kimberly Carducci greift das zu kurz. Die Amerikanerin war einst eine vielversprechende Schwimm-Hoffnung auf dem US-College, als Psychologin bietet sie heute mit ihrer Plattform Everything Athletes Sportlern in Krisenphasen Unterstützung an. Ihr Buch „The I of the Tiger – die Athleten-Identität und die Behebung der größten Konflikte im Sport“ könnte aktueller nicht sein. „Viele Athleten fallen in schlechten Phasen in ein noch tieferes Loch, weil sie nur ein Leben haben – jenes des Sportlers“, sagt Carducci zum KURIER. Ihr Rücktritt sei eine Befreiung gewesen, „auch wenn ich danach nicht wusste, wer ich wirklich war“.

Selbst ein Ausnahmeathlet wie Michael Phelps, mit 28 Medaillen der erfolgreichste Sportler der olympischen Geschichte, berichtete von Depressionen und sogar von Suizid-Gedanken. „Das Wichtigste ist, dass wir alle manchmal um Hilfe bitten müssen“, sagte er nun.

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Das College-Sportsystem der USA verschärfe laut Kimberly Carducci diese Problematik: „Ich hatte mehrmals pro Woche Gespräche mit meinen Trainern. Aber nicht einmal hat man mich gefragt, wie es mir geht.“ Ähnliche Erfahrungen machte  auch Ex-Schwimmer Markus Rogan, selbst Student in den USA, wie er einmal dem KURIER sagte: „Das US-System produziert fantastische Athleten. Aber ich kann nicht sagen, dass es interessante Menschen formt.“

Für ihr Buch hat Carducci auch mit dem Wiener und Wahl-Kalifornier gesprochen. Nach Durchsicht der Erstfassung ließ Olympia-Medaillengewinner Rogan, mittlerweile selbst Psychotherapeut, wissen: „Ich wünschte, das Buch hätte es schon am Anfang meiner Karriere gegeben.“

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