Risikobild 2026: Österreich ist so gefährdet wie noch nie
"Die Erhöhung der umfassenden Verteidigungsbereitschaft in Österreich ist kein Selbstzweck, sondern eine bewusste Reaktion auf die gewachsenen Bedrohungslagen", sagt Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) bei der Präsentation des "Risikobilds 2026" – und macht klar: Der Titel der jährlichen Publikation des Verteidigungsministeriums (BMLV) käme auch ohne Fragezeichen aus.
"Ende der Ordnung?" heißt der 298 Seiten umfassende Bericht, der sich der geopolitischen Lage annimmt und auch Ableitungen für Österreich vornimmt. "Jetzt geht es darum, Antworten auf die Neuordnung der Welt zu finden", sagt Tanner und verweist auf die personellen Probleme im Bundesheer.
Genau hier setzt Generalmajor Erwin Hameseder, Milizbeauftragter des Bundesheeres, an. Es gehe nicht darum, Angst zu machen, sondern darum, Risiken zu vermeiden: Resilienz, Planbarkeit, Personal. Vor allem Personal.
Ein Milizheer, erinnert Hameseder, steht in Österreichs Verfassung – aber es müsse eines sein, das im modernen Gefechtsfeld eine Überlebenschance hat. Niemand solle in einen Einsatz geschickt werden, ohne in eingespielten Einheiten geübt zu haben.
Verpflichtende Übungen und rasche Mobilmachung
Und: Wenn es ernst wird, müsse Österreich innerhalb von Tagen mobilmachen können.
Verpflichtende Milizübungen und ein verlängerter Grundwehrdienst seien daher eine logische Reaktion auf die Umwälzungen der Weltpolitik. Hameseder, der auch der Vorsitzende der Wehrdienstkommission war, die vergangene Woche entsprechende Empfehlungen ausgesprochen hatte, warf noch einmal das Modell "8 + 2" ins Rennen: acht Monate Grundwehrdienst, zwei Monate verpflichtende Milizübungen. Eine Forderung, die auch Tanner unterstützt.
„Recht des Stärkeren“ statt Stärke des Rechts
Generalmajor Ronald Vartok, Leiter der Direktion Verteidigungspolitik und Internationale Beziehungen, präsentierte das Risikobild. "Es zählt nicht mehr die Stärke des Rechts, sondern immer öfter das Recht des Stärkeren", machte er deutlich. Europas Werte – Menschenrechte, Rechtsstaat, Kooperation – seien in der Welt nicht mehr automatisch attraktiv, sondern würden zur Behauptung im Gegenwind.
Und Österreich stehe damit, ob neutral oder nicht, unter einem strategischen Handlungsdruck, den man nicht wegmoderieren könne.
Sieben Kernrisiken
Der Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung
Vartok beschreibt einen Epochenbruch: Die regelbasierte Weltordnung verliert an Bindekraft, bisherige sicherheitspolitische Gewissheiten „fallen weg“. Der Übergang führe „in ein konfrontativeres, multipolares Umfeld, in dem Macht, Druck und schnelle Lagewechsel häufiger sind als verlässliche Regeln“. Das erhöhe die „systemische Ungewissheit“: Krisen greifen leichter ineinander (Sicherheit, Wirtschaft, Energie, Gesellschaft), Vorwarnzeiten werden kürzer.
Vartoks Ableitung: Österreich darf Sicherheit nicht als stabile Rahmenbedingung behandeln, sondern muss sie als aktive, gesamtstaatliche Daueraufgabe verstehen – mit höherer Verteidigungsbereitschaft, Krisenreserven und robuster Entscheidungsfähigkeit. Zugleich werde Zusammenarbeit mit werteähnlichen Partnern wichtiger.
Konkurrenz der Mächte und Druck auf Europa
Vartok verortet das Ende der unipolaren US-Führung und den Übergang zu einem „konfrontativen Multipolarismus“. USA, Russland und China verfolgen ihre Interessen härter, er beschreibt die Lage als „imperialistischer“ und „darwinistischer“. Europa laufe Gefahr, zwischen den Machtzentren eingehegt zu werden – politisch, militärisch und geoökonomisch – und in Schlüsselentscheidungen nur begrenzt mitgestalten zu können. Zusätzlicher Stressfaktor: stärker „egoistisch“ ausgerichtetes US-Handeln und damit weniger Planbarkeit. Das erhöhe den Druck auf die europäische Geschlossenheit.
Vartoks Ableitung: Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit steigern und strategische Autonomie (Handlungs- und Krisenmanagement) ausbauen. Österreich solle sich aktiv einbringen, statt von außen getrieben zu werden.
Russlands Krieg in der Ukraine und dessen Folgen
Im Risikobild wird die Konfrontation zwischen Russland und der EU als Top-Risiko 2026 geführt: Der andauernde Ukrainekrieg hat Europas Sicherheitslage „massiv verschärft“, eine direkte Konfrontation Russland–NATO oder eine Ausweitung des Krieges bleibt möglich.
Die Folgen reichen über Europa hinaus (Energie-, Wirtschafts- und sicherheitspolitische Kettenreaktionen) und schlagen auf Österreichs Handlungsfähigkeit durch. Vartok betont dabei, dass etwa ein Luftschlag auf Österreich in puncto Schadensschwere immens sei, die Eintrittswahrscheinlichkeit aus Sicht des BMLV jedoch aktuell nicht als „hohes Risiko“ bewertet werde. Ableitung: Europa muss militärische Handlungsfähigkeit und Resilienz weiter verbessern.
Krieg und Krisen rund um Europas Außengrenzen …
Als weiteres Top-Risiko nennt das Verteidigungsministerium eine anhaltende Instabilität in Europas Umfeld – besonders im Nahen und Mittleren Osten, „beidseits des Roten Meeres“ sowie in Nordwestafrika. Diese Krisenräume sind Treiber für Folgeeffekte, die Europas und Österreichs Sicherheit direkt berühren – von der Verschlechterung der regionalen Sicherheitslage bis zu Druck auf europäische Außen- und Innenpolitik.
Ableitung: Österreich solle sich im EU-Rahmen für koordiniertes Handeln einsetzen und – wo Mandate vorliegen – an Stabilisierungsmissionen, Beratung, Training und Unterstützung mitwirken, um Resilienz in Partnerstaaten zu stärken. Ohne Stabilisierung im Umfeld wachse die Ungewissheit in Europa.
… und deren direkte Folgen für Österreich
Illegale Migration ist die direkte Folge einer Instabilität um Europa. Zugleich betont das Risikobild, dass Migration in hybriden Szenarien auch gezielt „eingesetzt“ werden kann – als Druckmittel gegen Politik, Verwaltung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Ableitung: Österreich brauche zweigleisig mehr Handlungsfähigkeit – erstens EU-weit bessere gemeinsame Lösungen im Migrationsmanagement, zweitens Prävention durch Stabilisierungsmissionen, Entwicklungszusammenarbeit sowie Beratung und Training in den jeweiligen Herkunfts- und Transitregionen. Damit könne der Druck von außen seltener zum innenpolitischen Stressfaktor werden und die Erpressbarkeit sinke.
Symbolbild
Cyber- und kognitive Kriegsführung gegen die Gesellschaft
Vartok betont, dass neben militärischen Risiken neue Bedrohungsformen stärker wirken: nachrichtendienstliche Aktivitäten, kognitive Kriegsführung und gezielte Informationsbeeinflussung. Kognitive Kriegsführung beschreibt das Risikobild als koordinierte Maßnahmen, die Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit von Menschen, Institutionen und Bevölkerungen manipulieren – um den Gegner ohne offene Kampfhandlungen zu schwächen. Dazu kommen Cyber-Angriffe als Teil hybrider Kriegsführung: oft schwer zuzuordnende Operationen im Informationsraum. Ableitung: gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge, Schutz kritischer Infrastruktur, bessere Lagebilder und Abwehr im Informationsraum sowie Stärkung der geistigen Landesverteidigung.
Wirtschaftlicher Protektionismus und dessen Folgen
Vartok hebt wirtschaftlichen Druck als sicherheitspolitische Bedrohung hervor: Protektionismus und die „Nutzung von Abhängigkeiten als Waffe“ gefährden Europas industrielle Basis und erhöhen das Risiko einer Wirtschaftskrise; damit verbunden ist die Gefahr einer Deindustrialisierung – für exportorientierte Staaten wie Österreich besonders spürbar. In einer konfrontativen Weltordnung werden Lieferketten politisiert und Wohlstand wird direkter von Sicherheitsfragen abhängig.
Ableitung: mehr strategische Autonomie auch ökonomisch – robuste Schlüsselindustrien, Diversifizierung und kooperative, faire Handelsmodelle. Ziel ist weniger Verwundbarkeit durch ökonomische Hebel und damit mehr Handlungsfreiheit.
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