Politik | Inland
14.09.2015

Was wurde aus Heide Schmidt?

Gründerin des Liberalen Forum über die Stimme von Kaufmann, die Chancen der Neos und das Schreiben per Hand.

Ein Platz im Schatten. Überschattet von der Nachricht, dass 71 Menschen auf der A4 zu Tode gekommen sind, beginnt das Gespräch. "Man tut sich schwer, wenn man das gerade gehört hat, obwohl uns die Bilder seit Monaten verfolgen. Das Unerträgliche ist, dass wir in dieser Frage nur von Zahlen und Zumutbarkeiten reden. Ich begreife nicht, dass so lange theoretisiert wird, ohne zuzupacken." Stets sei von der EU die Rede, die gefordert ist, sagt Heide Schmidt. "Wir sind die EU." Ein Satz wie ein Appell.

Die Frage an sie, die zehn Jahre lang bis 2009 dem "Institut für eine offene Gesellschaft" vorstand, drängt sich auf: Leben wir noch in einer offenen Gesellschaft? "Es gibt weitaus geschlossenere Gesellschaften als die unsere. Das ist immer eine Frage des Maßstabes. Der Egoismus und der Grad an Abschottung sind größer geworden, denke ich." Begonnen habe diese Entwicklung, in der auch "die Arbeitsplatzsituation gegen Ausländer aufzurechnen versucht wurde", in den frühen 1990er-Jahren. "Dieses unsägliche Volksbegehren – ein Mobilisierungsinstrument, das sich erstmals gegen Menschen gerichtet hat – ist für mich einer dieser Marksteine in der Entwicklung."

Das Anti-Ausländerbegehren "Österreich zuerst", 1992 initiiert von Jörg Haider, wird zum Markstein für Schmidt. Sie richtet sich dagegen. Gegen die eigene Partei. Die FPÖ. Gegen Haider, den Parteiobmann, deren Stellvertreterin sie ist.

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Blaues Begehren

Die vormalige FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidatin wird zur Gründerin des Liberalen Forum mit Friedhelm Frischenschlager, Thomas Barmüller und Klara Motter. Das blaue Begehren gereicht mit 7,35 Prozent der wahlberechtigten Stimmen 1993 zur Niederlage – 5,96 Prozent gereichen für das Liberale Forum zum Erfolg bei der Nationalratswahl 1994. Gelb-blau statt blau. Wie passte das jemals zusammen? "Es war eine Zeit, das ist vielleicht für jüngere Generationen gar nicht mehr nachvollziehbar, in der SPÖ und ÖVP gemeinsam fast 90 Prozent der Wählerschaft hinter sich hatten." Eine Zeit in den 1970er-Jahren. Die promovierte Juristin wird Mitglied der Freiheitlichen unter Friedrich Peter, später durch die ORF-Sendung "Ein Fall für den Volksanwalt" bekannt. 1986 bekennt sie sich auch nach dem Innsbrucker Parteitag und dem Sturz des als liberal geltenden nunmehrigen Parteichefs Norbert Steger zu den Freiheitlichen – und damit zu Haider.

"Es gab damals zwei Gruppen. Die einen, die gesagt haben: Es reicht. Und die anderen, die gesagt haben: Kampflos überlassen wir es ihnen nicht." Schmidt gehört zu Letzterer. "Und auf einmal war ich sogar Generalsekretärin. Das ist sicher etwas, was mir viele draußen übel nehmen und mir als Karrierebewusstsein zuschreiben. Das war es nicht. Das sage ich aus Überzeugung." Was war es dann, dass sie, die sich jetzt für respekt.net, den Obdachlosen-Verein VinziRast, das Projekt call4europe engagiert und dem Vorstand des Architekturzentrum Wien angehört, bleiben ließ?

"Haider hat zu mir wörtlich gesagt: ,Du willst immer etwas für die Liberalen tun – also tue‘. Wer Haider kannte, der wusste, dass diese Überzeugung, die er in diesem Moment auch für das Gegenüber hatte, eine glaubhafte war."

Es sind druckreife Sätze wie diese, die glaubhaft sind. Und jene drei folgenden: "Elfriede Jelinek, die den so nachvollziehbaren Satz ausgesprochen hat: ,Ich habe mich an Österreich abgearbeitet.‘" Und: "Wenn ich mir die Freiheitliche Partei heute anschaue: Sie ist mir so fremd, als hätte ich nie etwas mit ihr zu tun gehabt." Und: "Natürlich hätte ich lieber eine andere politische Vergangenheit. Aber ich distanziere mich nicht. Ich habe vor allem viel gelernt." Gelernt, worauf es ankommt, zu achten gilt. Auf "Haltung". Haltung strahlt Schmidt im buchstäblichen wie mehrfachen Sinne des Wortes aus. Haltung vermisst und misst die 66-Jährige.

Repressives Regime

"Ich gestehe, ich stelle mir zunehmend die Frage bei anderen: ,Wie schätzt du ein, verhält sich diese Person in einem repressiven Regime?’ Die Antwort, die ich mir selbst darauf gebe, ist ausschlaggebend, ob ich den Kontakt vertiefe oder nicht." Für sich selbst könne man die Antwort nur ständig überprüfen. In Alltagsherausforderungen. In einem Kreis von Menschen als Einziger anderer Meinung sein beispielsweise.

Ein lebendes Beispiel, das Haltung in der Politik für sie beweist, ist der Bundespräsident. "Ich halte Heinz Fischer für einen Glücksfall. Ein Mediator, ein Motor, ein Weichensteller – all diese Funktionen hat ein Bundespräsident, und die darf er nicht an die große Glocke hängen, sondern muss sie mit der Autorität des Amtes und der Person umsetzen." Zwei Mal kandidierte Schmidt selbst für das höchste Amt im Staat. 1998 als liberale Kandidatin. Ein erneutes, aktives Engagement in der Politik ist für sie ausgeschlossen. Ebenso ausgeschlossen sind während des Gesprächs Ratschläge an die Amtierenden. Nur so viel: "Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der die Wehrhaftigkeit der Demokratie auf die Probe gestellt wird. Weil viele die Demokratie so gewohnt sind, dass sie keinen Wert mehr darin sehen, wissen, was sie ausmacht." Und: "Ich hoffe, dass man aus der Vergangenheit lernt. Einer neuen Kraft eine Chance gibt, wenn man sie für eine produktive und zukunftsorientierte Partei hält. Und ich halte die Neos für so eine Partei." Mit Partei-Kollegen wie Friedhelm Frischenschlager, Christian Köck und Hans Peter Haselsteiner pflegt Schmidt immer noch Kontakt. Persönlich. Jedenfalls nicht via eMail.

Schöne Sprache

"Ich verweigere das Internet. Schreibe immer noch per Hand. Ich finde, dass die Art der Verkürzung der Sprache, die dieses Medium auch erfordert, zu einer Verkürzung und Undifferenziertheit des Denkens führt. Aber vielleicht ist das auch ein konservativer Ansatz."

Sie kann sich an einer "schönen Sprache unglaublich erfreuen". Ebenso verhält es sich mit Oper – und insbesondere mit Jonas Kaufmann. "Ich gehöre zu jener Gruppe von Frauen, die das Zusammentreffen seiner Stimme und seines Aussehens als höchst wohltuend empfindet." Schmidt schmunzelt, ehe das geschriebene Wort erneut zur Sprache kommt. Bücher. Bücher, die haften blieben, wie sie sagt, weil sie mit Entwicklungsphasen zu tun haben. In "jugendlicher Zeit" Hermann Hesses "Siddhartha", in einer "politischen Phase" Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis". "Ich lese furchtbar langsam, weil ich bei Zeilen auch gerne verweile." Zeit zum Aufbruch. Alsbald will die Juristin, die sich lieber "als Frau meiner eigenen Zeit, als Selbstständige, wenn Sie so wollen" denn als "Ex-Politikerin" bezeichnet, selbst ein Buch schreiben. "Per Hand."

Heide Schmidts Leben in Bildern