Wissen | Gesundheit
16.07.2018

Wie alt können wir wirklich werden?

Ob es für den Menschen möglich ist, älter als 115 bis 120 Jahre zu werden, ist extrem umstritten.

Als „Supercentenarian“ – „Super-Hundertjährige“ – darf sich die Oberösterreicherin Anna Wiesmayr ab kommenden Montag bezeichnen: Da feiert die älteste in Österreich lebende Frau ihren 110. Geburtstag. Supercentenarians sind Menschen, die mindestens 110 Jahre alt geworden sind. Weltweit sind das geschätzte 300 bis 450 – vom Großteil ist das Geburtsalter aber nicht wissenschaftlich überprüft.

113 Jahre sind die geprüften Supercentenarians im Schnitt alt, 117 ist der derzeit älteste Mensch, die Japanerin Chiyo Miyako. Italienische und US-amerikanische Forscher kamen kürzlich im Fachmagazin Science zu dem Schluss: Wer einmal 105 Jahre alt geworden ist, kann – zumindest theoretisch – noch ziemlich lange weiterleben.

Die Forscher untersuchten die Daten von fast 4000 Italienern im Alter von 105 oder mehr Jahren. Und da zeigte sich im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung: Bis 80 Jahre steigt das jährliche Sterberisiko stark an – eine Folge etwa von Herz- und Krebserkrankungen. Doch dann verlangsamt sich der Anstieg des Risikos und bleibt ab 105 Jahren konstant bei rund 50 Prozent.

„Keine Grenze“

„Das aber bedeutet, dass kein fixes Limit für die menschliche Lebenserwartung in Sicht ist“, sagt einer der Studienautoren, Kenneth Wachter von der University of California in Berkeley. Denn die Chance ein weiteres Jahr zu überleben – bzw. das Risiko zu sterben – seien gleich hoch. Der französische Demograph Jean-Marie Robine stimmt dem zu: „Wenn es ein Plateau der Sterblichkeit gibt, gibt es bei der Langlebigkeit keine Grenze.“

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„Von der Theorie her ist das richtig – die Frage ist nur, ob es auch biologisch möglich ist“, sagt der Demograph Marc Luy vom „Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital“ in Wien. Er leitet dort die Forschungsgruppe „Health & Longevity“ (Gesundheit & Langlebigkeit). „Das ist wie mit Schwarz und Rot beim Roulette. Bei jedem Spiel gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 50:50. Man kann also – theoretisch – eine unendlich lange Serie von Schwarz oder Rot haben – aber wie wahrscheinlich ist das?“

Ähnlich auch der Molekularbiologe Univ-Prof. Günter Lepperdinger, der an der Universität Salzburg die Arbeitsgruppe „Regeneration, Stammzellbiologie und Gerontologie“ leitet: „Es ist ein mathematisches Spiel. Aber die Wahrscheinlichkeit, zum Beispiel 120 Jahre alt zu werden, bleibt gering. Wenn es doch jemand schafft, ist das eine Folge der 50:50 Wahrscheinlichkeit.“

Und er verweist auf die internationale Liste der ältesten Menschen: „Da gibt es seit den 90-er Jahren nicht viel Dynamik. Der bisher älteste Mensch, Jeanne Louise Calment, starb bereits 1997 mit 122 Jahren.“ Seither erreichte nur eine Frau ein Alter von 119, der älteste lebende Mensch heute ist 117. Das Durchschnittsalter aller Über-110-Jährigen liegt bei 113 Jahren. „Natürlich gibt es mehr Menschen, die älter als 100 Jahre werden – aber das liegt an der steigenden Bevölkerungszahl.“

Um so ein hohes Alter erreichen zu können, „muss man am Lebensanfang und Ende Glück haben“, sagt Lepperdinger: „Dazwischen spielen Umweltfaktoren eine große Rolle. Ihr Einfluss auf die Sterblichkeit liegt bei ca. 80 Prozent, jener der Gene bei 20, vielleicht 25 Prozent.“

Das Glück besteht zunächst in der individuellen genetischen Ausstattung. „In der Mitte des Lebens sind der Lebensstil und die Umwelt entscheidend – Feinstaub oder Lärm etwa. Das hat es früher nicht gegeben, deshalb haben wir dagegen auch keine Resistenzen ausgebildet. Aber wenn Sie in einer Umgebung ohne solche Umweltbelastungen leben und Sie noch dazu die richtigen Eltern haben, die ihnen die richtigen Gene zur Tumorunterdrückung mitgegeben haben: Dann sind Sie in der Lotterie mit dem Haupttreffer einer Lebenserwartung von 120 Jahren dabei.“

Schwieriger als gedacht

Natürlich könnte ein Durchbruch in der Gen-Forschung die maximale Lebensdauer verlängern: „Aber ein solcher scheint sich schwieriger zu gestalten als man sich das vorgestellt hat“, so Luy.

Ähnlich Lepperdinger: „Es gibt das Konzept, die Idee, nach genetischen Schaltern zu suchen, die man – bildlich gesprochen – umlegen muss, damit kein Krebs entsteht, keine Lungenentzündung, kein Infarkt. Aber wenn es um das genaue Definieren dieser Schalter geht, dann tappen wir im Dunkeln.“ Fazit: „Es gibt ganz viele Hinweise, dass eine Lebenserwartung über 100 oder 110 Jahre ein Glücksfall ist. Da muss wirklich alles zusammenpassen, damit das gelingt.“

Klosterstudie: Was zu Unterschieden bei der Lebenserwartung führt

„Wir suchen ja immer den Schlüssel des langen Lebens: Was muss man machen, um möglichst lang zu leben?“, sagt der Demograph  Marc Luy („Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital“). „Aber in meiner Forschung deutet sich immer mehr  an, dass es diesen Schlüssel gar nicht gibt. Sondern, dass es mehr um ein Umgehen von Sterberisiken geht: Die, die in ein ganz hohes Alter kommen, haben nicht unbedingt etwas Besonderes getan, um so lange zu leben. Sie sind einfach nicht früher gestorben."

Und: „Es macht einen Unterschied, ob man das von der einen oder anderen Seite betrachtet.“ Seine Sichtweise sei auch eine Folge der Resultate der „Klosterstudie“. Seit 1996 werden dafür Lebensdaten von Ordensfrauen  und -männern gesammelt. „Bei der Klosterbevölkerung kann davon ausgegangen werden, dass Frauen und Männer ein nahezu identisches Leben führen“, erklärt Luy.

Eines der ersten Ergebnisse der Studie: Leben in der Gesamtbevölkerung Männer im Schnitt um fünf bis sechs Jahre kürzer als Frauen, ist es bei den Ordenmännern nur ein Jahr weniger. „Das deutet daraufhin, dass die Biologie keinen so großen Einfluss hat.“ In der Gesamtbevölkerung sind es – im Schnitt – vor allem Männer mit geringerer Bildung, deren Lebenserwartung kürzer ist als jene der Frauen. In den Klöstern zeigt sich das nicht: Hier haben wenig  und gut gebildete Männer dieselbe Sterblichkeit.

Faktor Stress

Was genau die Gründe sind, warum Ordensmänner länger leben als Männer  der Gesamtbevölkerung, wird noch untersucht: „Es kann der Lebensstil sein oder auch das Wegfallen bestimmter Berufsrisiken, weil es diese Berufe im Kloster nicht gibt.“

Er persönlich glaube, dass, abgesehen von den fehlenden Risiken etlicher Berufe, die Ordensmänner vom tendenziell geringeren Stress im Kloster profitieren: „Dieser dürfte eine entscheidende und weitgehend unterschätzte Rolle spielen. Aber das erforschen wir noch.“

Die Ursachen der Unterschiede in  der Lebenserwartung „liegen eigentlich nie bei denen, die länger leben, sondern immer bei denen, die kürzer leben. Deshalb sollte man auch nicht danach fragen, was man tun müsse um so lange zu leben, sondern was man tun könne, um nicht früher zu sterben“.