© Ingrid Steiner-Gashi

Politik Ausland
12/30/2020

Von Tel Aviv bis Washington: KURIER-Korrespondenten über ihr 2020

Rückblick: Wie unsere Mitarbeiter im Ausland das sonderbare Jahr erlebt haben.

Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Und das „Trotzdem“ war in diesem sonderbaren Jahr 2020 besonders groß. Auch für unsere Mitarbeiter im Ausland.

Noch selten ist ja so viel ins Ausland geschaut worden wie heuer: Corona war immer und überall, die Nachrichten von Infektionszahlen und Sieben- und sonst viel Tages-Inzidenzen, von Lockdowns und Erleichterungen, von Hamsterkäufen und McDonalds-Stürmungen überschlugen sich. Vielerorts war die Lage noch weit dramatischer und angespannter als bei uns, man denke an Italien, Belgien, Spanien, die USA.

Unsere Korrespondenten und Mitarbeiter vor Ort haben quasi rund um die Uhr für die KURIER-Leser berichtet. Aber wie haben sie selbst dieses „annus horribilis“ erlebt? Wie fühlt man sich im Homeoffice fern der Heimat? Wie übersteht man den gefühlt ewigen Lockdown in Brüssel und das scheinbar ewige Lockdown-Jojo in Jerusalem? Und behält man dabei trotzdem ein Augenzwinkern und seinen Humor?

Persönliche Eindrücke beim Blick zurück auf dieses wahrhaft sonderbare Jahr.

Ingrid Steiner-Gashi, Brüssel: Die wunderbarsten Frites, und ein notwendiges Fahrrad

Es musste erst der Lockdown kommen, bis auch ich es geglaubt habe: Die belgischen Pommes frites sind die besten der Welt! 

Bis Mitte März, als Restaurants zum ersten Mal schließen mussten, gehörten berufliche Mittagessen und Abendempfänge zum unverzichtbaren Arbeitsleben in Brüssel: Leute treffen, Kontakte knüpfen, netzwerken, Ideen auffangen, die Ohren offen halten. Schlagartig war es damit vorbei. Und geschlossen waren – und sind es großteils noch immer – alle Orte, an denen EU-Journalisten ihre Informationen einsammeln: Europäisches Parlament, EU-Kommission und Ratsgebäude.

Was bleibt einem also – außer den exponentiell nervtötenden Videokonferenzen? Richtig: Bei einem –  oft recht schlechten – Coffee-to-go und dem  üblichen Nieselwetter mit diversen Fachmännern und -Frauen eine Frage-Runde im Cinquantenaire-Park zu drehen. Mittlerweile könnte  ich blind durch den Park marschieren.

Aber informationstechnisch viel gehaltvoller sind die in Brüssel so beliebten Pommes-Buden. Eine Portion „Frites“ stehend verzehrt reicht aus, um mit Experten oder Kollegen die neuesten Informationen auszutauschen. Zweimal im Öl frittiert, schmecken sie auch zweimal so gut, machen aber nicht schlanker. Daher gilt seit heuer das mir selbst verordnete Brüssel-Lockdown-Prinzip: Fortbewegung nur noch mit dem Fahrrad.

Dirk Hautkapp, Washington: Anti-Serum zum orangehäutigen Gift

Drei Jahre in Washington Donald Trump zu überstehen, das war wahrlich kein Pappenstiel. Im vierten Jahr Donald Trump plus Corona zu überleben, mehr mental als physisch, das wäre ohne sie nicht möglich gewesen: Kate McKinnon hat mich gerettet.

Wenn nach skandalpraller Fünf-Tage-Woche die Fassungslosigkeit über „ihn“ ins Private zu schlagen drohte, tauchte die kleine, blonde Frau am sechsten Tag verlässlich kurz vor der Geisterstunde im Fernsehen auf – und alles ward gut.

Ob als Kellyanne Conway oder Hillary Clinton, ob als Elizabeth Warren oder Rudy Giuliani oder Jeff Sessions – McKinnon, die First Lady im Weltklasse-Comedian-Satire-Team von „Saturday Night Live“, war mein persönliches Anti-Serum zum orangehäutigen Gift.

Kurzum: Gäbe es den Friedensnobelpreis für lebenserhaltenden Humor, Kate McKinnon verdiente ihn wöchentlich. 2016, kurz nach Trumps Sieg, sang sie herzallerliebst und traurig Leonard Cohens „Halleluja“. Dabei sprach sie mit feuchten Augen in die Kamera: „Ich gebe nicht auf – und das solltet ihr auch nicht.“ – Und siehe da ...

Norbert Jessen, Tel Aviv: Rühr' dich nicht vom Fleck

Pünktlich zum Geburtstag sandte der Bürgermeister eine Mail. Keine Glückwünsche, nur die Mitteilung: „Sie gehören jetzt zur Risiko-Gruppe.“ Musste wohl ein Missverständnis sein: Nach über 30 Jahren als Nahost-Korrespondent kommen die mir jetzt mit Risiko? Aber es ging um Corona und das Alter. Die Mail lautete frei übersetzt: Bleib’ zu Hause, rühr’ dich nicht vom Fleck.

Das Alter spielt eine Schlüsselrolle. Auch der Verkehrsminister ist dieser Meinung. Weshalb ich Augen und Hirn zu testen habe. Das geht beim Hausarzt. Haken: Nach meinem Umzug aufs Land ist dazu ein neuer Meldezettel notwendig. Geht online nur in der Stadt, auf dem Lande nur in echt beim Meldeamt, also Bürgermeister.

Sorry, hat der nicht gerade eine Mail geschickt: Rühr’ dich nicht vom Fleck? Außerdem ist das Meldeamt wegen Corona geschlossen. Ohne Meldezettel aber kein Führerschein.  

Und noch eine Mail, vom Presseamt der Regierung: Mit Ihrem gültigen Presseausweis dürfen Sie sich auch im Lockdown frei im ganzen Land bewegen. Vermeiden Sie den öffentlichen Nahverkehr. Na dann.

Sandra Lumetsberger, Berlin: Blumenwunder und ein Merkel-Rat  

In der Hauptstadt ist alles möglich: Ausgehen zu jeder Zeit, essen wie auf einem Streetfood-Markt in Thailand. Mit dem ersten Lockdown kehrte erst mal Ruhe ein in die Stadt, die sonst keine Sperrstunde kennt. Statt Partygängern aus aller Welt flanierten fast nur mehr Paareinheiten oder Solo-Spazierer durch den Kiez. Irgendwie seltsam.

Aber Corona machte anderes möglich: Die Bewohner im Wohnblock gegenüber schrien sich nicht mehr via Balkon an, sondern klatschten brav fürs Pflegepersonal (währte leider nur kurz).

Andere pflanzten über Nacht prächtige Blumenbeete an einer sonst tristen, hässlichen Straße. Was eine Anwohnerin mit einem rührenden Kärtchen honorierte: „Ich wohne auf der anderen Straßenseite und schau mir Ihren kleinen Garten gerne an! Danke, dass Sie uns in dieser schwierigen Zeit ein Fleckchen Natur geschaffen haben“.

Und wann, bitteschön, gibt’s schon gratis Tipps von der Kanzlerin? Angela Merkel verriet ihre Pandemie-Etikette bei einem der rar gewordenen analogen Termine: Abstand halten, nicht jedem gleich die Hand geben und dafür einem mal etwas länger in die Augen schauen.

Jens Mattern, Warschau: Polnische Nasen und die Maske

Frankfurter Flughafen, Mitte Dezember 2020: Das Gate nach Warschau fand ich, ohne auf Nummer und Bildschirm schauen zu müssen – denn knapp die Hälfte der dort Wartenden ließ die Nase über den Mundschutz schauen, manche hatten die Maske sogar auf das Kinn gezogen: Polen lassen sich eben schwer etwas anschaffen oder verbieten. Und die Regierung in Warschau hat es in diesem Corona-Jahr einfach vertan, die Bevölkerung von der Gefahr durch SARS-CoV-2 wirklich zu überzeugen.

Im Frühjahr wurde an der Weichsel vieles verboten, selbst der Spaziergang im Park und Wald. Dann sollten die verschobenen Präsidentschaftswahlen steigen, Normalisierung war angesagt. Und ab Juni wurde fast alles wieder erlaubt –  auf den polnischen Hochzeiten steppte wie üblich der Bär, und die Corona-Aerosole tanzten fröhlich mit.

Im Herbst stürzte das Land wie andere auch in den zweiten Lockdown, seit Mitte Oktober müssen die Polen selbst im Freien Mund und Nase bedecken. Doch es fehlt der Glaube.

Nur, wenn ich während des Fluges böse schaute, zog mein Sitznachbar kurz die Maske über die Nase. Erlaubt ist, was nicht gesehen wird.

Nicholas Bukovec, Dublin: Der Segen wegfallender Geburtstagsfeste

Handyfotos belegen, es war am 22. April dieses Jahres und somit in der fünften Woche des ersten Lockdown in Irland, als ich die folgenschwere Entscheidung traf: Ich schneide meine Haare selbst. Das Ergebnis konnte sich wahrlich nicht sehen lassen, musste es aber auch nicht, weil eh alle im Lockdown waren.

Mühsam waren nur die beruflichen Zoom-Calls, bei denen ich fortan stets in einem bestimmten Winkel in die Kamera schauen musste, um nicht unnötig Aufsehen zu erregen.

Die Lockdowns waren in Irland länger und härter als in den meisten EU-Ländern, und zwar deshalb, weil die Regierung dem eigenen Gesundheitssystem nicht traut.

Viele Wochen und Monate kaum jemanden treffen zu dürfen, war einerseits hart, andererseits eine Annehmlichkeit und Erleichterung. Nie zuvor hatte ich so viel Zeit mit meiner Frau und unseren vier Söhnen. Und dass dadurch so viele organisierte Freizeitaktivitäten wegfielen, war ein besonderer Segen (4 Söhne x 30 Freunde = 120 potenzielle Geburtstagspartys in Playcentres in und um Dublin).

Simone Weiler, Paris: Die Terrassenkultur kann bleiben

Eigentlich dachten wir im Februar, wir wären aus dem Gröbsten heraus. Ein Ende der Streiks gegen eine umstrittene Pensionsreform, die Frankreich über Monate gelähmt hatten, zeichnete sich ab. Der Frühling konnte kommen!

Der Frühling kam auch, und mit ihm kam das Virus. Und plötzlich mussten wir Ausgangsbescheinigungen ausfüllen und mit uns führen, sobald wir das Haus verließen – und das war höchstens eine Stunde und im Umkreis von einem Kilometer erlaubt. Der Polizist, der mich beim morgendlichen Joggen, 1,8 Kilometer von meiner Wohnung entfernt, kontrollierte, brummte mir trotzdem keine Strafe auf.

Toll war der Sommer, in dem sich ganz Paris in eine einzige Terrasse zu verwandeln schien: Restaurants und Cafés erhielten die Erlaubnis, Tische auf Gehsteigen und Parkplätzen aufzustellen. Jeder war draußen, die Unbeschwertheit in der Stadt an der Seine war plötzlich wieder zurück.

Sie hielt zwar nur bis zum zweiten Lockdown im Herbst. Aber wir hoffen auf ein einfacheres Jahr 2021 – und dass uns die wunderbare Terrassenkultur erhalten bleibt.

Andrea Affaticati, Mailand: Den Nachbarn (und ihrem Essen) sei Dank

In Italien sagt man „Anno bisesto, anno funesto“, will heißen „Schaltjahr, Horrorjahr“. Stimmt, aber wenn man schon ein Leben lang in Italien, genauer gesagt in Mailand, lebt, hat man sich neben so manchem Aberglauben auch ein paar Lebensweisheiten zu Eigen gemacht. Zum Beispiel, dass man das Glas immer lieber halb voll sehen soll als halb leer.

Und in der Tat: Trotz der lähmenden Stille in der Stadt in der Lockdown-Zeit, trotz der  täglichen Artikel über Covid-19, die man schreiben musste, ist mir oft Vittorio De Sicas Film aus dem Jahr 1952 „Das Wunder von Mailand“ in den Sinn gekommen. Und dafür sei meinen Nachbarn gedankt. Vor der Pandemie hat man einander freundlich gegrüßt und das war’s. Die zwei Lockdowns aber haben uns zusammengeschweißt.

Ich habe für sie die Zeitungen mitgekauft, als Dankeschön wurde ich mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt. Die Speisen, die mir an die Türklinke gehängt wurden, um mich bei der Arbeit nicht zu stören, hielten mich bei Leibe, aber vor allem bei Laune. Und dafür ein Grazie mille!

Georg Szalai, London: Statt Ale an der Bar - das Zoom-Pub-Quiz

„Keep calm and carry on“, sagen die Briten gerne, also „ruhig bleiben und weitermachen“. So lautete die Devise auf der Insel grundsätzlich auch im Corona-Jahr 2020. Etliche meiner Insel-Freunde haben aber anders weiter gemacht als vor der Pandemie, und ich habe so manchen Trend mitgemacht – oft mit maximaler Begeisterung, aber minimalem Erfolg.

Das erklärt, warum ich zum Schock meiner Familie jetzt Bananenbrot selbst zubereite.  Und warum ich meine Freundin in ein Gartencenter begleitet habe. Die Lehre: Dass ich keinen grünen Daumen habe, muss man mir nicht durch die Blume sagen.

Es erklärt auch, warum ich an einem (okay, es waren mindestens zwei!) Zoom-Pub-Quiz teilgenommen habe – Pub-Besuch mit Ale an der Bar ging ja nicht. Notiz an mich selbst: Du wirst in diesem Leben die Stars britischer Soap-Operas wie „East Enders“ auch mithilfe von Alkohol am helllichten Tag nie erkennen. 

In diesem Sinne: Prosit 2021 – auch wenn die Insel dann endgültig nicht mehr Teil der EU sein wird.

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