Politik 24.07.2012

"Israel-Kritik oft Entlastung der Täter von damals"

© Bild: JMW/Sonja Bachmayer

Der Kommunikationswissenschafter Maximilian Gottschlich im KURIER-Interview über die neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Israel behandelt die Palästinenser genau so schlecht wie die Nazis einst die Juden, glauben 42 % der Österreicher. Hinter Kritik an Israel steckt alter Antisemitismus und Abwälzen eigener Schuld.

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass zieh Israel der Absicht, mit einem kriegerischen Erstschlag das iranische Volk „auslöschen" zu wollen. Seither wogt – wieder einmal – die Debatte, wie viel Antisemitismus in Kritik an Israel verpackt ist. Ein brandneues Buch des Kommunikationswissenschafters Maximilian Gottschlich beschäftigt sich genau mit diesen neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus.

KURIER: Herr Professor, darf man Israel kritisieren, ohne als antisemitisch zu gelten?
Maximilian Gottschlich: Israel darf man natürlich kritisieren wie jeden anderen Staat. Nur wird unter dem Titel der Israel-Kritik viel Schindluder getrieben. Es wird oft das Existenzrecht Israels infrage gestellt und versucht, vermeintliche Fehler israelischer Regierungen als Begründung gegen den Staat Israel selbst zu wenden. Grass und andere dämonisieren Israel als Kriegstreiber und sprechen wirkliche Kriegstreiber wie den Iran von Schuld frei. Diese klassische Täter-Opfer-Umkehr ist für den neuen Antisemitismus nach Auschwitz typisch. Man darf ja nicht vergessen, dass Israel von totalitären Regimen umgeben und von radikalem Islamismus bedroht ist. Der alte europäische Antisemitismus verbindet sich mit dem islamistischen Antizionismus. So getarnt tritt der Antisemitismus als demokratisch legitime Meinung auf , nach dem Motto: Man wird ja noch Israel kritisieren dürfen. Aber Antisemitismus ist keine demokratisch legitime Meinung, die man haben kann oder nicht, sondern der Antisemitismus ist eine tödliche Bedrohung für Juden. Wozu betreiben wir ein Holocaust-Gedenken, wenn wir in der Realpolitik der Gegenwart daraus nicht die Lehren ziehen?

Für viele Juden in der Welt ist die Existenz Israels eine Lebensversicherung, wie Sie schreiben. Warum?
Weil Israel im Sinne Theodor Herzls die einzige Heimstatt für Juden ist, wo sie sicher leben können. Im Notfall können sie, wo immer sie leben, die Koffer packen und nach Israel gehen. Die Geschichte hat sie gelehrt, dass sie sich nicht sicher fühlen können, ob die Mehrheitsgesellschaft nicht doch wieder in den Juden einen Sündenbock sieht.

Der israelische Gesandte in Berlin hat Grass` Kritik so gedeutet: Es sei europäische Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Ist in Israel-Kritik noch christlicher Antisemitismus verpackt?
Die Interpretation des Gesandten scheint mir zu weitgehend. Aber ich glaube auch, dass die 2000-jährige Geschichte der christlichen Judenverfolgung nachwirkt, auch wenn wir mittlerweile in einem sehr säkularen Zeitalter leben. Die alten Grundmuster, dass die Juden für vieles Elend in der Welt schuld gemacht werden, wirken nach. Zwar glauben nur mehr neun Prozent der Österreicher, dass die Juden schuld am Tod von Jesus sind, aber immerhin 15 Prozent sagen heute noch, dass „die Auflösung kultureller und sittlicher Werte in erster Linie jüdischem Einfluss" zu verdanken ist.

Laut Ihrer Studie stimmen 42 % der Österreicher der These zu: Was Israel mit den Palästinensern macht, ist nicht anders als das, was die Nazis mit den Juden machten.
Dass dieser Vergleich überhaupt gezogen wird, ist absurd genug. Dahinter steht eine typische Strategie der psychischen Entlastung. Wenn es gelingt, den Opfern und deren Nachkommen Schuld zuzuschreiben, indem man sagt, ihr seid auch nicht besser als die Täter von damals, entlastet man sich selbst vom Gewicht der historischen Verantwortung. Wenn man den Opfern von damals, repräsentiert durch den Staat Israel, unterstellt, dass sie genau so schlecht sind wie die Nazis, führt das zu einer Einebnung des moralischen Gefälles zwischen Opfern und Tätern. Das ist der Kern des Antisemitismus in der Israel-Kritik. Günter Grass hat als ehemaliges SS-Mitglied möglicherweise auch dieses Bedürfnis, zu lange verschwiegene Schuld auf Israel zu projizieren.

Maximilian Gottschlich spürt den neuen Formen des Antisemitismus nach: „Die große Abneigung“, erschienen im Czernin-Verlag, März 2012

 

 

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Erstellt am 24.07.2012