Alte Zellen verjüngen? Beim Thymus soll es gelungen sein.

© shvili/iStockphoto; KURIER-Bildtechnik

Leben
07/16/2019

Umstrittene Verjüngungskur: Ist das Altern bald umkehrbar?

US-Forscher behaupten, dass ihnen das gelungen sei. Doch viele Fragen sind noch offen.

von Ernst Mauritz, Marlene Patsalidis

Eigentlich ist die Pubertät eine Phase der Weiterentwicklung. Aber die Thymusdrüse (im Brustkorb zwischen Brustbein und Herz) beginnt in dieser Phase bereits mit ihrer Rückbildung. In ihr entwickeln sich Abwehrzellen, die T-Zellen: "Dort lernen sie, zwischen eigenen Zellen und Eindringlingen – etwa Bakterien oder Viren – zu unterscheiden", sagt der Molekularbiologe und Spezialist für Alterungsvorgänge, Günter Lepperdinger von der Uni Salzburg.

"Ab der Pubertät geht die Bildung von T-Zellen mehr und mehr zurück, spätestens um 40 herum ist sie beendet." Thymusgewebe wird durch Fettzellen ersetzt. Dann muss der Körper mit seinen Reserven auskommen.

Die biologische Uhr zurückdrehen

In einer – noch unveröffentlichten – Studie des US-Unternehmens Intervene Immune soll es jetzt bei neun Männern zwischen 51 und 65 gelungen sein, durch eine Kombination von drei Substanzen Thymusgewebe ohne Nebenwirkungen zum Wachsen anzuregen. 

Wie Zeit Online berichtet handelt es sich dabei um das Anti-Diabetesmittel Metformin, das Wachstumshormon hGH und das Sexualhormon DHEA.

Entzündungswerte im Blut gingen zurück. Veränderungen an der Erbsubstanz würden zeigen, dass sich das biologische Alter der Probanden um zweieinhalb Jahre verjüngt hätte. Ein Proband erklärte sogar, dass ihm wieder dunkle Haare gewachsen seien. Laut Studienleiter Gregory Fahy sei erstmals die Lebensuhr zurückgedreht worden – eine umstrittene Aussage.

"Als kleine Pilotstudie ist das interessant – aber es geht in dieser frühen Phase immer auch um Marketing für mehr Mittel", sagt Lepperdinger: "Chronische Entzündungsprozesse gelten als Risikofaktor für viele Erkrankungen, etwa auch Atherosklerose oder Krebs – diese zu dämpfen könnte positiv sein."

Doch möglicherweise steige das Risiko für Erkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet: "Je älter der Thymus ist, desto mehr Fehler passieren bei der Entscheidung zwischen eigenen und fremden Zellen." Und noch sei nicht klar, wie stark das Thymuswachstum tatsächlich angeregt werden könne: "Größere Studien sind notwendig."

"Durchaus spannend"

Für "durchaus spannend" hält Markus Metka, Gynäkologe und Präsident der Österreichischen Anti-Aging-Gesellschaft, die Ergebnisse. Jedoch hätten die Forscher großteils mit altbekannten Mitteln gearbeitet. So sei etwa Metformin "ein alter Hut in der Anti-Aging-Forschung".

Metformin wird unter anderem zur Diabetes-Therapie eingesetzt. Nimmt man es in niedriger Dosierung unter ärztlicher Aufsicht ein, könne der Zuckerstoffwechsel positiv beeinflusst und alterstypische Beschwerden gelindert werden. "Zu viel Zucker lässt die Zellen rascher altern", sagt der Experte. Unterstützend empfiehlt Metka, "den Zuckerkonsum deutlich zu reduzieren".

Das Hormon DHEA zu verabreichen, sei ebenfalls nicht revolutionär. Menschen, denen DHEA fehlt, könne es richtig dosiert ersatzweise verabreicht werden. Davon, es als "tägliches Zuckerl" zu verschreiben, hält Metka nichts.

Vitales Getreide: Stolze 93 Jahre ist Queen Elizabeth II. alt. Ihr Jungbrunnen: Gerstenwasser. Schon seit über hundert Jahren schwören die Windsors auf den pflanzlichen Heiltrunk. Verantwortlich für seine gesundheitsfördernde Wirkung ist Beta-Glucan, ein natürlicher Ballaststoff, der in der Gerste in großen Mengen vorkommt. Für einen Liter Gerstenwasser 100 Gramm Naturgerste waschen, mit zwei Litern Wasser zum Kochen bringen und zwei Stunden köcheln lassen. Den Sud abgießen und pur oder mit Zitronensaft vermischt trinken.

Anti-Aging-Zutaten: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass sich natives Olivenöl gut auf den Körper auswirkt. Einerseits, weil dadurch die Zellalterung verhindert wird. Andererseits kurbelt es auch die Zellreparatur an. Ganz ähnlich wirkt der sekundäre Pflanzenstoff Quercetin. Zwiebeln und Grünkohl enthalten besonders viel davon.

Frischluft tanken: Studien aus Japan zeigen Erstaunliches: Wer zwei Tage im Wald verbringt, produziert um bis zu 50 Prozent mehr Immunzellen. Der Effekt hält bis zu einem Monat lang an. Viel Zeit in der Natur zu verbringen, lohnt sich also.

Immunboost per Nadel: Ebenfalls verlässlich belegt: Wer sich öfter impfen lässt, lebt länger. Das Abwehrsystem wird dadurch aktiviert – und die Produktion der Immunzellen angeregt.
Wurzel der JugendEine in Europa eher unbekannte Pflanze ist die Astragalus Wurzel. In China zählt sie zu den wichtigsten Volksheilpflanzen, da sie  die Lebensdauer der Zellen verlängert, die Blutzirkulation anregt und die Aufnahme von Eisen aus Nahrungsmitteln verbessert. In Amerika wird die Pflanze seit Längerem als Nahrungsergänzungsmittel verkauft.

Körperliches Training: Ausdauertraining kann die  Schutzkappen der  Chromosomen, die Telomere, verlängern, die mit zunehmendem Alter kürzer werden.  Ein  gut trainierter 70-Jähriger kann das biologische Alter eines (nicht so gut trainierten) 55-Jährigen haben – und dessen Kraft und Ausdauer.

Vorbildregionen: Was kann man sich von Regionen abschauen, die einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Menschen aufweisen, die 100 Jahre und älter sind, wie etwa Sardinien oder die japanische Insel Okinawa? Es gibt Gemeinsamkeiten: Die Menschen dort sind zeit ihres Lebens aktiv, geistig und körperlich, familiär und sozial überdurchschnittlich engagiert, sie rauchen nicht oder wenig und die Mehrheit ihrer Nahrungsmittel ist pflanzlich.  Beinahe alle Hundertjährigen sind auch schlank.

Alkohol in Maßen: Wenig Alkohol, zwei Mal die Woche Fisch und wenig verarbeitetes Fleisch sind ebenso ein Kennzeichen der Ernährungsweise vieler Hundertjähriger.

Frische Luft statt Injektion

Wirklich neu sei die Gabe eines Wachstumshormons zur Stimulation des Thymus und die Kombination der drei Substanzen. "Der Mensch ist nur so alt wie sein Immunsystem. Letzteres lange aktiv zu halten, macht also Sinn." Die körpereigene Abwehr vorbeugend durch Hormoninjektionen zu unterstützen, bewertet Metka aber als "problematisch". Das Wachstumshormon könne im Körper unerwünschte Nebenwirkungen haben. Stattdessen empfiehlt Metka natürliche Methoden zur Verjüngung (siehe Infobox oben).

Scheinbar bahnbrechende Ergebnisse seien "immer mit Vorsicht zu genießen". "Die Suche nach der Unsterblichkeit ist eine spannende und vielversprechende Reise, Fakten sind aber nach wie vor Mangelware".

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