Iran-Experte: "Befürchte, dass wir langen Bürgerkrieg erleben werden“
Ali Khamenei, der Oberste Führer und Kopf des Mullah-Regimes, war längst tot, noch bevor die iranischen Gegenangriffe am Samstag begannen. Für einen Zerfall des Regimes gibt es trotzdem nach wie vor keine Anzeichen. Wie kann es weiter so koordiniert agieren?
„Es spricht viel dafür, dass sich die iranische Führung und das Militär auf alle Eventualitäten vorbereitet und auf mehreren Ebenen Nachfolgeregelungen etabliert haben“, sagt Florian Schwarz, Iran-Experte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum KURIER. „Schließlich war absehbar, dass ein Militärschlag der USA und Israels bevorsteht – und wer dessen Ziel sein könnte.“
Khameneis Nachfolge sei in der Verfassung klar geregelt: Vorerst führt ein Übergangsrat das Land, bestehend aus Präsident Masud Peseschkian, Justiz-Chef Gholamhossein Mohseni-Ejei und Wächterratsmitglied Alireza Arafi. „Sie regieren so lange, bis ein Nachfolger ernannt ist.“ Weil zur Ernennung eines neuen Obersten Führers aber erst ein 88-köpfiges Geistlichen-Gremium tagen müsse, sei damit „möglicherweise nicht sehr bald zu rechnen“. Das oberste Ziel des Regimes sei laut Schwarz, „dass der Staat diese Krise um jeden Preis übersteht“.
Bis die Raketen ausgehen
Der 65-jährige Geistliche Arafi war im Ausland bislang weitgehend unbekannt, „aber er hat beste Kontakte zu verschiedenen staatlichen Institutionen und steht auch den Revolutionsgardisten nahe“, sagt Homayoun Alizadeh, ehemaliger leitender Funktionär des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte. Auch er glaubt, dass das Regime gut vorbereitet gewesen ist – und noch fest im Sattel sitzt.
Fraglich sei nur, wie lange: „Eines Tages werden ihnen die Raketen ausgehen. Und der Iran hat keine andere Verteidigungsmaschine. Eine Luftwaffe existiert eigentlich nicht und die USA haben schon einige Schiffe der Marine versenkt.“
Militärputsch?
Dann gibt es mehrere Möglichkeiten: „Die militärischen Angriffe könnten außer Kontrolle geraten und einen Flächenbrand in der Region auslösen. Im Iran befürchte ich, dass wir einen langen Bürgerkrieg erleben werden.“ Ein weiteres Szenario: Die Revolutionsgardisten – der größte militärische und wirtschaftliche Machtfaktor im Land – putschen und verdrängen die Geistlichen von der Machtposition. Auch in diesem Fall wäre der Ausgang ungewiss und hänge davon ab, ob sich Hardliner oder gemäßigtere Kräfte durchsetzen: „Es könnte eine Militärdiktatur entstehen“, so Alizadeh, „eine Art zweites Nordkorea in der Region. “
Dass die Iraner – wie von US-Präsident Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu gefordert – auf die Straße gehen und das Regime stürzen, hält er aktuell für ausgeschlossen. „Die Städte werden bombardiert. Keiner kommt auf den Gedanken, zu protestieren.“
Dazu kommt, dass es laut Schätzungen immer noch über acht Mio. Regime-Anhänger gibt, davon zwei Mio. bewaffnete, etwa die Basidsch-Milizen, die die jüngsten Proteste Anfang Jänner brutal niedergeschlagen haben.
Eine klare Führungsfigur, die übernehmen könnte, sieht Alizadeh nicht. Die Führer der Opposition sitzen in den iranischen Gefängnissen. Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, habe zwar im Ausland viel Unterstützung, „aber im Land selbst keine reale politische Macht“.
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