Ob Biles wieder in das Ringen um Olympia-Medaillen einsteigen wird, ist aktuell noch offen.

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Wissen Gesundheit
07/28/2021

Olympia-Aufregung: Was eine Psychologin über Biles Ausstieg sagt

Nach nur einem Sprung beendete sie den Olympia-Wettkampf wegen psychischer Probleme. Simone Biles, die beste Turnerin der Welt, bricht damit ein Tabu. Warum es mutige Vorbilder wie sie braucht.

von Marlene Patsalidis

"Wir sind nicht nur Sportler. Am Ende des Tages sind wir Menschen und manchmal muss man einfach einen Schritt zurücktreten."

Mit diesen Worten kommentierte die US-amerikanische Turnerin Simone Biles am Dienstag ihren Ausstieg aus dem olympischen Mannschaftsfinale in Tokio. Tags darauf wurde bekannt, dass die 24-jährige Ausnahme-Athletin auch beim Einzel-Wettkampf am Donnerstag fehlen wird. Biles sprach von einem "Kampf mit Dämonen" – sie müsse den Fokus jetzt auf ihre psychische Gesundheit legen.

Sportpsychologin Andrea Engleder betreut in Tokio das österreichische Olympic Team. Im KURIER-Interview spricht sie über den Umgang mit seelischen Problemen im Spitzensport.

KURIER: Frau Engleder, sie sind gerade in Tokio. Ist Simone Biles Entschluss in der Sportcommunity Thema?

Andrea Engleder: Zu den Sportlerinnen und Sportlern ist die Nachricht vielfach noch gar nicht durchgedrungen. Die sind alle derart fokussiert, dass eine Auseinandersetzung mit tagesaktuellen Vorkommnissen kaum möglich ist. Das Thema psychische Gesundheit im Spitzensport ist aber sicherlich eines, das Athletinnen und Athletinnen sehr bewegt.

Biles hat nun zwei Olympia-Wettkämpfe abgesagt. Was bedeutet das emotional?

Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Als Sportlerin bereitet man sich jahrelang auf ein Großereignis wie Olympia vor. Wenn Anzeichen von Unwohlsein auftauchen, versucht man, dem wenig Beachtung zu schenken, weil man sich sportlich so sehr beweisen will. Man macht sein Ding, obwohl man spürt, dass etwas nicht stimmt. Jeder Athlet, der nach Tokio gekommen ist, möchte seine Bewerbe bestreiten. Irgendwann kommt der Moment, in dem man realisiert, dass es nicht mehr geht. Direkt vor und nach so einer Entscheidung, die nie leichtfertig getroffen wird, sind Verzweiflung, Hilflosigkeit, Trauer und Enttäuschung, Schuldgefühle und Gedanken an die Konsequenzen omnipräsent.

Biles hat ihre Lage als "Kampf mit Dämonen" beschrieben. Wie ist das zu verstehen?

Damit beschreibt sie eine psychologische Dynamik, die alle Menschen erleben: Wir vereinen verschiedene innere Anteile in uns, die für verschiedene Bedürfnisse stehen. Sportler besitzen besonders kritische und antreibende Anteile, die sie zu Höchstleistungen anspornen und über Grenzen hinausgehen lassen. Diese "Dämonen" können auch schützende Alarmsignale senden, wenn es zu viel wird, und innere Ambivalenzen sichtbar machen. Als Sportlerin sollte man gut mit ihnen in Kontakt sein, um zu verstehen, was sie sagen wollen.

Wann wird der Druck zu groß?

Spitzensport ohne großen Druck gibt es nicht. Zum Problem wird er dann, wenn Sportlerinnen und Sportler in anderen Lebensbereichen nicht genügend Ruhe, Rückzug, Normalität und Ausgleich finden. Wenn etwa die Trainingsgruppe als belastend erlebt wird, oder die Beziehung zum Trainer rein unter Leistungsaspekten stattfindet. Grenzwertig wird es auch, wenn dem Sportler nicht zuerkannt wird, dass er kein Roboter, sondern Mensch ist – und als solcher gewürdigt werden will. Wenn Sportler die Erfahrung machen können, dass sie nicht nur Superstars am Podest sind, tut das gut. Kommt der Druck permanent von allen Seiten, sagt die Psyche irgendwann Stopp.

Wie sagt die Psyche das?

Ein Klassiker bei Überlastung sind psychosomatische Beschwerden. Wenn es der Kopf nicht schafft, Nein zu sagen, sagt es der Körper. Meist steigt auch die Verletzungsanfälligkeit. Wenn dann wirklich etwas passiert, ist man zum Ruhen gezwungen.

Unmittelbar nach der Entscheidung von Biles wurde auch über körperliche Ursachen spekuliert.

Es ist immer noch ein Tabu, wegen unsichtbarer psychischer Strapazen Leistungsverluste zu zeigen und akzeptierter, wegen Körperleiden aufzugeben.

Der Sport als Spiegel der Gesellschaft?

Absolut. Psychische Erkrankungen sind immer noch mit viel Scham verbunden, und werden meist erst zu spät behandelt.

Mit 25 Medaillen bei Weltmeisterschaften – davon 19 in Gold – gilt Simone Biles als erfolgreichste Turnerin.

4 Turnelemente tragen Biles Namen und ihrer sportlichen Exzellenz Rechnung. Für eines ihrer Gymnastik-Elemente musste die Schwierigkeitsskala erweitert werden.

#MeToo: Im Jänner 2018 machte Biles im Zuge der #MeToo-Kampagne öffentlich, dass sie vom ehemaligen Teamarzt des US-Turnteams Larry Nassar sexuell missbraucht worden war.

#BlackLivesMatter: Die friedvollen Proteste gegen Gewalt an Schwarzen bezeichnete Biles in Interviews als "Beginn der Veränderung". In Anspielung auf die Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA sagte sie: "Es ist traurig, dass es so weit kommen musste".

Wird die mentale Komponente im Hochleistungssport unterschätzt?

Dass die Psyche eine riesige Rolle im spielt, würde wohl niemand mehr bestreiten. Die Frage ist, mit welcher Haltung man dem Thema gegenübertritt. Die Antwort auf psychische Überlastung ist oft Härte, Verzicht – und Aushalten. Vielen Sportlerinnen und Sportlern fehlt es an konkreten Konzepten und Ideen, wie man mit solche Belastungen gut umgehen kann. Wichtig ist, dass Trainerinnen und Trainer den Unterschied zwischen Motivationstiefs und psychischen Krisen besser erkennen lernen. Bei Ersterem geht es darum, Zielsetzungen zu adaptieren, bei Letzterem steht die Entlastung im Fokus.

Wird auch die öffentliche Präsenz durch Social Media und Co. immer belastender?

Die ständige Präsenz auf vielen Kanälen ist Thema, ja. Früher ist man als Athlet nach einem Wettbewerb nach Hause gefahren und hatte Ruhe. Jetzt schaltet man das Handy ein und die Öffentlichkeit im Netz giert nach Stellungnahmen. Social Media ist für Sportlerinnen und Sportler als Plattform wichtig, oft aber eine Scheinwelt. Die schillernden Bilder, die dort geteilt werden, stimmen nicht immer mit der Realität überein. Die scheinbare Perfektion setzt wiederum andere Sportler unter Druck, die das Gefühl haben, da nicht mithalten zu können. Man muss einen differenzierten Umgang damit entwickeln und es nicht zum Lebensinhalt machen.

Ex-Skistar Lindsey Vonn gab kürzlich bekannt, Psychopharmaka zu nehmen. Tennisspielerin Naomi Osaka zog sich im März wegen Depressionen von den French Open zurück. Verändert sich der Umgang mit der Psyche im Spitzensport?

Schwäche zu zeigen, obwohl alle auf einen blicken, ist die wahre Stärke. Das Bewusstsein dafür steigt, aber es ist ein langer Weg. Wenn sich die Sportelite damit befasst, wird es schrittweise in den breiten Leistungssport und Nachwuchsbereich dringen.

Biles gilt als meinungsstarkes Idol einer jungen Generation von Sportlerinnen. Wie wichtig ist ihre aktuelle Botschaft?

Ganz wichtig. Wenn Topstars wie sie über psychisches Leid sprechen und zeigen, dass das zum Spitzensport dazugehört, fühlen sich die Jungen verstanden. Auch sie sind maximal diszipliniert und wollen viel erreichen – und auch sie straucheln.

Wie wächst man an Krisen?

Eine Depression muss nicht das Karriereende bedeuten, aber sie verlangt nach echtem Innehalten und einem Blick auf die eigenen Werte. Mit der Zeit kann man neu bewerten, unter welchen Umständen man den Spitzensport weiter ausüben will – und bestenfalls an vergangene Leistungen anschließen.

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