Attacken gegen Juden nehmen zu

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultus…
Foto: Deutsch Gerhard Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), in der Wiener Hauptsynagoge.

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, ist besorgt: Der Judenhass wird stärker.

KURIER: Herr Präsident, in Dänemark werden Juden gewarnt, ihren Glauben offen zu zeigen. Sind Juden in der EU gefährdet?

Oskar Deutsch: Ja. Es gibt Länder in der EU, in denen der Antisemitismus sehr, sehr gefährlich ist. Das Positive an Dänemark ist, dass sich die Regierung gegen antisemitische Übergriffe ausspricht und der Kultusgemeinde im Kampf dagegen hilft.

In welchen Ländern ist der Antisemitismus sehr gefährlich?

In Ungarn, Schweden, Norwegen, Finnland, Frankreich und Griechenland. In Ungarn werden Minderheiten, Roma und Juden, physisch attackiert. Viele Juden, die den Holocaust überlebt haben, gingen zuletzt mit dem Davidstern auf die Straße. Es war ein Protest gegen einen Jobbik-Abgeordneten (Jobbik ist eine rechtsextreme Partei: drittstärkste Kraft im Parlament), der verlangt hatte, dass jüdische Politiker in Ungarn gelistet werden. Darauf antwortete die EU mit einem Dreizeiler. Ja, antisemitische Überfälle nehmen zu. Wo ist der Aufschrei?

Die EU macht zu wenig?

Zu wenig? Das ist harmlos ausgedrückt. Es begann, wie wir alle wissen, mit Worten, in Ungarn ist schon viel mehr. Wird das nicht im Keim erstickt, dann weiß ich nicht, wohin Antisemitismus, Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit führen. EU-Vertreter und die Politiker müssen klar sagen, „Antisemitismus darf nicht sein“. Und die EU muss koordiniert dagegen vorgehen. Die EU-Grundrechte-Agentur in Wien sollte ihren Auftrag erfüllen. Ich sehe dort aber keine Taten.

Steigen Anfragen ungarischer Juden, nach Wien zu ziehen?

Einige Familien sind schon eingewandert. Es gibt immer mehr Anfragen von Familien mit Kindern. Bürgermeister Häupl hat uns gesagt, dass Wien eine offene Stadt ist. Wenn jüdisches Leben in Ungarn nicht mehr möglich ist, hilft Wien. Allein, dass es das Angebot von Wien gibt, zeigt, wie bedrohlich die Lage ist, und dass wir etwas machen müssen.

Nehmen Attacken gegen Juden auch in Österreich zu?

Im Vergleich zu 2011 gab es 2012 doppelt so viele Vorfälle, die uns gemeldet wurden. Antisemitismus wird scheinbar salonfähig. Wir sehen das an zu zögerlichen Reaktionen der Politik auf die antisemitische Karikatur auf Straches Facebook-Seite. Wenn die Leute merken, es schreit niemand auf, wird es von Mal zu Mal einfacher.

Sie wollen von Regierung und Polizei, dass sie klar gegen Antisemitismus und Rassismus sind?

Ja, das erwarte ich. Die Bevölkerung gehört aufgeklärt. Es muss gesagt werden, wo die Grenzen liegen.

Wie erklären Sie sich die Zunahme an Antisemitismus?

Das kommt von drei Gruppen: von Rechten, von radikalen Islamisten und Linksextremen. In Skandinavien sind es vor allem Islamisten. Sie haben es geschafft, dass im schwedischen Malmö zwei Drittel der jüdischen Gemeinde ausgewandert sind. Schweden macht nichts dagegen. Ich würde mir in Österreich wünschen, dass die Führung der muslimischen Glaubensgemeinschaft stärker dagegen auftritt.

Fürchten Sie in den Wahlkämpfen 2013 vermehrte antisemitische Attacken?

Ich bin überzeugt, dass man gegen Minderheiten Hass schüren wird. Ich unterstütze das von Bundespräsident Fischer vorgeschlagene Fairness-Abkommen.

Was ist Ihr Ziel als Präsident der Kultusgemeinde?

Dass Juden weiter ihr jüdisches Leben in Österreich leben können und die IKG weiter wächst. Wir sind Teil der Gesellschaft Österreichs, wir haben nur eine andere Religion als die Mehrheit.

Fakten

In der EU nimmt der Antisemitismus zu

Statistik Forscher und einzelne Länderdaten verzeichnen einen Antisemitismus-Anstieg in der EU, vergleichbare Daten fehlen.

IKG-Zahlen für Österreich 71 Vorfälle 2011;135 (2012). In den Niederlanden waren es 209 Fälle (2009) und 286 (2010). In Großbritannien stieg die Zahl von 400 auf 640. Nach NGO-Infos nimmt Antisemitismus in Skandinavien, Deutschland, Frankreich und Griechenland zu.

Bilder

Antisemitismus in Europa

Antisemtische Übergriffe häufen sich – in Europa, in Österreich. Erst im August vergangenen Jahres hat sich etwa im Rahmen des Spiels Rapid gegen Paok Saloniki ein solcher ereignet. „Hau ab, du Scheiß-Jude! Juden raus! Heil Hitler!“ Mit diesen Worten ist ein Rabbiner damals in Wien von einem Fußballfan beschimpft worden – unter den Augen eines Polizeibeamten. Für viel Empörung sorgte im Herbst auch ein von FP-Chef HC Strache veröffentlichter Cartoon auf seiner Facebook-Seite: Die Karikatur im „Stürmer-Stil“ trug dem Blauen auch eine scharfe Rüge des Präsidenten ein. Auch in Deutschland hat man mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, wurde am 26. September eigenen Angaben zufolge in Berlin-Charlottenburg bedroht. In Berlin schlugen zudem arabischstämmige Jugendliche einen Rabbiner nieder, und das vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter. In Bayern wurden zwei jüdische Frauen Opfer eines rassistischen Überfalls - wegen eines Davidsterns besprühte ein 23-Jähriger die zwei Frauen mit Reizgas. In Ungarn hat der Antisemitismus auch politische Dimensionen. Jobbik, immerhin die drittgrößte Partei Ungarns, fordert die Registrierung von Menschen mit jüdischer Abstammung. Die  Begründung: Juden stellten ein nationales Sicherheitsrisiko dar. Jobbik verfügt sogar über einen militärischen Arm - die "nationale Garde". Die Zahl der Übergriffe hat sich dementsprechend gehäuft – jüdische Friedhöfe wurden geschändet, ein früherer Oberrabbiner wurde auf offener Straße attackiert. Aber auch die Proteste dagegen nehmen zu. Mit gelben Sternen machen sich empörte Ungarn Luft über ihren Ärger. In der Slowakei wird die Ablehnung gegenüber Juden auch offen gelebt – laut einer Umfrage meint fast die Hälfte der Befragten, dass Juden zu viel Macht und Einfluss auf Politik und Wirtschaft in der Slowakei hätten. Besonders erschreckend zeigte sich Judenhass im vergangenen Jahr in Frankreich: Vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschoss der Attentäter Mohamed Merah drei Kinder und einen Rabbi – und zuvor drei  Soldaten nordafrikanischer Herkunft. Er wurde von der Polizei erschossen. Die Folge in der Grande Nation: Immer mehr französische Juden wandern aus – nach Israel.
(kurier) Erstellt am
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