Iran-Krieg: Werden die Kurden wieder zum Kanonenfutter der USA?

Die CIA soll iranische kurdische Milizen im Irak bewaffnen. Sollen sie die Vorhut für Bodentruppen bilden? Der Plan wäre nicht ohne Risiko.
Der Iran bombardierte das Hauptquartier einer iranisch-kurdischen Oppositionsgruppe  im irakischen Kurdistan.

Die in Europa bekannteste iranische Kurdin ist wohl Jina Mahsa Amini. Als sie im Herbst 2022 von der Sittenpolizei festgenommen wurde, weil angeblich ihr Hidschab nicht korrekt saß, und danach so brutal misshandelt wurde, dass sie daran starb, antwortete die Bevölkerung mit monatelangen Massenprotesten auf den Straßen – ähnlich große wie nun im Jänner.

Amini war eine der über neun Millionen Kurden, die im Iran leben, rund ein Zehntel der iranischen Bevölkerung. Sie leben überwiegend im Nordwesten des Irans, an der Grenze zum Irak und zur Türkei, oder sind vor Diskriminierung und Repression geflohen – in die Berge auf der Seite des Iraks. Genau diese Gruppen sollen die USA Berichten zufolge bewaffnen – und zwar laut CNN bereits seit Monaten, um einen Aufstand gegen das Mullah-Regime anzuzetteln.

Der Plan ist nicht ohne eine gewisse Tragik: Erst vor wenigen Wochen hat Washington den Abzug der verbliebenen, in Syrien stationierten US-Soldaten begonnen, die dort einst gemeinsam mit den Kurden den Islamischen Staat bekämpft hatten. Damit verlor die kurdische Autonomieregion in Syrien ihren Schutzpatron; die Milizen sollen in die Einheiten des islamistischen Machthabers Ahmed al-Sharaa eingegliedert werden, den neuen Günstling Donald Trumps. Auch die kurdischen Peschmerga im Nordirak unterstützen die USA mit Waffen und Ausbildung im Kampf gegen den IS.

Der US-Präsident soll am Dienstag persönlich mit Mustafa Hijri, dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (KDPI), der ältesten kurdischen Oppositionspartei, über verstärkte Hilfe der USA telefoniert haben. Eine Reaktion des Irans folgte prompt – mit Luftangriffen auf die Kurdenregion im Irak.

Der Iran bombardierte das Hauptquartier einer iranisch-kurdischen Oppositionsgruppe  im irakischen Kurdistan.

Der Iran bombardierte das Hauptquartier einer iranisch-kurdischen Oppositionsgruppe  im irakischen Kurdistan.

Zusammenschluss

Die Exil-Kurden aus dem Iran im Irak dürften mit dem Krieg längst gerechnet haben: Bereits eine Woche vor den amerikanischen und israelischen Angriffen haben sich mehrere kurdisch-iranische Gruppierungen im Nordirak zusammengeschlossen, sie sollen an der Grenze gemeinsam trainieren. Ein Unikum: Bisher waren die ideologischen Differenzen untereinander zu groß gewesen, um gemeinsam zu kämpfen.

Einer, der den Schulterschluss sofort verurteilte, war Schah-Sohn Reza Pahlavi, er warnte vor den separatistischen Intentionen der kurdischen Gruppen.

Wie die iranische Opposition sind auch die kurdischen Gruppen im Irak und im Iran zersplittert und misstrauen einander, unterstellen sich gegenseitig, mit dem Feind zu kooperieren. Die meisten iranischen kurdischen Milizen kämpfen jedoch nicht für einen eigenen Staat, sondern mehr Autonomie und Selbstbestimmung innerhalb der Nationalstaaten.

Im Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre hat das Mullah-Regime irakische Kurden im Kampf gegen Saddam Hussein unterstützt, und genauso umgekehrt. Auch die türkische kurdische Untergrundorganisation PKK wurde vom Iran unterstützt. Die Regionalregierung der irakischen semiautonomen Region Kurdistan wiederum arbeitet mit der Türkei und Teheran zusammen. Sie hat am Donnerstag jegliche Beteiligung an Plänen zur Bewaffnung kurdischer Gruppen dementiert. Beobachter widersprechen: Eine heimliche Bewaffnung sei nur möglich mit Unterstützung oder zumindest Tolerierung der irakischen Kurden.

Kurdische Peshmerga bei einer Parade während einer Abschlussfeier in Erbil, der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region im Norden des Irak.

Kurdische Peshmerga bei einer Parade während einer Abschlussfeier in Erbil, der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region im Norden des Irak.

Strippenzieher Netanjahu

Treibende Kraft hinter den Bemühungen, die Kurden einzuspannen, soll laut Medien Israels Premier Benjamin Netanjahu gewesen sein. Bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus soll er detaillierte Pläne vorgetragen haben, so das Nachrichtenportal Axios. Israel sieht in der kurdischen Bevölkerung in der Region seit jeher potenzielle Kooperationspartner in Konflikten mit den überwiegend arabischen, islamischen Nachbarstaaten, etwa auch in Syrien.

Unklar ist noch, welches Ziel die USA mit der Bewaffnung der kurdischen Truppen forcieren. Sollen sie als Vorhut für eigene Bodentruppen dienen – die Trump nicht ausgeschlossen hat –, eine neue Front eröffnen und iranische Sicherheitskräfte binden? Dafür würden die jüngsten Angriffe Israels auf iranische Militär- und Polizeiposten entlang der Grenze zum Irak sprechen, um den Boden für einen möglichen Vormarsch zu bereiten. Beobachter halten es für möglich, dass dort dann eine Art Pufferzone entstehen könnte, von der aus Israel und die USA den Iran weiter bombardieren könnten.

Dass die kurdischen Kämpfer dafür ausreichen, ist unwahrscheinlich. Ein Bericht der US-Militärakademie West Point sprach 2017 von bis zu 5.500 Kämpfern – im Vergleich zu den Hunderttausenden Soldaten der iranischen Revolutionsgarden. Zudem würde die persische Bevölkerungsmehrheit des Iran eine bewaffnete kurdische Offensive kaum unterstützen.

Ein Sicherheitsexperte hält es gegenüber CNN auch für möglich, dass die USA darauf hoffen, dass eine Offensive der Kurden der Zünder für neue Proteste gegen die Mullahs sei. Das Vorhaben ist extrem riskant – nach dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Proteste im Jänner mit laut iranischen Angaben über 30.000 Toten (laut NGOs weitaus mehr) dürften die Mullahs diesmal noch weniger davor zurückschrecken, die eigene Bevölkerung zu massakrieren. Im schlimmsten Fall droht der Plan, den Irak in den Krieg hineinzuziehen, oder einen Bürgerkrieg zwischen den kurdischen Gruppen zu schüren.

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