Mahnwache für die Opfer in Hanau

© REUTERS/KAI PFAFFENBACH

Reportage
02/20/2020

Entsetzen nach Anschlag in Hanau: "Ich begreife das alles nicht"

Bei einem Anschlag hat ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen. Eine Reportage aus Hanau.

von Sandra Lumetsberger

Hügel, Wälder, Täler – wer mit dem Zug nach Südhessen fährt, sieht erst einmal viel Beschauliches. Und wundert sich nicht, dass Hanau Geburtsort der Brüder Grimm ist. Fußballlegende Rudi Völler ist ebenfalls in der 100.000-Einwohner-Stadt nahe Frankfurt aufgewachsen.

So wie Mutlu, 41 Jahre. Er steht hinter einem Absperrband, rundherum Polizisten, die ein Gebäude abgeriegelt haben. Der Mann findet kaum Worte. Er geht öfter hier in die "Midnight"-Shisha-Bar, erzählt er. Mittwochabend war er nicht dort, zwei seiner Freunde schon. Sie sind jetzt tot.

Ein 43 Jahre alter Deutscher, Tobias R., eröffnete das Feuer, erschoss und verletzte mehrere Menschen, ehe er mit dem Auto flüchtete und in einer weiteren Bar tötete.

Dass in Hanau so etwas passieren konnte, versteht Mutlu nicht. "Deutsche und Migranten leben hier friedlich und schon lange zusammen", er habe bisher keine negativen Erfahrungen gemacht. Mehr kann er jetzt nicht mehr sagen. Ein Bekannter kommt, legt den Arm um seine Schulter. Sie gehen nach Hause.

Auf der anderen Straßenseite fährt ein Konvoi vor. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steigt aus, legt einen Kranz nieder. Rundherum stehen die Menschen, die Arme verschränkt, manche weinen, andere umarmen sich. Irgendwie hat hier jeder jemanden gekannt.

Nudur, eine junge Frau Mitte zwanzig, arbeitete ebenfalls in einer Shisha-Bar und hat jetzt Angst: "Das hätte jeden treffen können. Wer garantiert, dass so etwas nicht wieder passiert?" Sie hat ihren Bruder Mittwochabend in die Innenstadt gefahren, ihm ist nichts passiert, berichtet sie. Aber der Schwester eines Bekannten, sie starb in der zweiten Bar in Kesselstadt.

Der Stadtteil gehört ebenfalls zu Hanau. Mit dem Bus sind es zehn Minuten, es geht vorbei an Villen und Wasser, bis ein paar Hochhäuser auftauchen. Polizisten haben sich vor einem graubraunen Block formiert, dahinter sieht man ein Erdgeschosslokal. "24/7 Kiosk" steht auf der Glasscheibe, daneben "Arena Bar & Café". Auf den Balkonen des Gebäudes sieht man ein paar Menschen, sie rauchen oder haben die Arme verschränkt.

Ein Vater steht mit seinem Sohn auf der Straßenseite gegenüber. Er wohnt nebenan und zeigt auf eine Häuserreihe. Nachts hat es an der Haustür geklingelt, er hat nicht aufgemacht: "Heute denke ich mir, wer weiß, wer das war? Die Polizei oder der Täter selbst?"

Tobias R. hat in diesem Teil der Stadt gewohnt. Über ihn erfährt man an diesem Tag kaum etwas. Keiner habe ihn gekannt. Manch einer ist auch überzeugt, dass er nicht alleine gehandelt hat.

Zurück in der Innenstadt. Den ganzen Nachmittag finden sich Menschen vor der Shisha-Bar am Heumarkt ein; die Blumen und Kerzen werden mehr, auch die Reporter. Ein älterer Mann erklärt vor den Kameras, dass er nicht an einen irren Einzeltäter glaube.

Und überhaupt, erinnert ihn das alles an die NSU-Mordserie. Über Jahre hinweg mordeten mehrere Täter im Untergrund und brachten dabei zehn Menschen um. Diesen Mittwoch starben binnen kürzester Zeit elf Menschen.

"Ich begreife das alles nicht", sagt Petra, eine Mutter, die mit ihrer Tochter hergekommen ist. Es seien auch einige Kinder in ihrer Klasse betroffen, erzählt sie mit Blick auf ihr Mädchen. "Es ist erschreckend, dass so etwas mitten unter uns passiert."

Ähnlich sieht es ein Paar aus der Nachbargemeinde. Antonio, gebürtiger Spanier, der seit 1972 in Deutschland lebt, ist mit seiner Frau in die Stadt gefahren. Um später zur Mahnwache zu gehen, aber auch - wie sie sagt: "Um nicht das Gefühl zur Normalität zu verlieren". Sie komme oft nach Hanau zum Einkaufen, das wolle sie sich nicht nehmen lassen, auch wenn sie es nun mit einem anderen Gefühl tut. 

Neben Ratlosigkeit und Entsetzen macht sich an diesem Tag noch ein anderes Gefühl breit: Zusammenhalt. Gegen Abend wird es am Marktplatz voll. Von der Brüder-Grimm-Statue sieht man nicht mehr viel. Tausende Menschen stehen ganz dicht nebeneinander: Familien, junge wie ältere Menschen - egal, ob hier geboren oder zugezogen.

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