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Leitartikel
06/07/2020

Nach-Corona-Feeling macht sich breit. Schön! Aber warum eigentlich?

Riesendemos, Partys, Strandurlaub: In den Verordnungsnischen macht sich Nach-Corona-Feeling breit. Schön! Aber warum eigentlich?

von Georg Leyrer

Die Menschen sind, das weiß man, wie ein Gummiringerl. Sie lassen sich lange und geduldig (wenn auch in Österreich vielleicht ein bisserl pampert) in eine Richtung ziehen und dehnen. Und dann schnalzen sie in die andere Richtung zurück, und wer dort im Weg steht, kriegt’s ins Auge.

Nachdem man ein Dutzend Wochen lang dazu angehalten wurde, sich schon nach dem Aus-dem-Fensterschauen die Hände zu waschen, schnalzt das Coronagummiringerl derzeit ganz schön scharf in die Gegenrichtung um. Babyelefanten, die (hoffentlich) Antirassisten sind und gerne bei einer der weltweiten Großdemos mitmachen würden, fänden dort keinen Platz: Dicht an dicht stehen Zehntausende.

Öffentliche Plätze füllen sich mit Sonnen- und Menschenhungrigen. Die rücken nach dem langen und angstvollen Eingesperrtsein nicht – wie sonst in Österreich üblich – weg, wenn sich einer zu nahe zu ihnen setzt.

Und ja, die ersten heimischen Touristen sind in Jesolo eingetroffen. Man fährt halt, pomali, pomali, über Slowenien oder die Schweiz, um sich die Quarantäne bei der Rückkehr zu ersparen.

Während noch halbierte Schulklassen brav an Einzeltischen sitzen und sich maximal 100 Besucher im Musikverein verlieren, macht sich anderswo Nach-Corona-Feeling breit. Aus den verständlichsten, gesellschaftlich, menschlich, auch staatspolitisch locker durchargumentierbaren Gründen. Aber war da nicht was?

Und ja, man ist des Argumentationsgerangels zwischen Hammer-Drauf-Absolutisten und Skeptikern aller Facetten (Grippe! Bill Gates!) wahrlich müde. Man hat uns gesagt, dass wir jetzt ein bisserl brav sein müssen. Das waren wir, so sehr, dass es derzeit kaum Erkrankte gibt.

Die Nachfolgefragen aber kann keiner beantworten. Wird es eine zweite Welle geben, und wenn nicht, wie auch der Gesundheitsminister andeutet, warum eigentlich nicht? Wenn ja, wie überstehen wir die, wirtschaftlich, menschlich?

Wann kommt ein Impfstoff oder ein Medikament? Ab welcher Sterberate ist Corona dann allgemeines Lebensrisiko?

Die politisch bitterste: Ist Vorsicht echt nur über Angst durchsetzbar?

Oder: Ist es in Summe doch gescheiter, das gesellschaftliche Gummiringerl in eine neue Normalität zurückschnalzen zu lassen, die stark aussieht wie die alte?

Eine Gesellschaft hält, das merkt man gerade, auf Dauer nur einen bestimmten Spannungsgrad aus. Bei Corona wurde sie verstörend nah an die Bruchstelle herangeführt. Doch statt der Belohnung, die sich viele jetzt in den Verordnungsnischen selbst abholen, steht eine neue Aufgabe bevor: Jetzt gilt es, für sich und gemeinsam, einen vernünftigen Weg zu finden, viele Monate mit Corona zu leben.

Das ist nicht so traumatisch, aber schwieriger als der Lockdown.

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