Steuert Europa auf eine Energiekrise zu?

Durch die Straße von Hormus geht nichts mehr, jetzt droht Putin auch noch, Europa den Gashahn abzudrehen. Damit trifft er einen wunden Punkt: Auch vier Jahre nach dem Ukraine-Krieg ist Europa erpressbar.
LPG tanker 'Gas Justesen' near Hansweert

Auf den ersten Blick hat es nicht so ausgesehen, als wäre ausgerechnet Russland ein Gewinner des Iran-Krieges. Das Regime in Teheran ist seit Langem strategischer Partner Moskaus, der Iran lieferte Putin für seinen Krieg verlässlich Waffen, und aus Russland floss stetig Geld.

Damit ist es seit Trumps Angriff auf die Mullahs vorbei. Doch der Kremlchef kann auch aus dieser Lage einen Vorteil ziehen: Dass der Iran die Straße von Hormus gesperrt hält und damit den globale Energiemarkt massiv ins Wanken gebracht hat, ist für ihn geradezu ein Geschenk.

Putins Waffe

Auch wenn Russland offiziell vom Westen sanktioniert ist, redet Putin nach wie bei Europas Gasmarkt mit. Noch immer kommen etwa knapp 13 Prozent des Flüssiggases in Europa aus Russland, Hauptbezieher sind Frankreich, Spanien und Belgien. Sie verkaufen das Gas teils auch weiter, zumeist an andere europäische Länder, die offiziell ganz aus russischem Gas ausgestiegen sind.

Dass Katar nun großflächig ausfällt – nicht nur der Export durch das Nadelöhr am Golf ist gestört, auch die größten LNG-Produktionsanlagen wurden wegen Drohnenbeschusses heruntergefahren –, brachte Putin in eine angenehme Lage: Er drohte am Donnerstag damit, gänzlich aus dem Gasgeschäft mit Europa auszusteigen. Das hat sich die EU zwar selbst bis 2027 vorgenommen, gelungen ist das bisher aber nicht.

Angst vor Krise wie 2022

In Europa grassiert darum die Angst vor einer Neuauflage der Energiekrise von 2022. Denn die Preise gehen schon jetzt ähnlich wie damals durch die Decke: Seit Kriegsbeginn im Nahen Osten stieg der Gaspreis um mehr als 50 Prozent, so hoch war er seit drei Jahren nicht mehr. Ökonomen von SEB Research schätzen sogar, dass der Preis binnen eines Monats auf 100 Euro die Megawattstunde steigern könnte, wenn Katar weiterhin ausfällt.

Moskau nützt zudem das Gerangel um das wenige Gas. Schon jetzt machen Tanker kehrt, weil andere Abnehmer für ihre Ladung mehr Geld bieten – ein Total-Energie-Schiff aus Nigeria änderte kürzlich seine Zielrichtung von Europa auf Asien. Dort sind die Ausfälle durch die fehlenden Golf-Lieferungen noch größer als in Europa, dementsprechend mehr bieten Firmen auch, um schnell an Gas zu kommen.

Russland kommt da natürlich wie gerufen. Moskau musste sein Öl und Gas wegen der westlichen Sanktionen auf dem Weltmarkt in den vergangenen Jahren zu Dumpingpreisen verkaufen, das riss im vergangenen Jahr große Löcher in den Staatshaushalt und dämpfte die wirtschaftliche Entwicklung enorm. Die Preisrallye gibt Putin die Chance, die Löcher im Haushalt zu stopfen – Russlands Rohstoffe sind gefragt wie lange nicht.

Woher die EU das Gas importiert

Europa ist erpressbar

Putins Drohgebärde zeigt aber auch, wie erpressbar Europa nach wie vor ist. Zwar wurden die Bezugsquellen von Öl und Gas nach Beginn des Ukrainekriegs stark diversifiziert, aber gerade in den vergangenen Monaten hat Brüssel fast alle Bemühungen, von fossilen Energieträgern loszukommen, eingedampft.

Das geschah nicht zuletzt unter dem Druck der USA. Ein Teil des hoch umstrittenen Zolldeals, den die EU mit Donald Trump schloss, war die Zusage, LNG im Wert von rund 750 Milliarden Dollar aus den USA zu kaufen. Das wäre mehr, als die EU derzeit in Summe importiert – und mehr, als die US-Gasfirmen überhaupt leisten können.

Die Mengenfrage stellt sich auch angesichts der jetzigen Ausfälle. Viele US-Firmen haben bereits klargestellt, dass sie ihre Kapazitäten erst in einigen Monaten hochfahren werden können. Zieht sich der Krieg im Iran über einen längeren Zeitraum hin – und damit ist zu rechnen – , wird es darum zu einem Bieterwettstreit kommen: Länder wie China, Südkorea, Japan und Indien – die Hauptabnehmer von Flüssigerdgas aus Katar – werden sich auf der Suche nach Ersatz an die USA wenden; das treibt den Gaspreis erneut in die Höhe. Das wird dann auch beim Strompreis zu spüren sein. Weil laut geltender Rechtslage das teuerste Kraftwerk den Strompreis für alle Erzeuger bestimmt, reißt der Gaspreis auch den Strommarkt mit sich.

Europaweit werden darum die Rufe nach mehr Autarkie laut. Allein: Der einzige relevante europäische Gaslieferant ist Norwegen – und dort produziert man bereits jetzt komplett am Limit.

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