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Porträt
08/10/2015

Caspar Einem: "Man muss nicht in Panik verfallen"

Der Ex-SPÖ-Minister über Fehler in der Asylpolitik, die "Tatblatt"-Spende und was er heute macht.

von Maria Kern

Wird Caspar Einem fotografiert, dann lässt er das mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Gleichmütig folgt er den Anweisungen des Fotografen. Er sonnt sich nicht im Blitzlicht. Das Posieren behagt ihm offensichtlich nicht sonderlich. Aber er weiß, es ist nötig, wenn sich jemand wie er öffentlich äußert. Es ist merkbar Routine, war lange Zeit Teil seiner Jobs.

Einem war Beamtenstaatssekretär, Innen-, Verkehrs- und Wissenschaftsminister – und sieben Jahre lang Nationalratsmandatar.

Formal ist der 67-Jährige nun in Pension, hat aber mehrere "Gschaftln", wie er es nennt. Er ist Präsident des Instituts für Internationale Politik, Vize-Präsident des Forum Alpbach, Vizepräsident des IHS-Kuratoriums und engagiert sich in der Gottfried-von-Einem-Gesellschaft.

Klingt, als wäre er nicht im Ruhe-, sondern im Unruhe-Stand. "Phasenweise arbeite ich intensiv, aber es ist zum Beispiel trotzdem möglich auf längere Reisen zu gehen", erzählt Einem dem KURIER. Fünf Wochen war lang war er heuer mit seiner Frau auf einem Kreuzfahrtschiff zwischen Buenos Aires und Miami unterwegs.

"Der Frau zuliebe"

Daheim in Wien ist der Sohn des Komponisten Gottfried von Einem oft mit seiner Frau in der Oper anzutreffen. "Und nur meiner Frau zuliebe gehe ich golfen!", betont er. Er sei "ein mäßiger Spieler". Leidenschaftlich gern liest er hingegen, vornehmlich Sachbücher, Biografien, momentan die Erinnerungen von Ex-ORF-Reporterin Barbara Coudenhove-Kalergi ("Zuhause ist überall"). Auch Michel Houellebecqs umstrittenen Roman "Unterwerfung" hat der rote Intellektuelle gelesen. In dem Buch werden die Ängste vor der Islamisierung Europas und der Erfolg der Rechten thematisiert.

Angesichts des Dauerkonflikts um die Unterbringung von Asylwerbern auch in Österreich ein topaktueller Stoff. Wie kommentiert Einem die heimische Flüchtlingspolitik? "Da ist alles schief gegangen. Man hätte sich viel früher vorbereiten müssen." Denn die Sache sei "bewältigbar, man muss nicht in Panik verfallen". In den 90er Jahren habe Österreich im Zuge der Bosnien-Krise 90.000 Flüchtlinge aufgenommen, während der Ungarn-Krise seien es "noch viel mehr" gewesen. "Wenn aber dauernd von der ,Überflutung’ die Rede ist, entsteht Angst. Und wenn ein Landeshauptmann sagt, die Grenze müsse dicht gemacht werden, vermittelt das auch Angst." Damit würden ÖVP und SPÖ bei den Wahlen aber nicht reüssieren. Das sei viel mehr Wahlwerbung für die Blauen.

Was würde der Ex-Innenminister tun, wäre er heute noch im Amt?

"Wenn der Hut brennt, ist es schwer, mit Königsideen zu kommen", gesteht er ein. Er würde jedenfalls nicht diese Angst-Geschichten erzählen, würde private Initiativen fördern, um mehr Kontakt zwischen Flüchtlingen und der Bevölkerung zu schaffen. Und: Asyl auf Zeit zu vergeben, das würde die Behörden entlasten.

Wie schwierig es ist, wenn es in der Politik um Integration, Asyl und Zuwanderung geht, hat Einem aber auch selbst erlebt. "Ich habe mit Andreas Khol (ÖVP-Politiker) ein Fremdenrechtspaket verhandelt, bin aber an meiner eigenen Partei gescheitert. Das war ein herber Rückschlag."

Als Erfolg sieht er, dass er als Wissenschaftsminister die Ausgliederung der Universitäten vorbereitet hat.

"Politisch unvorsichtig"

Und wie beurteilt er seine einstige Spende an das Tatblatt jetzt?

"Es war moralisch und rechtlich vertretbar, aber politisch unvorsichtig." Jörg Haider hatte die 1000-Schilling-Unterstützung publik gemacht. Das Organ der linken Hausbesetzerszene benötigte Geld für einen Prozess gegen ihn. Einem: "Das Verfahren ist beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zugunsten des Tatblatts ausgegangen. Diesen Teil der Geschichte kennen viele nicht."

Trotz der Angriffe, denen der gerne als "Parade-Linker" titulierte SPÖ-Mann oft ausgesetzt war, sagt er: "Ich war gerne in der Politik."

Was, wenn ihn heute nochmals ein Ruf ereilen würde? "Ich habe Aufgaben, die mich freuen und kümmere mich um meine Frau, die momentan krank ist. Die Politik, die brauche ich nicht mehr."