Politik | Inland
12.08.2015

Kdolsky: "Ich hab’ mehr polarisiert als gedacht"

Kdolsky wird an der Supermarkt-Kassa immer noch erkannt. Was die frühere Ministerin heute macht.

Trinken Sie! Männer trinken bei der Hitze oft zu wenig – ich meine natürlich Wasser." Vor Andrea Kdolsky stehen ein Krug und Gläser, sie spricht jetzt ganz als Ärztin, die ihre Patienten an der Hand nimmt.

Wir sitzen in einem Büro in Wien-Simmering, es ist das Büro der Arge Selbsthilfe, dem Dachverband von 1600 Selbsthilfe-Organisationen aus Österreich.

Ein Ventilator schaufelt warme Luft durchs Zimmer, vor dem Fenster steht die Hitze. Kdolsky lässt derlei nicht verzagen: "Es ist Sommer, da darf’s ruhig warm sein. Jammern wir nicht!"

Seit März ist die gelernte Anästhesistin Geschäftsführerin der Arge. Und nach Jahren, in denen die Tagespolitik für sie kaum eine Rolle spielte – Kdolsky war zuletzt in einem Steuerberatungskonzern für Gesundheitslösungen verantwortlich – ist der Kontakt zur institutionalisierten Politik nun wieder intensiver. "Bei Terminen im Ministerium treffe ich jetzt alte Freunde", sagt sie. "Früher hab ich die Sitzungen geleitet, heute sitze ich als einfache Teilnehmerin am Tisch. Aber das ist in Ordnung so, alle sind nett und professionell."

Kurze Amtszeit

Nicht ganz zwei Jahre – von Jänner 2007 bis Anfang Dezember 2008 – war Kdolsky Chefin im Gesundheitsressort.

Doch ihre unorthodoxe, bisweilen krachend offene Art, die sich in schrillen Life-Ball-Auftritten manifestierte, hat offensichtlich Eindruck hinterlassen.

"Ich wunder’ mich schon, dass mich die Leute noch heute im Supermarkt erkennen. Aber anscheinend hab’ ich mehr polarisiert als gedacht." Ältere Patientinnen würden sie in ihrer Ordination noch heute als "Frau Minister" anreden. "Das muss ich dann schnell abstellen. Ich bin die Ärztin, mehr nicht."

Ach ja, die Ordination. Neben ihrem Job als Arge-Geschäftsführerin arbeitet Kdolsky noch als Schmerz-Therapeutin in einem Wahl-Arzt-Zentrum und sie unterrichtet an Fachhochschulen. Außerdem hilft sie als Unternehmensberaterin Firmen dabei, ihre Mitarbeiter gesünder zu machen.

Vermisst Andrea Kdolsky die Politik? Nicht wirklich.

Aber das liegt wohl daran, dass sie nie ganz ohne Politik war. "Jeder, der am Wirtshaustisch über gesellschaftliche Fragen diskutiert, politisiert letztlich. Ich war immer ein politischer Mensch und werde das immer sein."

Parteipolitik, das ist freilich etwas anderes – und zu der äußert sie sich eher selten. Zuletzt passierte es in einem Facebook-Posting. Da wetterte Kdolsky gegen die Entscheidung des ÖVP-Klubs, Mandatare des Team Stronach aufzunehmen. "Es bringt doch nichts, nur auf kurzfristige Wählergewinne zu spekulieren", sagt die frühere Interessenvertreterin. Sie bleibt dabei: "Gerade darunter leidet ja die Politik, dass man nur bis zur nächsten Wahl denkt."

Balkon-Muppet

Was gefällt, was missfällt ihr an der heutigen Politik?

An diesem Punkt hat Kdolsky Bauchweh. Sie will nicht "G’scheiteln" oder ihren Nachfolgern "wie ein Balkon-Muppet" von außen gute Ratschläge geben.

"Die Große Koalition hat sich überlebt, sie steht für Stillstand."

Eines kann und will sie als einfaches ÖVP-Parteimitglied und Wählerin aber sagen: "Die Große Koalition hat sich überlebt, sie steht für Stillstand."

So gesehen findet sie auch neue politische Projekte spannend. "Ich bin seit Jörg Mauthes Zeiten bei der Volkspartei, aber über die Neos freu’ ich mich. Ich hätte nach der Nationalratswahl ja dem Matthias Strolz das Bildungsministerium gegeben."

Tatsächlich? ÖVP und SPÖ hätten freiwillig auf ein Schlüsselressort verzichten sollen? Kdolsky: "Wenn’s geklappt hätte, wäre es ein Erfolg für alle gewesen; und wenn nicht, hätten Wähler und Neos gesehen, dass Politik ein schwieriges Handwerk ist."

Kdolsky weiß, das ist reichlich unkonventionell, ja realpolitisch undenkbar. "Aber ich hab’ mir geschworen, mich nicht zu verbiegen und nicht zu lügen. Das war in der Politik so, und das bleibt so." Koste es, was es wolle.