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Politik Ausland
09/30/2020

Erdogans Söldner kämpfen aufseiten Aserbaidschans

Die "Syrische Nationale Armee" ist zu einem Werkzeug für Erdogans außenpolitische Ambitionen geworden.

von Armin Arbeiter, Michael Hammerl

In dem neu aufgeflammten Konflikt um die Kaukasus-Region Berg-Karabach hat die Türkei Aserbaidschan offiziell militärische Unterstützung zugesichert. Man werde bei einem Hilfegesuch Aserbaidschans „tun, was notwendig ist“, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Mittwoch. Inoffiziell hat Ankara längst seine Finger im Spiel – mindestens neun der getöteten Kämpfer aufseiten Armeniens stammen aus Syrien und gehören zur „Syrischen Nationalen Armee“, die unter türkischer Ägide gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad und kurdisch dominierte Milizen kämpft.

Es ist nicht das erste Mal, dass Erdogan diese syrischen Milizen für seine eigenen außenpolitischen Zwecke benutzt – in Libyen kämpfen derzeit Tausende Syrer an der Seite islamistischer Milizen.

Bereits am Dienstag meldete Armenien, die türkische Luftwaffe habe einen armenischen Kampfjet abgeschossen, die Türkei wies das als unwahr zurück. Die Regierung Armeniens veröffentlichte jedoch am Mittwoch Fotos des Flugzeugwracks und bekräftigte ihre Vorwürfe an die Türkei.

Der Konflikt erlebte am Sonntag wohl die schlimmste Eskalation seit beinahe 30 Jahren, woraufhin beide Staaten den Kriegszustand verhängten. Zu den Todeszahlen gibt es derzeit keine unabhängigen Einschätzungen. Beide Staaten behaupten, Hunderte Soldaten der Gegenseite getötet zu haben. Aserbaidschan sprach von insgesamt 2.300 armenischen Toten und Verletzten seit Sonntag.

Die Kampfhandlungen, bei denen schweres Gerät und Artillerie eingesetzt werden, schwappten auch auf die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan über. Berg-Karabach kann geographisch als Enklave betrachtet werden, die vollständig von aserbaidschanischem Staatsgebiet umschlossen ist.

Die international nicht anerkannte Republik von Berg-Karabach schrieb in einem dem KURIER übermittelten Statement am Montag, dass Aserbaidschan gezielt „zivilistische Objekte“ attackieren und damit gegen die Genfer Konvention verstoßen würde. „Aserbaidschans Aggressionen“ sollten im Kontext „systematischer Attacken auf die armenische Bevölkerung“ bewertet werden. Zudem warnte sie davor, dass Baku syrische Milizen als Unterstützung aus der Türkei bekommen würde.

Vertrackte Hintergründe

Die Hintergründe des Konflikts sind vertrackt. Berg-Karabach wird sowohl von armenischer, als auch von aserbaidschanischer Seite, als ein Symbol der nationalen Identität betrachtet. Das Gebiet stand historisch abwechselnd unter armenischem und persischem Einfluss.

Infolge des osmanischen Genozids an den christlichen Armeniern, von 1915 bis 1916, flüchteten viele Angehörige der Minderheit ins russische Zarenreich, nach Berg-Karabach. Seitdem stellen Armenier dort die ethnische Mehrheit.

Zur allgemeinen Überraschung wies die Sowjetunion den gebirgigen Landstreifen 1923 allerdings nicht der armenischen, sondern der aserbaidschanischen Teilrepublik zu. In den folgenden Jahrzehnten war Berg-Karabach einerseits geprägt von einer größtenteils friedlichen Koexistenz von christlichen Armeniern und muslimischen „Aseris“. Andererseits suchte das armenische Teilgebiet bei der sowjetischen Führung immer wieder darum an, Berg-Karabach eingliedern zu dürfen.

1988 kam es in Berg-Karabachs Hauptstadt Stepanakert deshalb zu Demonstrationen, später auch in weiten Teilen Armeniens. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan eskalierte. Die Folge: Beidseitige Vertreibungen und Pogrome. Berg-Karabach stimmte per Referendum deutlich für den Anschluss an Armenien. Zuerst vor, später nach dem Zerfall der Sowjetunion, was zum „Bergkarabachkrieg“ von 1992 bis 1994 führte, den schlussendlich die Armenier für sich entschieden.

Bis heute kontrollieren armenische Soldaten weite Teile Berg-Karabachs und Landstriche in der Pufferzone zwischen der aserbaidschanischen „Enklave“ und Armenien. Der damals beschlossene Waffenstillstand hielt de facto nicht. In einer UN-Resolution wurde Armenien dazu aufgefordert, Soldaten aus Aserbaidschan abzuziehen und Berg-Karabach zu verlassen – was wiederum dem Willen der dort sesshaften Bevölkerung widersprach, für die Armenien mehr als nur eine Schutzmacht ist.

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