Politik | Ausland
24.05.2017

Manchester: Polizei geht von Netzwerk rund um den Attentäter aus

Am Mittwoch kam es in Manchester zu drei weiteren Festnahmen. Aber noch immer liegen die Kontakte Abedis zum IS im Dunklen. Hinweise könnten seine Reisen nach Syrien liefern.

  • Bei dem Selbstmordanschlag auf ein Konzert in der Manchester Arena wurden am späten Montagabend 22 Menschen getötet, darunter mehrere Kinder; insgesamt wurden 64 Personen verletzt, 20 davon sind noch immer in einem kritischen Zustand.
  • Bei der Terrorattacke ist auch eine Polizistin ums Leben gekommen. Die Frau sei privat beim Konzert gewesen
  • Die Polizei nahm am Mittwoch drei weitere Männer in Gewahrsam. Bei dem bereits am Dienstag festgenommenen 23-jährigen Mann soll es sich um den Bruder des mutmaßlichen Attentäters Salman Abedi handeln.
  • Abedi soll den Sicherheitsbehörden bekannt gewesen sein – und sich vor wenigen Tagen noch in Libyen aufgehalten haben. Laut Informationen des französischen Innenministers war der 22-Jährige auch in Syrien.
  • Als Reaktion auf den Anschlag wurde im Vereinigten Königreich die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Soldaten können nun die Polizei im Land unterstützen.
  • Der IS bekannte sich zu dem Anschlag – ob und wie genau der Kontakt zu Abedi aussah, ist jedoch unbekannt.
  • Die Polizei geht inzwischen eindeutig von einer Unterstützergruppe rund um den Attentäter von Manchester aus.

Der Liveticker zum Nachlesen


Es war der 22. März, als der IS-Anhänger Khalid Masood mit einem Mietauto Richtung britisches Unterhaus raste und fünf Menschen in den Tod riss. Am Tag genau zwei Monate nach dem ersten Anschlag auf britischem Boden seit 2005 erschütterte England nun der nächste Terrorakt. Nach einem Konzert der US-Sängerin Ariana Grande zündete der 22-Jährige Salman Abedi eine Bombe, die nach neuesten Erkenntnissen auch mit Nägeln präpariert war. 22 Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche starben, 64 wurden verletzt.

Reportage aus Manchester: "Wir müssen zusammenstehen"

"Der Selbstmordattentäter hat das größtmögliche Blutbad anrichten wollen", sagte die britische Premierministerin Theresa May, die auch zwei Tage nach dem Anschlag noch keine Entwarnung für das gebeutelte Land geben konnte. Noch am Dienstagabend wurde die Terrorwarnstufe erstmals seit 2007 auf "kritisch" angehoben. Dies bedeute, dass ein weiterer Anschlag unmittelbar bevorstehen könne, sagte May. Zusätzlich zu den Polizeikräften werden deshalb auch 3.800 Soldaten eingesetzt, um Polizisten zu entlasten, damit diese Kontrollgänge und Ermittlungen vornehmen können.

Hatte Abedi Helfer?

Denn dass Abedi alleine gehandelt hat, davon gingen die Behörden am Mittwoch nicht aus. Die Ausführung des Anschlags sei "anspruchsvoller gewesen als einige der Anschläge, die wir davor erlebt haben", sagte Innenministerin Amber Rudd, die zudem einräumte, dass Abedi den britischen Sicherheitsbehörden bereits vor der Tat bekannt gewesen sei.

Am Tag zwei nach der schwersten Terrorattacke in Großbritannien seit fast zwölf Jahren, konnte die Polizei indes weitere Erfolge vermelden. Nachdem noch am Dienstag ein 23-jähriger Verdächtiger festgenommen wurde – laut britischen Medienberichten handelt es sich dabei um den Bruder von Abedi – wurden am Mittwoch drei weitere Männer in Gewahrsam genommen. Genauere Hintergründe wurden jedoch noch nicht bekannt gegeben.

Die britischen Polizei geht inzwischen eindeutig von einer Unterstützergruppe rund um den Attentäter von Manchester aus. „Ich glaube, es ist ganz klar, dass es sich um ein Netzwerk handelt, dem wir nachgehen“, sagte der Polizeichef von Manchester, Ian Hopkins, am Mittwoch. Zuvor hatten bereits die britische Premierministerin Theresa May und Innenministerin Amber Rudd Andeutungen in diese Richtung gemacht - allerdings nicht in dieser Deutlichkeit.

Der Anschlag war die schwerste Terrorattacke in Großbritannien seit fast zwölf Jahren. Am 7. Juli 2005, als insgesamt vier „Rucksackbomben“ in der Londoner U-Bahn und einem Doppeldeckerbus explodierten, kamen 56 Menschen ums Leben. Damals hatten sich vier Selbstmordattentäter in drei U-Bahn-Zügen und einem Doppeldeckerbus in London in die Luft gesprengt und 52 Menschen mit in den Tod gerissen sowie 700 verletzt.

Ist der IS verantwortlich?

Für sich reklamiert wurde das Attentat von Manchester von der Extremistenorganisation "Islamischer Staat" (IS). Ungereimtheiten in deren Angaben ließen jedoch Zweifel aufkommen, ob sie wirklich verantwortlich ist. In der Vergangenheit hatten sich einige IS-Bekenntnisse als falsch erwiesen. Auch Rudd betonte, die Verbindung zum IS müsse erst untersucht werden.

Über den Attentäter gibt es noch wenig offziell bestätigte Informationen. Angaben der britischen Behörden zufolge soll er libysche Wurzeln haben. Demnach wurde er als Sohn libyscher Einwanderer 1994 in Großbritannien geboren, er wuchs in Manchester, wo er auch studierte, auf. Seine Familie soll sehr religiös gewesen sein und sich in einer Moschee der Stadt engagiert haben. Der Times zufolge war er erst kürzlich aus Libyen zurückgekehrt. US-Angaben zufolge soll er vor dem Anschlag mit dem Zug von London nach Manchester gereist sein.

Wie am Mittwoch über den Umweg über den französischen Innenminister Gérard Collomb bekannt wurde, soll der 22-Jährige vor der Tat auch nach Syrien gereist sein. Inwieweit und in welcher Form er dort in Kontakt mit der Terrormiliz IS kam, ist jedoch nicht bekannt.

Trotz und Trauer der "Mancunians"

Indes gedachten im Zentrum Manchesters am Dienstagabend Tausende "Mancunians", wie die Bewohner der alten Industriestadt in England genannt werden, der Opfer. "Es sind schwere Zeiten auf den Straßen unserer Stadt, aber wir werden uns nicht unterkriegen lassen", sagte der örtliche Dichter Tony Walsh: "Und wir wollen euer Mitleid nicht, weil dies der Ort ist, an dem wir stark zusammenzustehen, mit einem Lächeln im Gesicht."

Auch die EU-Institutionen gedachten der Opfer. Die Europäische Kommission hielt vor ihrer wöchentlichen Sitzung am Mittwoch eine Schweigeminute ab. EU-Kommissar Günther Oettinger betonte: "Diese verabscheuungswürdigen Attacken werden unsere Anstrengungen gegen den Terrorismus zu kämpfen, nur verstärken". Das Europäische Parlament will um 15.00 Uhr, im Beisein der britischen Botschafter für die EU und Belgien, eine Schweigeminute abhalten.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und der slowenische Präsident Borut Pahor verurteilten den Anschlag in einer gemeinsamen Erklärung als "grausame und hinterhältige Terror-Attacke". "Es war ein barbarischer Angriff auf unschuldige Opfer", hieß es in der Erklärung, die sie am Mittwoch in Ljubljana verlasen. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) erinnerte während eines Besuchs in Ägypten angesichts der "furchtbaren Ereignisse" von Manchester daran, "wie nahe uns das Problem des Terrorismus gerückt ist".

Mit Material der dpa und apa

Islamistischer Terror in Europa seit 9/11

22. Mai 2017: Bei einem Sprengstoffattentat auf die Besucher eines Popkonzerts in Manchester kommen 22 Konzertbesucher und der Attentäter ums Leben, 59 werden verletzt.

20. April 2017: Ein IS-Anhänger schießt auf Polizisten auf dem Pariser Champs-Élysées. Ein Toter, zwei Verletzte.

7. April 2017: Ein 39-jähriger Usbeke rast mit einem LKW in eine Stockholmer Einkaufsstraße. Vier Tote, 15 Verletze.

22. März 2017: Der IS-Anhänger Khalid Masood rast mit einem Mietauto in Richtung britisches Unterhaus in London und versucht, dieses zu stürmen. Fünf Tote, unter ihnen der Angreifer, 41 Verletzte.

18. März 2017: Versuchter Anschlag auf den Flughafen Paris-Orly durch einen 39-jährigen Islamisten, der bei seinem Angriff auf Soldaten am Flughafen eine Person verletzt und dabei getötet wird.

9. Dezember 2016: Anschlag mit einem LKW auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche durch den IS-Terroristen Anis Amri. Zwölf Tote, 56 Verletze.

6. August 2016: Anschlag im belgischen Charleroi: Ein IS-Anhänger geht mit einer Machete auf Polizisten los und verletzt zwei von ihnen, bevor er erschossen wird.

26. Juli 2016: Zwei IS-Anhänger nehmen in der Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray während einer Messe mehrere Geiseln und töten den Priester. Sie werden beim Verlassen der Kirche erschossen.

24. Juli 2016: Sprengstoffanschlag auf ein Musikfestival im bayerischen Ansbach. Die mit Metallsplittern versetzte Rucksackbombe des IS-Anhängers Mohammad Daleel tötet den Attentäter und verletzt 15 weitere Menschen.

18. Juli 2016: Axt-Angriff in einer Regionalbahn bei Würzburg durch den 17-jährigen IS-Sympathisanten Muhammad Riyad. Ein Toter (Attentäter), fünf Verletzte.

14. Juli 2016: Mohamed Lahouaiej Bouhlel rast mit einem LKW auf die Strandpromenade in Nizza, tötet 85 Passanten und verletzt 303 weitere, bevor er erschossen wird.

13. Juni 2016: Messerangriff auf das Polizeikommissariat in Magnanville. Zwei Polizeiangehörige und der Angreifer werden getötet.

22. März 2016: Die Terroranschläge auf den Flughafen und in einer Metrostation in Brüssel durch den IS fordern 38 Todesopfer, 340 Menschen werden verletzt.

18. November 2015: Islamistisches Attentat in Sarajevo. Zwei Tote, fünf Verletzte.

13. November 2015: Anschlagsserie in Paris: Bei Anschlägen auf die Konzert-Location "Bataclan", vor dem Stade de France und auf mehrere Cafés kommen 130 Menschen ums Leben, 352 weitere werden verletzt.

17. September 2015: Messerattacke auf Polizisten in Berlin. Der Angreifer stirbt, ein Verletzter.

26. Juni 2015: Anschlag auf die Produktionsanlage für Industriegase von Saint-Quentin-Fallavier. Der Täter enthauptet seinen Chef und bringt mehrere Gasflaschen zur Explosion, wobei zwölf Menschen verletzt werden. Er bestritt einen islamistischen Hintergrund und erhängte sich in der U-Haft.

27. April 2015: Islamistisches Attentat auf die Polizeistation in Zvornik (Bosnien-Herzegowina). Ein Toter, zwei Verletzte.

14. Februar 2015: Anschläge in Kopenhagen auf eine Diskussionsveranstaltung zur Thematik Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit und die Synagoge. Drei Menschen, unter ihnen der Attentäter Omar Abdel Hamid El-Hussein kommen ums Leben, fünf weitere werden verletzt.

9. Jänner 2015: Geiselnahme in Paris in einen koscheren Supermarkt an der Porte de Vincennes. Vier Tote.

7. Jänner 2015: Terroristen der al-Qaida auf der arabischen Halbinsel verüben einen Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Paris. Zwölf Tote.

20. Dezember 2014: Messerattacke in der Polizeistation in Joué-lès-Tours durch einen ehemaligen Rap-Musikers. Ein Toter (der Angreifer), drei Verletzte

24. Mai 2014: Anschlag auf das Jüdische Museum von Belgien in Brüssel. Vier Tote.

2. März 2011: Mordanschlag auf US-Soldaten am Frankfurter Flughafen. Zwei Tote, zwei Verletzte.

11. Dezember 2010: Bombenanschlag in Stockholm. Ein Toter (der Attentäter), zwei Verletzte.

27. Juni 2010: Anschlag auf die Polizeistation in Bugojno (Bosnien-Herzegowina ). Ein Toter, sechs Verletzte.

30. Juni 2007: Versuchter Anschlag auf den Internationalen Flughafen Glasgow. Ein Toter (der Attetntäter), fünf Verletzte.

7. Juli 2005: Anschläge auf die öffentlichen Verkehrsmittel in London. 56 Tote, 700 Verletzte.

11. März 2004: Zehn Explosionen in den Personenwagen von Madrider Vorortzügen töten 191 Menschen und verletzen 2051 weitere.