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Politik Ausland
09/28/2020

Kampf um Berg-Karabach: "Türkei bedroht die Existenz Armeniens"

Nicht erst seit dem Zerfall der Sowjetunion streiten Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach. In der neuesten Eskalation mischt auch die Türkei kräftig mit.

von Michael Hammerl

Das gegenseitige Belauern in Schützengräben ist vorüber: Am Sonntag brach der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan im Streit um die Region Berg-Karabach wieder aus - mit unerwarteter Intensität. In der Nacht gingen die Gefechte weiter, teils mit schwerem Gerät und Artillerie. Zum ersten Mal seit 1990 wurde auch Stepanakert, die Hauptstadt Berg-Karabachs, von aserbaidschanischer Seite beschossen.

Beide Länder gaben sich gegenseitig die Schuld für die Gefechte und verhängten den Kriegszustand. Schon jetzt muss von der schlimmsten Auseinandersetzung seit 2016 gesprochen werden, als mindestens 200 Menschen starben. Berg-Karabach vermeldete am Sonntag 16 tote und mehr als 100 verletzte Soldaten. Armenische und aserbaidschanische Angaben über Todesfälle auf der gegnerischen Seite variieren massiv.

Berg-Karabach wird zwar vom christlich dominierten Armenien kontrolliert und hauptsächlich von Armeniern bewohnt. Völkerrechtlich gehört die Region - mit geschätzt 145.000 Einwohnern - aber zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sagte sich der Großteil der Bevölkerung Berg-Karabachs via Referendum von Aserbaidschan los. Berg-Karabachs Unabhängigkeit wird bis heute jedoch international nicht anerkannt.

Türkei soll Kämpfer aus Nordsyrien einsetzen

Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, das dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Moskau stärkte Armenien bisher auch den Rücken im Berg-Karabach-Konflikt, liefert gleichzeitig aber Aserbaidschan Waffen. Moskau zeigte sich in ersten Reaktionen am Sonntag zurückhaltend und forderte Friedensverhandlungen.

Das öl- und gasreiche Aserbaidschan setzt auf die Türkei als verbündeten Bruderstaat. Die Türkei dürfte sich deshalb massiv in den Konflikt einmischen. Die Agentur Interfax zitierte am Montag den armenischen Botschafter in Russland mit den Worten, die Türkei habe rund 4.000 Kämpfer aus Nordsyrien nach Aserbaidschan geschickt.

Eine Praktik, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan auch im Bürgerkriegsland Libyen angewandt hatte, um seinen Einflussbereich auszuweiten - mit Erfolg. Es heißt, die Kämpfer würden jetzt schon in Berg-Karabach eingesetzt. Aserbaidschan wies die Vorwürfe zurück.

Erdoğans Forderung

Erdoğan ließ am Montag hingegen mit einer aberwitzigen Forderung aufhorchen. Armenien solle sich aus Berg-Karabach zurückziehen. "Es ist nun an der Zeit, die Krise in der Region, die mit der Besetzung des Berg-Karabach begonnen hat, zu beenden. Die Region wird erneut Frieden und Ruhe finden, wenn Armenien den von ihm besetzten aserbaidschanischen Boden sofort verlässt". Die Türkei stehe "mit allen Mitteln und ganzem Herzen" an Aserbaidschans Seite.

Ein Stellvertreter-Konflikt zwischen der Türkei und Russland - wie etwa in Syrien - zeichnet sich derzeit noch nicht ab. Russland dürfte keine vitalen wirtschaftlichen Interessen in der Region verfolgen und zeigt laut offiziellen Wortmeldungen wenig Interesse an einer weiteren Eskalation.

"Man weiß nie, wann es beginnt"

Im Juli kam es an der direkten Landgrenze zwischen Armenien und Aserbaidschan zu Auseinandersetzungen. Bagrat Galstanyan ist Bischof der nordöstlichen, armenischen Provinz Tawusch. Er meinte Anfang September gegenüber dem KURIER, dass die andauernde Gefahr für die Bevölkerung nichts Neues sei: "Diese militärischen Eskalationen sind Teil unseres Lebens. Unsere Schulen stehen konstant unter Beschuss, die Kindergärten, die Bauern. Man weiß nie, wann es beginnt und wann es aufhört." Kontakt zu Dörfern auf der aserbaidschanischen Seite der Grenze gebe es nicht.

Viel eher versuche man die Sicherheit zu erhöhen, indem man in allen öffentlichen Einrichtungen Bunker und Schutzräume baue. "Es ist eine konstante Bedrohung gegen Zivilisten, gegen 30.000 bis 40.000 Menschen, die auf unserer Seite der Grenze leben."

Nicht nur Berg-Karabach, ganz Armenien sei in den Konflikt involviert. "In Berg-Karabach sind wir alleine gelassen worden. Und wir wissen, wie gefährlich die Türkei ist, die die Existenz Armeniens bedroht", sagte Galstanyan, der Kritik daran übte, dass weite Teile der "internationalen Gemeinschaft" noch immer nicht den Völkermord an den Armeniern zwischen 1915 und 1916 anerkannt hätten.

Historie eines langen Konflikts

In der Geschichte gab es zwei große Einwanderungswellen von Armeniern nach Berg-Karabach. 1805, während der Zarenherrschaft. Später während des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich, von 1915 bis 1916. Das verleiht dem Konflikt seine außerordentliche Emotionalität. Der erste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan fand von 1918 bis 1920 statt, nach der Zarenherrschaft, als beide Staaten für kurze Zeit von Russland unabhängig waren.

Die Sowjets wiesen das Gebiet Berg-Karabach danach der Aserbaidschanischen und nicht der Armenischen SSR zu. In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Kämpfen und Pogromen zwischen beiden Ethnien.

Noch während der Sowjet-Herrschaft, 1988, wollte Berg-Karabach offiziell der Armenischen SSR angeschlossen werden. Der Konflikt kochte wieder hoch, Moskau verhängte vorübergehend direkte Herrschaft über Berg-Karabach und schickte Truppen in die Region.

Am 2. September 1991 rief Berg-Karabach die unabhängige "Republik Berg-Karabach" aus – die bis heute nicht international anerkannt ist. Die Aserbaidschanische SSR entzog Berg-Karabach die Autonomie – obwohl die mehrheitlich armenische Bevölkerung bei einem Referendum klar dafür gestimmt hatte.

Nach dem Ende der Sowjetunion im Jänner 1992 und der erneuten Unabhängigkeitserklärung von Berg-Karabach kam es zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Ein Waffenstillstand seit 1994 gilt nur formal. Bis heute kontrollieren Armenien und Berg-Karabach weite Teile des umstrittenen Gebiets. Friedenspläne wurden bisher nicht umgesetzt. Immer wieder kommt es zu Eskalationen in den Grenzregionen Berg-Karabachs, aber auch entlang der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan.

"Beschlossen, uns selbst zu verteidigen"

Die internationale Gemeinschaft habe zwar im Großen und Ganzen anerkannt, dass Berg-Karabach unabhängig sei, meinte Galstanyan. "Aber Politiker sind Politiker. Sie sprechen mit dir immer über Rechte und ein würdevolles Leben für die Menschen in Berg-Karabach. Aber offiziell weisen sie das dann immer zurück." Im Notfall würde sich niemand für Armenien einsetzen. "Deshalb haben wir beschlossen, uns selbst zu verteidigen." 

Das Ziel sei immer "permanenter Friede" gewesen und es gebe keine andere Lösung des Konflikts, als friedliche Verhandlungen. "Aber wenn die Zeit kommt, uns selbst zu verteidigen, sind wir bereit."

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