© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
03/02/2020

Gestrandete Migranten verzweifeln: "Wir sind Spielfiguren des Westens"

Der KURIER ist am türkisch-griechischen Grenzübergang Edirne vor Ort. Bei Migranten und Flüchtlingen schwindet die Hoffnung, es in die EU zu schaffen.

von Armin Arbeiter, Jürg Christandl

Ein Loch klafft im türkisch-griechischen Grenzzaun, über die Klingen des Nato-Drahts wurden Kleider gelegt. Hier haben Migranten und Flüchtlinge versucht, nach Griechenland durchzukommen. Ein Geländefahrzeug der griechischen Armee fährt vor, Soldaten verlegen neue Stacheldrahtrollen, fixieren sie mit Kabelbindern.

Ein Knall ertönt, dann noch einer. Etwa 200 Meter weiter fliegen Tränengasgranaten über den Zaun aufs freie Feld, wo eine Gruppe von 20 jungen Männern Steine auf griechische Polizisten geworfen hat. Noch etwas weiter - etwa 500 Meter entfernt - eskaliert die Situation: In rascher Folge ertönen Explosionsgeräusche von Tränengasgranaten, dazwischen das Stakkato von abgefeuerten Gummigeschossen.

Einige hundert Migranten stehen vor dem Grenzübergang bei Edirne und protestieren, werfen Steine. Immer wieder verlassen Rettungswagen mit Blaulicht den Übergang.

Am Grenzübergang in Edirne haben Menschen versucht, den NATO-Zaun zu überwinden. Die spitzen Stacheln wurden mit Kleidungsstücken abgedeckt.

Doch Griechenland hält die Grenzen dicht, schickt Migranten zurück, Soldaten flicken die Löcher im Zaun.

Die Landgrenze bleibt derzeit geschlossen.

Migranten suchen Alternativrouten.

Doch es dürfte ein aussichtsloses Unterfangen sein.

Sie landen vor verschlossenen Toren und Stacheldrahtzäunen. Griechische Soldaten werfen bei Menschenansammlungen Tränengas auf die Gruppen.

Was tun? Einige Migranten harren aus, andere geben auf, kehren wieder um und nehmen...

...den Bus zurück nach Istanbul.

Noch haben nicht alle die Hoffnung aufgegeben.

Es ist kalt, Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, Kinder suchen die harten Winterfelder nach Maiskolben ab.

Während sich die Lage direkt am Grenzzaun immer mehr verschärft, herrscht nur wenige hundert Meter davor Alltag in den provisorischen Lagern der Migranten und Flüchtlinge: Eine lange Reihe bildet sich vor der Essensausgabe des Roten Halbmonds, Kinder suchen die verdorrten Maisfelder nach Maiskolben ab, Menschen sitzen an kleinen Lagerfeuern zusammen. Nach wie vor sind sie davon überzeugt, bald nach Europa zu kommen.

"Ich kann euch Europäer verstehen, aber..."

Andere wissen, dass das so bald nicht passieren wird: "Sie haben mir alles genommen!", sagt ein älterer Herr, der soeben von den griechischen Behörden zur Grenze zurückgebracht wurde. Er hat eine Platzwunde über dem linken Auge, seine Hände sind verschrammt. Ihm fehlen die Schuhbänder.

Ihm folgen einige junge Afghanen, denen dasselbe widerfahren ist. "Ich kann euch Europäer verstehen, aber verdammt, ich musste aus Afghanistan fliehen. Die bringen mich dort um", sagt er aufgebracht. "Und jetzt sind wir Spielfiguren in einem Spiel, das vom Westen mit seinem Afghanistankrieg begonnen wurde."

Zurück nach Istanbul

Er wird, genauso wie die anderen, die an der Grenze aufgegriffen wurden, wieder nach Istanbul zurückkehren.

Die Busse dafür stehen schon bereit - und zwar 30 Gehminuten von der Grenze entfernt. Dort, vor einer Brücke, warten ungefähr fünfzig Migranten, die von der türkischen Polizei nicht mehr weitergelassen werden. Es kam zu Raufereien, ehe die Beamten Pfefferspray einsetzen. Auf die Frage, wohin der Bus die fünfzig Menschen bringen wird, antwortet der Polizist nur: "Istanbul".

Asylrecht ausgesetzt

Auch an der Grenze bei Kastanies versuchten Montagvormittag Hunderte Migranten, nach Griechenland zu gelangen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) harrten zuletzt rund 13.000 Menschen bei Frost im Grenzgebiet aus.

Griechenland hat reagiert, die höchst Alarmstufe ausgerufen. Premier Kyriakos Mitsotakis stellte am Sonntag noch klar: Griechenland will für einen Monat keine Asylanträge mehr annehmen. Wer es dennoch über die Grenze schafft, wird ins Herkunftsland zurückgebracht.

Schlauchboot selbst versenkt

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex erwartet unterdessen, dass sich die Lage an der griechisch-türkischen Grenze weiter zuspitzt. Zumindest auf der ägäischen Insel Lesbos ist sie offensichtlich bereits eskaliert. Videos zeigen Einheimische, die ein Schlauchboot voller Migranten am Anlegen hindern. Gleichzeitig verprügelten Rechtsradikale NGO-Mitarbeiter und Journalisten.

Auf einem weiteren Schlauchboot ereignete sich ein Drama: 48 Migranten durchlöcherten das Boot laut Medienberichten, als sie ein Patrouillenboot der griechischen Küstenwache erblickten. Grund: Geraten die Menschen in Seenot, ist die Küstenwache verpflichtet sie aufzunehmen und nach Griechenland zu bringen. Das Boot sank, die Küstenwache begann mit der Rettung der Personen - für ein Kind kam allerdings jede Hilfe zu spät.

Allein am Sonntag setzten nach offiziellen Angaben mehr als 1.000 Migranten zu den ägäischen Inseln über.

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