Der kurdische Traum, geplatzt?
Araber feiern die Vorstöße: Im Bild stürzen sie eine Statue der kurdischen Frauenmiliz in ar-Raqqa.
Für Arî Milan waren die vergangenen Wochen eine Tortur – wie für so viele Kurden gerade. Fotos von massakrierten Kämpferinnen; Leichen auf den Straßen; Männern, denen die Augen ausgestochen wurden – man findet die Bilder ihn Telegram-Kanälen, sie werden geschickt von Freunden oder Familienmitgliedern.
2015 ist Milan vor ähnlichen Gräueltaten geflüchtet, den Massakern des IS und dem Folterregime von Baschar al-Assad, der mit Giftgas gegen Zivilisten vorgegangen sein soll. Doch diesmal sind die Verursacher der Bilder jene, die das Regime 2024 gestürzt hatten, die neuen Verbündeten der USA, gleichzeitig aber auch Ex-IS-Kämpfer in ihren Reihen haben: die Truppen von Interimspräsident Ahmed al-Sharaa.
"Seit Monaten reden wir von Dialog, einer friedlichen Lösung für Syrien. Aber die Übergangsregierung hält sich nicht daran. Ihre Gewalt richtete sich erst gegen die Alawiten, dann die Drusen, jetzt gegen die Kurden." Arî Milan arbeitet als Deutschlehrer und ist der österreichische Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung der Region Nord- und Ostsyrien, auch genannt Rojava. Einmal muss er das Gespräch unterbrechen, um zu schlucken. Vergangene Woche organisierte er täglich Abend Demos in Wien, vom Schwedenplatz über den Ring. Bisher hat sich kaum eine Regierung auf der Welt zu den Geschehnissen in Syrien geäußert.
Seit Sturz des Assad-Regimes stand die Autonomie der Kurden im Nordosten Syriens unter Druck: In den ersten Monaten präsentierte sich al-Sharaa, ehemaliges Al-Quaida-Mitglied, verhandlungsbereit, sprach von einem multiethnischen Syrien; es gab Treffen und Abkommen über die Eingliederung der SDF, der von den kurdischen Einheiten dominierten Rebellen, in die Regierungstruppen. Doch stattdessen kam es zu einer militärischen Eskalation.
Die SDF, eine Allianz aus kurdischen (YPG/YPJ) und arabisch stämmigen Milizen, waren engste Verbündete der USA im Kampf gegen den IS in Syrien. Die USA galt zudem als Schutzmacht der seit 2013 errichteten Selbstverwaltungszone (Rojava).
Geschätzt 35 Millionen Kurden leben verstreut in allen Teilen der Welt – ein Volk ohne ethnonationalen Staat. Sie gehören zum Islam, sind Aleviten, Jesiden, Schiiten oder Christen. 2,5 Mio. Kurden leben in Syrien (10 % der Bevölkerung). Die Türkei (15 bis 18 Mio. Kurden) sieht eine kurdische Autonomie als Bedrohung und ging wiederholt militärisch gegen Rojava vor. Die militante und als Terrororganisation eingestufte PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, verübte in der Türkei Attentate; die Türkei sieht die syrischen Milizen YPG/YPJ als PKK-Ableger.
Das Gebiet, in dem die SDF seit über einem Jahrzehnt ihre Autonomie aufgebaut hat, hat sich innerhalb weniger Tage extrem verkleinert. Erst belagerten die Regierungstruppen kurdische Viertel in Aleppo, ließen weder Treibstoff noch Nahrungsmittel oder Medikamente durch. Danach holten sie sich den wichtigen Staudamm am Assadsee und die Ölfelder im Osten des Landes.
Blitzkrieg mit Erlaubnis
Der rasche Vorstoß gelang nur mithilfe der arabischen Stämme, deren Loyalität unter Assad vorübergehend den kurdischen Milizen galt, die nun aber Seite gewechselt haben. Die Türkei – seit jeher ein Feind der Kurden an der türkischen Grenze – unterstützt mit Drohnen und Militär al-Sharaa. Die USA, einst Verbündete der SDF im Kampf gegen den IS, sollen über das militärische Vorhaben informiert gewesen sein. Berichten zufolge will vor allem US-Präsident Donald Trump eine Normalisierung zwischen Syrien und Israel als Erfolg verbuchen können, und habe dafür al-Sharaas Vormarsch gebilligt. Die Israelis, die in der nicht-arabischen Minderheit lange einen Partner im Nahen Osten sahen, äußerten sich nur begrenzt.
Damaskus verlangte den Rückzug der Kurden, ein Waffenstillstand wurde vereinbart und gebrochen. In einem Blitzkrieg wurden die kurdischen Kämpfer an die türkische Grenze zurückgedrängt, nach Kobanê, wo die Kurden einst den IS besiegten, und in die multiethnische, multireligiöse Provinz al-Hasaka mit der Grenzstadt Kamischli. Hier dürften sich die Fronten verhärten.
Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) wollen weiter kämpfen.
Der österreichische Politikwissenschafter Thomas Schmidinger hat Nordostsyrien zahlreiche Male bereist: "Diese Gebiete sind stark kurdisch und kurdisch-christlich besiedelt. Hier gibt es militärische Anlagen und Tunnel. Die Kämpfe könnten hier noch länger andauern." Viele klammern sich an die Belagerung der Stadt Afrin: Fast zwei Monate trotzten die Kurden der Bombardierung der Türkei. Schlussendlich wurde die Stadt aber trotzdem eingenommen. Der Irak hat mittlerweile Truppen an die Grenze geschickt – aus Angst, dass die Gefechte überspringen.
Die kurdischen Milizen, die YPG und YPJ, die die SDF dominieren, sind nicht bereit, aufzugeben: "Wir wollen nicht kämpfen, wir wollen nicht, dass Zivilisten sterben“, erklärte Nesrin Abdullah, eine Kommandantin der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ, von der Stadt Kobanê aus bei einer Online-Pressekonferenz. "Doch wir werden uns den Mördern, die einen modernen IS-Staat in Syrien aufbauen wollen, nicht unterwerfen." Eine Generalmobilmachung wurde ausgerufen; Kurden drängen aus der Türkei und dem Irak, die über die Grenze, um Rojava zu verteidigen. "Wir verteidigen nicht nur die Kurden, sondern auch die Christen und Jesiden, die hier leben", sagt Abdullah. Ankara versucht mit Polizeisperren, die türkischstämmigen Kurden daran zu hindern.
Pro-kurdische Demonstranten geraten im Bezirk Nusaybin in Mardin in der Türkei mit der türkischen Polizei aneinander.
Jahrzehntelanger Kampf
"Ich bin sehr pessimistisch, was die Möglichkeit betrifft, dass sich die kurdische Selbstverwaltung militärisch tatsächlich verteidigen kann", sagt Schmidinger. Auch ein Abkommen wie jenes, das vergangenes Wochenende verhandelt wurde, eine Integration der Strukturen in den syrischen Staat, bedeute das Aus der Autonomie.
Hunderttausende Kurden haben jahrzehntelang für Selbstbestimmung gekämpft, politisch wie bewaffnet. Ursprünglich hatte 1920 der Vertrag von Sèvres eine kurdische Autonomiezone im Osten der Türkei vorgesehen. Kemal Atatürk widersetzte sich den Gebietsverlusten, der Vertrag wurde revidiert. Vielerorts haben sich Teile der Kurden nach erbitterten Kämpfen mit beschränkter Autonomie zufriedengegeben, wie etwa der Erlaubnis der eigenen Sprache in der Türkei. Anderorts, in Syrien oder im Irak wurde für mehr Freiheit weiter gekämpft.
Die Selbstverwaltungszone in Syrien, Rojava, galt seit ihrer Gründung 2013 ebenso als basisdemokratisches Sehnsuchtsprojekt vieler westeuropäischer, linker Gruppen und Parteien – wiewohl der Regierungspartei vorgeworfen wurde, Druck auf andere Parteien und die arabische Minderheit auszuüben. Nichtsdestotrotz "hat Rojava im Gegensatz zu allen anderen Projekten in Syrien einen gewissen Pluralismus inne gehabt: die Gleichstellung von Mann und Frau, Mehrsprachigkeit, Säkularismus. Es war nie nur ein rein kurdisches Projekt", sagt Schmidinger. Von einer Autonomie könne man nicht länger sprechen, sagt Arî Milan. "Sondern nur darüber, ob es überhaupt noch Kurden in Syrien geben wird."
Erstarkender IS bedroht auch Europa
Beobachter warnen vor Fluchtbewegungen, auch wieder nach Europa. Zehntausende Menschen sollen vor den Kämpfen geflüchtet sein. Die lokale NGO Hiro Center, ein Partner von der Österreichischen Volkshilfe, berichtet von Geflüchteten, die bei aktuellen Minusgraden und Schneefall auf der Flucht seien: "Die Straßen von Qamishli sind voller geflüchteter Menschen. Zehntausende müssen bei Minusgraden in Autos oder Hauseingängen schlafen. Wir versorgen einige nun mit Decken und Matratzen. Der Bedarf ist enorm."
Zudem beherbergt die Selbstverwaltungszone zahlreiche Gefängnisse, in denen Zehntausende IS-Anhänger festgehalten werden. Ob im Chaos des Gefechts oder bewusst freigelassen, mehreren IS-Gefangenen soll die Flucht geglückt sein. Zwar stammten Al-Qaida und der IS ursprünglich aus dem gleichen jihadistischen Milieu, doch sind sie erbitterte Feinde. Trotzdem gibt es ehemalige IS-Kämpfer, die jetzt in den Reihen der Regierungstruppen kämpfen. Die USA, die einst mit den kurdisch geführten SDF gegen den IS kämpften, planen, ihre 800 bis 1000 Mann aus Syrien abzuziehen, IS-Inhaftierte sollen in den Irak verlegt werden. "Eine Erstarkung des IS gefährdet auch die Menschen in Europa und in Österreich. Dass sie sich fürchten müssen, auf Weihnachtsmärkte zu gehen, in den Urlaub zu fahren, dass Konzerte angegriffen werden", erinnert Milan.
Die syrischen Regierungssicherheitskräfte haben das berüchtigte Lager al-Hol übernommen.
Die Lage im 2.500 Kilometer entfernten Syrien zeigt auch in Wien, wie heterogen die syrische Diaspora ist. Nach dem Sturz Assads feierten die einen auf den Straßen, die anderen warnten vor dem ehemaligen al-Quaida-Kämpfer. Auch diesmal findet man Hasskommentare unter Solidaritätsbekundungen und Protestaufrufen im Netz; Kurden und Araber, die sich pro-kurdisch äußern, berichten von Beschimpfungen. Die Kurden fühlen sich in ihrer Not allein gelassen, Milan appelliert an die internationale Gemeinschaft: "Es ist eine Schande, dass diejenigen, die einst die Welt vor dem Terror beschützt haben, jetzt dem Terror mit Krawatte überlassen werden."
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