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Politik Inland
09/26/2021

Mein Oberösterreich am Wahlsonntag - was das Bundesland ausmacht

KURIER-Autoren aus und in Oberösterreich machen sich anlässlich und abseits der heutigen Wahl Gedanken über die Besonderheiten.

von Elisabeth Hofer, Christoph Schwarz, Michael Pammesberger, Josef Ertl

Wer keinen  Knödel gegessen hat, der bleibt hungrig

Diese kulinarische Oberösterreich-Reise könnte mit einem Knödel starten. Tut sie aber nicht. Der Knödel ist – als beliebte Hauptspeise zu Beilagen wie Schweinsbraten – zwar das integrative Element oberösterreichischer Kulinarik. Er ist in 
dieser Rolle aber ohnehin berühmt. (Über vereinzelte Geschmacksverirrungen wie den niederösterreichischen Gummiknödel breiten wir an freudigen Tagen wie diesem den Mantel des Schweigens.) 

Heute hat hier das Haschee seinen großen Auftritt – eine gehackte, durch den Fleischwolf gedrehte Masse aus Wurstresten, Braten, gekochtem Rindfleisch, Zwiebeln und Petersilie. Also eine Art schmackhafter Bruder des Faschierten. Das Haschee ist vielseitig, etwa ganz puristisch in Hascheenudeln. (Haschee mit etwas Zwiebel anbraten, Nudeln untermengen, nach Belieben mit etwas Sauerrahm verfeinern. Fertig. Sie werden nie wieder Schinkenfleckerl wollen!)

Berühmt ist das Haschee natürlich – da ist er endlich! – als Knödelfülle. In Oberösterreich isst man keine Wurst-, und nur im Notfall Selchfleischknödel. Das Haschee hat ihnen einiges voraus. (Der Urahn des Hascheeknödels, der G’hackknödl, ist leider von den Speisekarten verschwunden.) Speck- und Grammelknödel sind freilich erlaubt. Mit Gulaschsaft und Sauerkraut. Der feinste, flaumigste aller Knödel ist der Semmelknödel, auch in Gestalt des Serviettenknödels, ihm ließen sich hymnische Werke widmen. 

„Wenn man keinen Knödel gegessen hat, hat man den ganzen Tag Hunger“, sagt der Oberösterreicher. 
Was uns sättigtWas ihn sonst noch sättigt? Kräftige Suppen, Braten, Würste, Stöcklkraut, Salz-Mohn-Flesserl, Nocken und Schmarrn. Schmackhaft ist das, und deftig. Nichts, was eine barocke Linzer Torte nicht richten könnte. Mürber Teig, Ribiselmarmelade (die vor dem Backen aufgetragen wird), charakteristisches Gitter. Herrlich trocken, intensiv. 

Sprachlich gerät der Oberösterreicher mit dem Osten des Landes ins Gwirks. Etwa bei Tomaten, die in Teilen hier eben nicht Paradeiser heißen. Durchs  Bundesland verläuft eine unsicht-, aber gut hörbare  Grenze. Auch den Metzger gibt es – fallweise – in Oberösterreich. Etymologen verweisen auf die Nähe zu Süddeutschland. Die Tomate, die gefällt Ihrem Autor gut, beim Metzger hört sich der Spaß auf. Aber, mal ehrlich: Solange er gutes Haschee verkauft, kann man  auch das überhören.   
Christoph Schwarz

Die Versalzkammergüterung

4 Virll hat das Land. Und 1 Salzkammergut. Doch nur ein Teil des Salzkammergutes ist auch ein Teil von OÖ. Ja!  Die anderen Teile gehören zu Sbg. und Stmk. Divide et impera: Sie haben uns zerteilt, dass sie uns besser beherrschen können! 

Dennoch. Das Salzkammergut wächst und wächst. Ja wie? Nicht durch Eroberung (Wir sind angriffslustig, aber nicht interessiert an anderen Landstrichen). Auch nicht durch Anschwemmung am Wolfgangsee.
Oder Gebirgsbildung durch Ablagerungen von zu vielen Chinesen in Hallstatt.

Nein: Feindliche Annexion durch Tourismusmanager!

Früher war Gmunden (gerade noch – bis zum Trauntor, wo der Kammerhof ist) das „Tor zum Salzkammergut“, heute zählt sich gar schon Vöcklabruck dazu. Vöcklabruck! Demnächst liegt Wels im Salzkammergut! Oder Schladming. Oder Salzburg.
Der „Salzkammergut Radweg“ geht bis an die bayerische Grenze! Für einen Ischler ist ja schon nach der Langwieser Gradn Schluss. Oder wenigstens in der Löwenkurve.

Dem Ebenseer ist alles jenseits des Soddls (Sattel = Sonnstein) fremdsprachiges Ausland.
Ich mein, das geht doch nicht: Man kann doch auch nicht einfach hergehen und sagen, die Wachau geht jetzt bis Linz, das Mü-vierll bis runter nach Grieskirchen oder der Balkan beginnt am Rennweg, wo kommen wir denn da hin!  
Michael Pammesberger

Oans, zwoa, drei – und warum nicht droa? 

Die oberösterreichische Sprache wird für mich immer ein klein wenig rätselhaft bleiben, obwohl ich nun schon den Großteil meines Lebens in diesem schönen Bundesland verbringe und seit einigen Jahren mit einer native Speakerin liiert bin. Sie hat mir zwar beigebracht, dass es woaß heißt, wenn ich etwas weiß, aber weiß, wenn ich eine Wand streiche. Ich habe verinnerlicht, dass man statt eins und zwei oans und zwoa sagt, aber nicht droa, sondern drei. Manchmal komme ich mir vor wie ein nicht integrierter Inländer, was möglicherweise daran liegt, dass man in Grünau im Almtal, wo ich wohne, seit mindestens sieben Generationen über Waldbesitz verfügen muss, um dazuzugehören. Aber was macht das schon? Ich lebe hier, weil der Wald, die Berge und vor allem die Flüsse und Seen nirgendwo so schön sind, dafür müssen sie nicht mir gehören.

Was die Menschen betrifft, so habe ich sie als extrem hilfsbereit, gesellig, stur und weltoffen erlebt. Obwohl Wien, wenn man den Klischees glauben darf, in keinem Bundesland beliebt ist (nicht einmal bei den Wienern), ziehen die Oberösterreicher und -innen in Scharen dorthin. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass die Zeitungs-, Fernseh- und Verlagsbranche ohne sie zusammenbrechen würde. Sie kennen und erkennen einander alle, obwohl Oberösterreich nicht nur riesig, sondern auch vielfältig ist. Im Innviertel fühlt man sich Bayern verbunden, der Zentralraum vereint so unterschiedliche Städte wie Wels, Linz und Steyr, den Ebenseer trennen vom Gmundner nur 15 km, aber sonst Welten, von Mondsee glauben alle, es wäre schon Salzburg, und Grein wird fälschlicherweise gerne in Niederösterreich verortet. Das Mühlviertel wiederum ist ein eigenes Oberösterreich in Oberösterreich. Ich habe noch viel zu lernen.

Was die Sprache der Eingeborenen betrifft, hat mich meine native Speakerin  gerade darüber aufgeklärt, warum man drei sagt und nicht droa: Weil es sonst  französisch wäre. Wie auch immer, nach dieser Wahl wird unser „Hoamatland“ ein schöneres sein: Denn die Wahlplakate verschwinden,  der Blick auf Berge, Wälder und Seen wird wieder frei sein.
René Freund

Von Bierzeltreden, roten Städten, Gott und Hoamatland  

ls Oberösterreicher oder Oberösterreicherin wirst du sehr schnell zum politischen Menschen und es passiert nicht selten, dass du das nicht einmal mitbekommst. Da gehst du  ein, zweimal auf ein Zeltfest, das von der Landjugend organisiert wird, schon führt dich die ÖVP als Parteimitglied. Einen Schulfreund, der Mitglied im Cartellverband  ist, hast du in Oberösterreich auch schnell einmal. Das führt mitunter dazu, dass du dich auf Geburtstagsfeiern wiederfindest und dich wunderst, wenn zu späterer Stunde plötzlich Gott und Vaterland besungen werden. Oder du stolperst auf einem Jahrmarkt ahnungslos nach einer Leberkässemmel suchend ins Bierzelt und schwups, klingt dir den restlichen Tag die FPÖ-Hymne „Immer wieder Österreich“ in den Ohren. Ob dir das peinlich ist – also sowohl der Ohrwurm als auch die Parteimitgliedschaft oder der Schulfreund – ist eine andere Frage. In Oberösterreich sind die Parteien noch immer ein gesellschaftlicher Faktor, zuständig längst nicht nur für das politische, sondern auch für das soziale Leben. (Was für die ÖVP gilt, das gilt in den roten Städten wie Linz und Steyr übrigens für die SPÖ). Man kann ihnen nur schwer ausweichen. Das Hoamatland ist in Parteienhand. Ob sich das bei der Wahlbeteiligung niederschlägt, sehen wir heute.  Elisabeth Hofer

Der Traum von der Champions  League 

Der Oberösterreicher ist fleißig und verlässlich, familienverbunden und manchmal ein bisschen bieder.  Er hat bevorzugt ein Haus im Grünen und pendelt   mit dem Auto zur Arbeit. Manche nehmen dafür täglich zwei Stunden Fahrt in Kauf. In der Landeshauptstadt Linz (205.000 Einwohner) kommt  es täglich  zu 311.000 Ein- und Ausfahrten, 2030 werden es 390.000 sein.  Staus sind die tägliche  Realität, werden aber in Kauf genommen.

Viele sind technische Tüftler. Sepp Fill (82) hat 1966 in Gurten (Bez. Ried/I.). einen  Zwei-Mann-Schlosserbetrieb gegründet, heute ist  Fill, geführt von Sohn Andreas (52), ein internationaler Maschinenbauer mit 960 Mitarbeitern. Jeder vierte Motorzylinder weltweit wird von Fill-Maschinen bearbeitet und produziert. Die Firma  hat Anlagen an den Universitäten von Melbourne und Tennessee stehen, um mit Forschern neue Produkte zu entwickeln. Das Innviertel ist  die wachstumsstärkste Industrieregion Österreichs, gefolgt vom Mühlviertel. Oberösterreich ist Industriebundesland Nummer eins, die Exporte gehen in die ganze Welt, auch wenn es  manchmal an Weltoffenheit fehlt. 

Der Wirtschaftsmotor läuft   mit einem Wachstum von 4,1 Prozent auf vollen Touren. Die  Arbeitslosigkeit ist mit 4,5 Prozent niedrig (Wien 11,9 %, Österreich 6,9 %), den 32.000 Arbeitslosen stehen ebensoviele offene Stellen gegenüber. „Wir wollen Oberösterreich zu einer industriellen Spitzenregion Europas entwickeln“, definiert Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung, die Marschrichtung. Oberösterreich  ist im European Regional Competitiveness Index (RCI) von Platz 51 auf Rang 34 vorgerückt, Ziel ist die Champions League, ein Platz unter den besten Zehn.  Industrie und Wirtschaft sorgen im Land für die Musik und geben den Ton an.
Josef Ertl

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