Tanzen. In Teheran. Auf der Straße - unfassbar

Die Kabarettistin, Autorin, Schauspielerin und KURIER-Kolumnistin Aida Loos wurde in Teheran geboren und kam mit vier Jahren nach Wien. Hier ein sehr persönlicher Text zu den Entwicklungen im Iran.
Aida Loos - FILTERLOOS

Es ist Samstagnacht und Khamenei ist tot. Ich sitze auf meiner Couch und weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Das ist das Problem mit historischen Momenten: Sie passieren, und man hat nichts in den Händen. Ich kann auch nicht schlafen. Ich will nicht schlafen, weil ich Angst habe, aufzuwachen und es wird nicht mehr wahr sein. Das ist das Ungeheuerliche: Bei schlechten Nachrichten hofft man, dass man aufwacht und sie weg sind. Bei guten Nachrichten fürchtet man es.

Ich gehe in die Küche und koche Reis. Mitten in der Nacht. Immer, wenn ich nicht weiter weiß, mache ich Reis. Wenn ich weiter weiß, auch. Erst wasche ich den Reis. Wasser rein. Wasser raus. Bis der Reis klar wird. Khamenei ist tot. Wasser rein. Ich erreiche meine Familie in Teheran wieder nicht. Wasser raus. Heute wird er nicht klar. Heute Nacht wird nichts klar.

Ich denke an die Demo, auf der ich vor genau drei Wochen war. In einer Stadt, die München hieß und Teheran war. Für einen ganzen Tag. Zweihundertfünfzigtausend Menschen liefen bei Regen in eine Richtung, und diese Richtung hieß: Zukunft, auch wenn sie geografisch zur Theresienwiese führte. Nicht leise, nicht dankbar, nicht in jener geduckten Haltung, die Europa so gerne sieht bei seinen Zugereisten, sondern aufrecht und laut und in einer Anzahl, bei der die Theresienwiese aufhörte, ein Platz zu sein, und anfing, eine Aussage zu werden.

"Beeilt euch!"

Neben mir stand eine Frau, Lippenstift rot wie ein Alarmsignal, das niemand ernst genommen hatte und einer Sonnenbrille so groß, dass die gesamte Diaspora dahinter Platz gehabt hätte. Sie hielt ein Schild hoch. Darauf stand: „Ich bin 1979 gegangen. Ich will 2026 zurückkommen. Beeilt euch.“ Ein „Beeilt euch“ zwischen Resignation und Übermut. Genau da, wo man noch stehen kann, ohne umzufallen. Ich lächelte sie an und sie lachte.

Und in ihrem Lachen lag eine Treue, die weh tat und eine Sehnsucht, die sich vererbt wie Augenfarbe und die Fähigkeit, Reis so zu kochen, dass jedes Korn einzeln steht wie ein Individuum in einer funktionierenden Demokratie. Einem Lachen, das ihren Enkelkindern Farsi beigebracht hat, schlecht, lückenhaft, aber genug, damit sie „Azadi“ rufen können, und sie haben es gerufen, in München, im Regen, mit dem falschen Akzent, und es war das Schönste, was ich je gehört habe.

Ich denke an den Klappstuhl-Mann. Den alten Herrn, Anzug, Krawatte, Stecktuch, Tee. Der sich mitten in den Strom der 250.000 Menschen gesetzt hat, als hätte er einen Tisch reserviert im Restaurant namens „Revolution“. Ist er jetzt auch wach? Hat er seine Teetasse abgestellt? Hat er sein Stecktuch benutzt, zum ersten Mal nicht als Dekoration, sondern als das, wofür es gemacht ist: um Tränen aufzufangen, die zu groß sind für Hände?

Was mich aber am meisten berührte, war dieser eine Gedanke, der durch die Menge wehte wie der Geruch von Ghormeh Sabzi durch das Treppenhaus eines Wiener Altbaus: Was, wenn das hier echt wird? Ein Trailer. Ein Appetithäppchen für ein Iran, das es noch nicht gibt.

Und jetzt, drei Wochen später, frage ich mich, ob die Zukunft zugehört hat. Ob sie in der Menge stand, mit einer Tupperdose Granatapfelkerne, und sich Notizen gemacht hat. Und ob sie jetzt sagt: Gut, ich habe verstanden. Hier ist die Vollversion. Ohne Regen. Ohne Bayern. Mit echtem Teheran.
Ich höre die Sprachnachricht einer Freundin, die nur aus Schreien besteht. 19 Sekunden Schreien, kein Wort, nur Schreien, und es ist die eloquenteste Nachricht, die ich je bekommen habe.

Angst, sich zu freuen

Ich rufe meinen Cousin an, der in Graz lebt, weil ich sehe, dass er online ist. Ich frage ihn: „Glaubst du, wir können bald zurück?“ Stille. Iranische Stille. Die, die lauter ist als Sprechen. Die, in der man die Angst hört, sich zu freuen, weil Freude bei IranerInnen immer auf Bewährung ist, immer vorläufig, immer mit dem Beipackzettel versehen: Kann Spuren von Enttäuschung enthalten.

Dann sagt er: „Ich habe heute meinen Koffer gesucht.“

Nicht: Ich habe gepackt. Sondern: Ich habe den Koffer gesucht. Das ist dosierte Hoffnung. Ein Koffersuchen. Kein Packen. Nur das Wissen, wo der Koffer steht, falls es so weit ist. Die vorsichtigste, behutsamste Euphorie, die ein Mensch haben kann: die Lage des Koffers zu kennen.

Dann: Teheran tanzt auf der Straße. Tanzen. In Teheran. Auf der Straße. Ich muss das dreimal schreiben, weil es dreimal unfassbar ist.

Tanzen ist im Iran seit 1979 eine Sünde. Nicht eine kleine, sympathische Sünde, so wie beim Fasten zu schummeln. Eine staatlich beglaubigte Sünde, ein Akt der Wollust, genauso wie als Frau seine Haare zu zeigen. Ausgerechnet verboten von Männern, die selber Bärte bis zum Bauchnabel tragen. Diese Männer haben siebenundvierzig Jahre lang bestimmt, dass Hüften stillzuhalten haben, dass Musik Teufelszeug ist, dass Freude eine Angelegenheit ist, die man in den eigenen vier Wänden zu erledigen hat, leise, hinter Vorhängen, und jetzt, heute Nacht, tanzen Millionen auf der Straße, und jede Hüfte, die sich bewegt, ist ein neuer Paragraf.

Eine Rechnung, die nicht aufgeht

Ich spüre, wie mein Kopf versucht, eine Rechnung aufzustellen, die nicht aufgeht, die nie aufgehen wird, weil Tod nicht verrechenbar ist, weil jeder Tod der ganze Tod ist, und weil man nicht sagen kann: Diese Toten waren nötig, damit jene Toten aufhören, weil das die Sprache von Generälen ist. Ich bin keine Generälin, ich bin eine Frau, die mitten in der Nacht Reis kocht und nicht weiß, ob sie trauern oder feiern soll und ob man beides gleichzeitig darf und ob gleichzeitig die einzige ehrliche Antwort ist.

Ich weiß nicht, ob die Revolutionsgarden morgen kapitulieren oder in zehn Jahren. Ich weiß nicht, ob Reza Pahlavi ein Übergangspräsident wird oder ein Versprechen, das platzt wie alle Versprechen vor ihm. Ich weiß nicht, ob die Menschen, die gestern durch eine Rakete gestorben sind, den Preis wert waren. Ich weiß nicht, ob man so rechnen darf. Ich weiß nicht, ob man so nicht rechnen darf. Trump hat gesagt, Khamenei sei „einer der bösartigsten Menschen der Geschichte“. Das stimmt. Es stimmt so sehr, dass es wehtut, dass es ausgerechnet Trump sagt, weil Wahrheit aus Trumps Mund ist wie Rosenwasser aus einer Plastikflasche. Ich weiß nur, dass die IranerInnen auf der Straße tanzen und dass Tanzen im Iran seit siebenundvierzig Jahren verboten war und dass dieses Verbot jetzt so tot ist wie der Mann, der es erlassen hat.

Ich wollte, dass sie fallen. Ich wollte es so sehr, dass das Wollen selbst eine Art Organ geworden war, eingebaut in meinen Körper, zwischen Lunge und Leber, ein Organ, das nichts tut als wollen, jahrzehntelang. Dieses Organ wollte aber keine Raketen und nicht noch mehr Blut und freut sich jetzt trotzdem. Und das ist widersprüchlich und schmerzhaft und kompliziert und richtig und falsch und beides gleichzeitig, und das ist – ja. Das ist Iran. Ein Land der Gleichzeitigkeiten. Und jetzt ist gleichzeitig Krieg und Jubel, Raketen und Tanz, Tod und Anfang.

Der Reis ist mittlerweile fertig. Jetzt muss ich ihn nur noch umdrehen und hoffen, dass sich der Tahdig lösen lässt. Tahdig ist die knusprige Reiskruste am Boden des Topfes, und wenn er sich löst, dann knackt es kurz. Dieses Knacken bedeutet: Alles ist gut, und deine Heimat ist essbar. Die Kruste lässt sich lösen. Er ist unter dem Gewicht nicht zerbrochen. Unter der Hitze nicht verbrannt. Unter dem Druck nicht zerfallen.

Ich schaue auf den Tahdig und denke: Das ist Iran. Das ist das Land, das die ganze Zeit unter Druck lag und golden geblieben ist. Das ist die Frau, die in Isfahan auf der Straße tanzt. Das ist der Klappstuhl-Mann mit dem Einstecktuch. Alles Tahdig. Alles golden. Alles ganz. Alles die ganze Zeit da, unter dem Gewicht, unsichtbar, wartend, und jetzt hat jemand umgedreht.

Ob es die richtigen Hände waren, die umgedreht haben, weiß ich nicht. Aber der Tahdig ist golden. 

Und er ist ganz. 

Und das muss für heute reichen.

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