Ein Foto für die Geschichtsbücher: Jörg Haider und Wolfgang Schüssel 1999.

© AP/GERT EGGENBERGER

Schüssel wird 70
06/02/2015

Erinnern Sie sich an den Wendekanzler?

Wolfgang Schüssel regierte das Land von 2000 bis 2006. Was der Ex-Kanzler heute macht.

von Bernhard Gaul

Die Nationalratswahl am 3. Oktober 1999 löste in den folgenden Monaten ein politisches Erdbeben aus. Die FPÖ hatte, wenn auch nur knapp, die Volkspartei überholt, und landete auf Platz 2. Schüssel hatte angekündigt, sollte seine Volkspartei auf Platz 3 abrutschen, werde er in Opposition gehen.

Tatsächlich wurde Wolfgang Schüssel am 4. Februar 2000 als Bundeskanzler einer FPÖ-ÖVP-Koalition angelobt - und blieb das auch die nächsten sechs - mitunter sehr turbulenten - Jahre.

Politische Heimat im Wirtschaftsbund

Schüssel kommt aus dem Wiener Wirtschaftsbund, dessen Generalsekretär er lange war. Von 1989 bis 2005 war er Wirtschaftsminister der Republik in SPÖ-ÖVP-Koalitionen, dann Vizekanzler und Außenminister.

1995 übernahm er die Führung der Volkspartei, die als Juniorpartner der Regierung bei jeder Wahl Stimmen verlor. Dazu kam, dass die SP/VP-Koalition unter den roten Kanzlern Vranitzky und dann Klima eine für die Öffentlichkeit schwache Performance ablieferte, Streit und Hader dominierten. Die Antipathien der roten und schwarzen Führung war offensichtlich.

Dann kam die Wahl 1999. Der Schock über den massiven Zugewinn der FPÖ unter Jörg Haider auf 26,91 Prozent war groß, wie auch die Sorge, wieder nur eine SP/VP-Koalition zu bekommen, die sich gegenseitig blockiert und Reformen schuldig bleiben wird.

Die Koalitionsverhandlungen Klima/Schüssel zogen sich über Tage, Wochen, Monate - ohne konkrete Ergebnisse. Im Dezember scheiterten sie offiziell. Und Schüssel einigte sich in wenigen Wochen mit der FPÖ über eine neue Regierung, ohne vom damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil offiziell mit der Regierungsbildung beauftragt worden zu sein.

ARCHIVBILD: SCHÜSSEL/VRANITZKY

KLIMA IM GESPRAECH MIT SCHUESSEL

WOLFGANG SCHUESSEL NACH DEM MINISTERRAT

ARCHIVBILD: SCHÜSSEL/HAIDER

SCHUESSEL, KARTNIG UND RIESS-PASSER AM OPERNBALL

ARCHIVBILD: SCHUESSEL/GRASSER

SCHUESSEL LINDNER

SCHUESSEL HAUBNER

Wolfgang Schuessel, Alfred Gusenbauer

Wolfgang Schuessel, Hubert Gorbach

Austria's outgoing Chancellor Schuessel and design

CHARITY-TAROCKIEREN MIT WOLFGANG SCHÜSSEL

Start der FPÖ/ÖVP-Regierung

Die Wenderegierung war geboren. Schüssel hielt Kurs, die FPÖ zerbrach mehrmals an innerparteilichen Konflikten, auch weil FPÖ-Chef Jörg Haider es schaffte, in Koalition zu sein, und gleichzeitig als Kärntner Landeshauptmann als Opposition aufzutreten.

Schüssel führte seine Volkspartei bei den vorgezogenen Neuwahlen 2002 zu Platz 1 mit plus 15,4 Prozentpunkten, er koalierte weiter mit der FPÖ, die sich nach knapp zwei Jahren spaltete - das BZÖ war geboren -, und sicherte Schüssels Regierung noch bis 2006 eine Mehrheit.

Von SP-Chef Gusenbauer geschlagen

Überraschend dann das Wahlergebnis 2006: Die ÖVP verlor acht Prozentpunkte und Platz 1 an SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer.

Schüssel verhandelte dann noch das Koalitionsprogramm der SP/VP-Koalition, und kehrte als einfacher Abgeordneter in den Nationalrat zurück, wo er bis 2011 blieb.

Korruptionsvorwürfe

Die juristische Aufarbeitung der Wenderegierung hält bis heute an, dabei geht es vor allem um den Vorwurf der Korruption, etwa bei den zahlreichen Privatisierungen, die unter Schüssel eingeleitet wurden. Bis heute steht etwa Finanzminister Karl-Heinz Grasser unter Korruptionsverdacht, er ist bis heute allerdings weder angeklagt noch verurteilt worden.

Schüssel selbst stand nie im Visier der Staatsanwälte.

Heute ist er Kuratoriumsmitglied der Bertelsmann Stiftung, und Aufsichtsratmitglied des deutschen Energiekonzerns RWE. Öffentliche Auftritte sind genau so rar wie politische Interviews über seine Regierungszeit.

Am 7. Juni feiert der Wendekanzler seinen 70. Geburtstag.

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